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StartseiteBüchermarktSpott, Witz, Übermut und neue Akzente19.08.2007

Spott, Witz, Übermut und neue Akzente

Italo Calvinos Briefe

Er zählt zu den wichtigsten Schriftstellern der italienischen Moderne und ist längst Teil der Weltliteratur: Italo Calvino, 1923 auf Kuba geboren und 1985 in der Toskana gestorben. In Italien sind seine Romane Schulstoff, aber auch bei uns hatten seine Bücher Erfolg. Wie sehr Calvino die italienische Literatur geprägt hat, kann man jetzt aus einem Band mit Briefen von Italo Calvino erfahren.

Von Maike Albath

Starb in der Toskana: Italo Calvino. (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)
Starb in der Toskana: Italo Calvino. (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)

Ein viel versprechender Abiturient namens Italo Calvino nimmt im Winter 1941 in einer etwas herunter gekommenen Turiner Pension Quartier. Auf Wunsch seiner Eltern, die beide international anerkannte Agronome und Botaniker sind, beginnt er das Studium der Agrarwissenschaften. Eher widerwillig absolviert Calvino Seminare und Übungen, quält sich von Prüfung zu Prüfung und kultiviert nebenbei literarische Interessen, schon seit der Schulzeit im ligurischen San Remo seine eigentliche Passion. Mit seinem Freund Eugenio Scalfari, der in Rom erste Artikel in Zeitschriften unterbringt, pflegt er einen ironischen Wettkampf. In einem Brief von 1942 heißt es:

Es ist Juni
Es ist 8 Uhr 20
Es ist der zehnte
Salve, Eugenio.
Zeitung erhalten, Brief erhalten.
AD ZEITUNG
Entschuldige, es mögen die Prüfungen sein (gestern habe ich eine abgelegt; fast ohne den Mund aufzumachen, habe ich ein 21 eingeheimst), es mag Christina sein (sie ist blond, hat himmelblaue Augen, und die Haut auf ihren Wangen ist weich und frisch wie eine Pflaume), ich habe mir Mühe gegeben, Deinen Artikel zu lesen, aber beim besten Willen nichts davon kapiert. Ein bisschen, weil ich nichts von Wirtschaft verstehe, ein bisschen, weil Du in einer Art und Weise schreibst (entschuldige, aber weißt Du, ich muss es Dir einfach sagen), dass ich keinen Satz zu Ende bringen konnte, ein bisschen, weil Du Begriffe verwendest wie "Praxis" und "Unternehmer" und noch einige andere, an die ich mich nicht mehr erinnere und von denen ich nicht weiß, was sie bedeuten.
SAG MAL HE
Wofür hältst Du mich eigentlich, für einen Ignoranten? Dass meine Erzählungen einem veralteten Genre angehören, das wusste ich schon, bevor es Dir auffiel, ich wusste es sogar schon, als ich sie schrieb. Na und? Alle Großen haben angefangen, indem sie andere nachahmten.


Kämpferisch und selbstbewusst tritt der 19jährige Calvino seinem Freund gegenüber; seine Zeilen bersten vor Tatendrang und intellektuellem Hunger. Vor allem in seinem Gespür für die stilistischen Entgleisungen Scalfaris wirkt Calvino unbestechlich und ohne jeden Zweifel. Das ist eine Fähigkeit, der man in dem gerade auf Deutsch erschienenen Briefband Ich bedaure, dass wir uns nicht kennen häufig begegnet und die sogar zur Voraussetzung seiner späteren Beschäftigung als Lektor werden sollte. Über fünftausend Briefe hat Calvino im Laufe seiner Tätigkeit bei dem Turiner Verlag Einaudi verfasst und damit dem Haus ein dezidiertes ästhetisches Profil verliehen. Natürlich enthält der Band nur einen Bruchteil dieser Schreiben, die dennoch sehr aufschlussreich sind und einen Eindruck von der Arbeitsweise Calvinos vermitteln.

Die neue Sammlung, von Franziska Meier aus einer vierteiligen italienischen Ausgabe und einem Einzelband klug ausgewählt, umfasst die Zeit zwischen 1941 und 1985. Die Briefe streifen Calvinos Lebensstationen vom Beginn seines Studiums in Turin, der Fortsetzung in Florenz, der Verlagsarbeit in Turin, einem Intermezzo als Redakteur bei der kommunistischen Tageszeitung Unità bis hin zu den Jahren des Pendelns zwischen dem Wohnort Paris, wohin Calvino Ende der sechziger Jahre samt Ehefrau und Kind übersiedelt, und Turin und schließlich den langen Sommern in Ligurien und der Toskana. Die Adressaten der Korrespondenz sind der Jugendfreund Scalfari, Calvinos Eltern, Weggefährten, Kollegen, Literaturkritiker und immer wieder Schriftsteller. Der Band schließt mit einem Schreiben vom fünften September 1985 kurz vor seinem Tod. Es handelt sich um eine eilige Notiz an die Literaturwissenschaftlerin Maria Corti, eine Institution in Italien, die Calvino die schriftliche Fassung eines kurz zuvor mit ihm geführten Interviews vorgelegt hatte. Als hätte es der Schriftsteller geahnt, sollte ausgerechnet diese von ihm mit Bedacht komponierte Selbstauskunft - spontane Interviews waren dem Autor nämlich verhasst - den Schlusspunkt seines Werkes bilden. Am Tag darauf erleidet Calvino einen Hirnschlag, an dessen Folgen er am 19. September stirbt.

In dem Band Ich bedauere, dass wir uns nicht kennen können wir zum ersten Mal Italo Calvinos Briefe auf Deutsch lesen. Eine aufregende Erfahrung, denn der große Säulenheilige der italienischen Literatur und bedeutende Verlagsmann gewinnt Konturen - die Sammlung liefert ein facettenreiches Bild einer Intellektuellenbiographie in der italienischen Nachkriegszeit und ist zugleich ein bedrängendes Zeugnis der Widersprüche einer künstlerischen Existenz. Schmerzlich vermisst man allerdings die Antworten der Briefpartner, was ein beklagenswertes Versäumnis der italienischen Ausgabe ist. Bis auf die Briefe an den Jugendfreund Scalfari, in denen Italo Calvino zumindest andeutungsweise etwas von sich preisgibt, fehlt es außerdem an privaten Schreiben. Calvinos Liebesbriefe an die acht Jahre ältere, glamouröse Schauspielerin Elsa De' Giorgi, mit der ihn eine leidenschaftliche Liaison verband, liegen bis heute im Archiv unter Verschluss, ebenso wie die Korrespondenz mit der späteren Ehefrau Chichita und der Tochter Esther. Die - zugegebenermaßen etwas voyeuristische - Teilhabe an seelischen Turbulenzen und alltäglichen Verwicklungen, die normalerweise zum Genuss der Lektüre von Briefen beiträgt und viel über einen Menschen verrät, fällt hier also weg. Auch aus Gründen des makellosen Andenkens dürften die italienischen Herausgeber private Bemerkungen getilgt oder auf den Abdruck intimerer Korrespondenz gleich ganz verzichtet haben. Dabei handelten sie durchaus im Sinne Italo Calvinos, der immer auf größter Diskretion bestand. Persönliche Bemerkungen zu seinem Werdegang und seiner Herkunft hat er sein Leben lang vermieden. Auch aus diesem Grund zählen die frühen Briefe an den Jugendfreund Scalfari, in denen man einem unkontrollierten, aufbrausenden und tief ironischen Calvino begegnet, zu den spannendsten Zeugnissen. Am 11. Juni 1942 schreibt er an Eugenio Scalfari:


A PROPOS GEWISSER BESCHEUERTER DILEMMATA
Künstler ist man, oder man ist es nicht. Wenn man es nicht ist, kann man es nicht werden. Wenn man es ist, kann man als Künstler arbeiten oder als Installateur oder als politischer Schriftsteller und trotzdem Künstler bleiben. Du meinst, Künstler und politische Schriftsteller seien verwandte Berufe, weil beide den Gebrauch der Feder voraussetzen, aber zwischen den beiden besteht ein ebensolcher Unterschied wie zwischen einem Saxophonspieler und einem Glasbläser.
DROHBRIEF
Ich meine es ernst, Eugenio Scalfari. Schwere Schläge hat das Schicksal in letzter Zeit von Freunden für mich bereit gehalten, und ich bin durchaus bereit, sie zu ertragen. Aber wenn Du es so weit treibst, o Eugenio Scalfari, vor mir mit KOTELETTEN zu erscheinen, die auch nur einen Millimeter länger sind als normal, dann, das schwöre ich Dir bei diesem Filippo, an den ich nicht glaube und an den Du zu glauben behauptest, dann ziehe ich Dir den Skalp ganz ab, zwinge Dich, ihn hinunter zu würgen, und meißle Dir das Gesicht eines zeitgenössischen hermetischen Dichters in den Schädel. Ich beschwöre Dich, Eugenio. Tu mir eine solche Schmach nicht an.


Immer wieder überzieht Calvino Eugenio Scalfari mit liebevollem Spott, sprudelt vor Witz und Übermut und macht sich in mehreren Briefen über dessen gravitätische Schreibweise und staatstragende Manier lustig. Bei dem lauthals beschworenen "Filippo", an den Calvino, wie er zugibt, im Unterschied zu Scalfari nicht glaube, handelt es sich um ein Privat-Synonym für Gott. Mit Phantasie und voller Humor weiß Calvino dem Freund seinen Turiner Alltag zu schildern. Scalfari, der für einige faschistische Publikationsorgane schrieb, nicht in den Widerstand ging, dann aber zu den Mitbegründern der linksliberalen Partei partito d'azione gehörte, sollte nach dem Krieg zu einem der bedeutenden Blattmacher Italiens werden und das Wochenmagazin L'Espresso sowie die Tageszeitung La Repubblica gründen. Nach und nach deutet sich ein Riss zwischen den beiden Freunden an. Zur Entfremdung mag auch die Lage Italiens nach der Kapitulation im September 1943 beigetragen haben. Während im Süden die Alliierten die Halbinsel besetzen, entbrennt in Mittel- und Norditalien der Partisanenkampf. Im Juli 1945 schreibt Calvino:

Lieber Eugenio,
ich dachte schon, Du seiest tot, nachdem ich auf meine verschiedenen Schreiben, die ich Dir seit der Befreiung geschickt habe, keine Antwort bekam, bis ich dann neulich endlich Deine Karte erhielt. Wir sind alle am Leben; Ihr "dort unten" werdet nie begreifen können, was diese Zeit für uns bedeutet hat und wie glücklich sich jeder schätzen kann, der sie überlebt hat. Ich kann das mit mehr Grund sagen als jeder andere, da mein Leben in diesem letzten Jahr eine einzige Folge von Umschwüngen war: Ich war die ganze Zeit Partisan und bin durch eine Menge unbeschreiblicher Gefahren und Entbehrungen gegangen; ich habe Gefängnis und Flucht kennen gelernt, mehrmals habe ich dem Tod ins Angesicht geschaut. Doch ich bin zufrieden mit allem, was ich getan habe, mit dem Kapital an Erfahrung, das ich angesammelt habe, ja, ich hätte gern noch mehr getan. Jetzt mache ich journalistische und politische Arbeit. Ich bin Kommunist und der Sache ganz ergeben.



Ein anderer, ernsterer und verantwortungsbewussterer Calvino wird hier erkennbar. Mit dem Krieg und der Erfahrung des Partisanenkampfes hatte bei dem ehemaligen Studenten der Agrarwissenschaften ein Reifeschub eingesetzt. Er fühlt sich unabhängiger von den Erwartungen seiner Eltern und weiß jetzt, worauf es ihm ankommt. Er will schreiben, sich mit Literatur beschäftigen und am politischen Wiederaufbau seines Landes partizipieren, was er - ebenfalls typisch für seine Generation - mit großem Idealismus tut. Calvino arbeitet bei verschiedenen kommunistischen Zeitschriften mit und darf als Kriegsteilnehmer direkt in das Hauptstudium der Literaturwissenschaften einsteigen. Turin, mit seiner strengen Intellektualität und den großen liberalen Traditionen genau der richtige Ort für Calvino, wird erneut zu seiner Basis. Hier lernt er den Schriftsteller Cesare Pavese kennen, der 1933 gemeinsam mit seinen Freunden Giulio Einaudi und dem von den Faschisten getöteten Leone Ginzburg den Verlag Einaudi gegründet hatte. Pavese liest Calvinos Erzählungen und engagiert ihn 1946 als Mitarbeiter. Es ist die große Pionierzeit des Verlages. Schon unter Mussolini hatten die drei Freunde es geschafft, neue Akzente zu setzen. Schon damals zählten neben unbekannten Theoretikern vor allem amerikanische Schriftsteller zu ihrem Programm. Jetzt, in den ersten Jahren der Nachkriegszeit, bringt Einaudi gesellschaftliche Strömungen und Buchserien in ein enges Wechselverhältnis. Über Jahrzehnte prägt der Turiner Verlag die ästhetischen und philosophischen Debatten des Landes. Mit der Veröffentlichung von Proust, Melville, Hemingway, Carlo Levi, Primo Levi, Pavese, Ginzburg, Bassani, Morante und Bulgakov bis hin zu Benjamin, Adorno, C.G. Jung, Gombrich, Panofsky, Levi Strauss, Roland Barthes sowie der Herausgabe bahnbrechender Enzyklopädien schreibt Einaudi Kulturgeschichte. Und Calvino ist mittendrin, entdeckt neue Talente, entwickelt Ideen für Buchprojekte und Zeitschriften, diskutiert literaturtheoretische Fragen. Von dieser Phase seines Lebens zeugt ein Großteil der Briefe, abgefasst in einem sachlicheren Ton, die dennoch vor intellektueller Entdeckerlust sprühen. Die Liste der Adressaten liest sich wie ein Abriss der italienischen Literaturgeschichte: von der Kollegin und Freundin Natalia Ginzburg über die Mentoren Elio Vittorini und Cesare Pavese, bis hin zu Pier Paolo Pasolini, Leonardo Sciascia, Primo Levi, Elsa Morante und Anna Maria Ortese sind unzählige bedeutende Namen vertreten. Die Briefe aus jener Zeit sind von einem unbändigen Zukunftswillen durchdrungen: gemeinsam mit seinen Freunden war Calvino überzeugt von der Veränderbarkeit Italiens. Die Hoffnung auf eine neue, offenere Gesellschaft mit laizistischen Werten und der Wille, sie aktiv zu gestalten, sind fortwährend spürbar. Seinen Autoren tritt der Lektor Calvino mit einer Mischung aus Ermutigung und Strenge gegenüber. An Marcello Venturi, Widerstandskämpfer wie Calvino und enger literarischer Weggefährte jener Jahre, schreibt er im Mai 1950:

Lieber Marcello,
am 3. Januar hast du mir das Manuskript geschickt, und am 3. Mai antworte ich Dir. Vier Monate: Du bist wütend auf mich, und Du hast recht; aber die Verlagsarbeit spielt sich in einer Flut von Papier ab, wo tagtäglich die neueren und dringenderen Sachen die älteren versenken. Ich will Dir sagen: Ich hatte angefangen, den Roman zu lesen, und gesehen, dass er mir nicht gefiel. Doch um Dir zu antworten, wollte ich mir Zeit nehmen, bis ans Ende zu kommen, weil es mich interessiert und weil Du es mir empfohlen hattest. Der Roman gefällt mir nicht, weil es da diese alte Geschichte von Sega gibt, die mir schon in der ersten Fassung nicht gefiel, weil es da diese unsympathischen, sprücheklopfenden Grubenarbeiter gibt, und vor allem, weil Du gelegentlich "vom Sonnenuntergang entflammte Berge", "im Licht gleißende Luft" oder "dichte Tannentempel" hervorkramst. Wer hat Dir beigebracht, solches Zeug zu schreiben? Wo ist die schöne, trockene und saubere Sprache Deiner Erzählungen hin? Was liest Du? Das Buch hat viele Vorzüge, Momente, in denen es eine gewisse Intensität erlangt, scheint mir, und dann ist es ziemlich solide aufgebaut. Aber was taugt das alles, wenn usw. usf.? Lass' Dich also nicht vom Publikationswahn packen, wenn Du publiziert hast, was hast Du dann davon? Du wirst genauso ein unglückseliger Kerl wie ich, der entweder von vorn anfangen oder zu schreiben aufhören muss; warte zehn, fünfzehn Jahre mit dem Publizieren, aber lies unterdessen mit System, studier ein bisschen gründlicher, begreif besser, was Du eigentlich machen willst. Leg' Dich ins Zeug, ich erwarte Dich und hoffe, bald etwas Wunderschönes von Dir zu lesen. Ciao, Calvino


Dabei spart Calvino, der 1947 mit seinem Widerstandsroman aus der Froschperspektive Wo Spinnen ihre Nester bauen bekannt geworden war und etliche Projekte angefangen und wieder zu den Akten gelegt hatte, nicht an Selbstkritik. Das Paradigma des Neorealismus, für sein Debüt entscheidend, schien ihm überkommen. Nicht nur Marcello Venturi, auch anderen Freunden gegenüber klagt er sein Leid: ästhetisch sei er in einer Sackgasse gelandet und längst Opfer bestimmter Schreibformen und Sprachschablonen geworden. Italo Calvino zählt zu den Schriftstellern, denen die literarische Arbeit große Qualen abverlangt. Er beginnt schließlich, die märchenhafte Komponente seines Erzählstils weiter zu entwickeln, und 1952 gelingt ihm endlich wieder ein Coup: mit Der geteilte Visconte veröffentlicht er den ersten Band seiner allegorisch-phantastischen Trilogie Alle unsere Vorfahren, die heute zum Kanon der italienischen Literatur gehört. Dass hier die Verstümmelung und Selbstentfremdung des modernen Menschen - ausgedrückt in dem buchstäblich geteilten Helden - überwunden und eine ganzheitliche Existenz als Ideal formuliert wird, drückt den didaktischen Optimismus Calvinos aus. Noch glauben er und seine Freunden daran, die Zukunft nach ihren Vorstellungen zu formen, und sei es über Verlagsarbeit und politische Initiativen. Doch schon bald sollte eine Ernüchterung einsetzen. 1956 wird der Ungarn-Aufstand durch die Sowjetunion brutal niedergeschlagen, und Calvino entscheidet sich wegen der Unbeweglichkeit der kommunistischen Partei PC in ein Jahr später schweren Herzens zum Austritt. In einem ebenfalls abgedruckten Schreiben an den Vorsitzenden Togliatti motiviert er diesen Schritt: er habe gehofft, dass sich Italien an die Spitze einer Erneuerungsbewegung setzen und die Methoden der Machtausübung kritisieren würde, aber diese Chance sei verspielt worden. Immer stärker machen sich in den folgenden Jahren Skepsis und Müdigkeit breit. Sowohl die Kultur als auch die Gesellschaft scheinen Calvino starr und chronifiziert. Als Reaktion versenkt er sich tiefer in theoretische Fragestellungen. Aber den größten Teil seiner Zeit widmet Calvino nach wie vor nicht den eigenen Projekten, sondern den Büchern der anderen. Eine lohnende Aufgabe, wie er später befindet. Dass Einaudi Modellcharakter für die gesamte italienische Verlagswelt gewinnt, erfüllt ihn mit Stolz. 1967 siedelt der Schriftsteller mit seiner Familie nach Paris über. Er begeistert sich für Semiotik, denkt über Zeichenfunktionen und narrative Prozesse nach, beschäftigt sich mit der Kombinatorik von Tarockkarten und übersetzte mit Queneau einen Wortführer der französischen Avantgarde ins Italienische. In seinen Essays weist er dem Leser als sinnstiftender Instanz eine zentrale Rolle zu. Gleichzeitig erhält sich Calvino sein Faible für Spiele und Possen und betont immer wieder die Notwendigkeit eines Ichs, das sich innerhalb bestimmter Raum-Zeit-Koordinaten bewege und dessen Erfahrungen ebenfalls Teil der fiktionalen Maschinerie seien. Auf diesem Hintergrund entsteht 1972 sein filigranes Prosawerk Die unsichtbaren Städte. Das Artifizielle an literarischen Gebilden hervorzukehren und zugleich auf dem Erzählen von Geschichten zu insistieren, sind die beiden Triebfedern seiner Arbeit. Aber so perfekt sich seine Prosa liest, so kristallin und schwebend, so tief steckt Calvino privat in der Krise. An seinen Freund Pietro Citati schreibt er im März 1972 aus San Remo:


Ich bin furchtsam geworden. Je mehr ich mich ins Privatleben zurückgezogen habe, um so mehr erscheinen mir all die kleinen Probleme riesig. Und außerhalb des Privatlebens reicht mir die Zeitungslektüre jeden Morgen, um meiner Furchtsamkeit mit den Bildern einer bedrohlichen und entsetzlichen Welt Nahrung zu geben. Und wenn ich in dieser Verfassung bin, vermag ich ans Schreiben gar nicht zu denken. Zum Glück ist meine Tochter Giovanna da, sie ist (abgesehen von der ständigen Sorge bei dem geringsten Anzeichen, sie könne krank werden) die einzige Frau in meinem Leben, die mir nur Freude gibt und keine Spannungen. Weshalb dieser Brief nur zum Teil depressiv ist und im übrigen heiter, wie das Leben Eures sehr lieben
Italo


Schwermut und Heiterkeit begleiten den Schriftsteller bis zu seinem überraschenden Tod 1985. Manche Briefe mögen nur für Kenner der italienischen Szene interessant sein, mitunter erschlägt einen die Fülle an Details. Dennoch bietet der Band eine großartige Möglichkeit, Italo Calvino neu zu entdecken und die italienische Kulturwelt von Innen kennen zu lernen. Zum Genuss der Lektüre trägt die sorgfältige Edition von Franziska Meier mit Zeittafel, Namensliste, erhellendem Nachwort und hilfreichen Kommentaren ebenso bei wie die vorzüglich leichtfüßige und elegante Übersetzung von Barbara Kleiner. Am Ende ist man von Italo Calvinos Lust an der Sprache, an den Büchern und an der Literatur infiziert.

Buch der Woche: Italo Calvino, Ich bedauere, dass wir uns nicht kennen. Briefe 1941 - 1985. Ausgewählt und kommentiert von Franziska Meier. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Carl Hanser Verlag 2007, 395 Seiten. 27, 90 Euro.

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