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StartseiteDLF-MagazinEs fehlt an Lehrern07.01.2016

Sprachkurse für FlüchtlingeEs fehlt an Lehrern

Sprache ist der Schlüssel zur Integration - das hört man in der Flüchtlingsdebatte immer wieder. Doch es mangelt an gut ausgebildeten Lehrkräften - und die, die es gibt, sind häufig schlecht bezahlt. Experten fordern, die Themen Sprache und Integration in die Verantwortung der Kommunen zu legen.

Von Claudia van Laak

Der Teilnehmer eines Deutschkurses für Asylbewerber macht sich im Unterricht in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) am 11.11.2015 Notizen.  (pa/dpa/Schmidt)
Unter den Flüchtlingen sind auch Analphabeten - für die Lehrer eine besondere Herausforderung. (pa/dpa/Schmidt)
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Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg - Nuray Yagmur steht vor ihrer Klasse - derzeit sechs Männer aus Syrien und Afghanistan.

"Größtenteils haben wir in den meisten Flüchtlingskursen nur Männer, die den Kurs wahrnehmen, nur wenige Frauen, leider."

Die Deutschlehrerin mit türkischen Wurzeln soll den Flüchtlingen nicht nur die neue, für sie völlig fremde deutsche Sprache beibringen, sondern auch noch Lesen und Schreiben. Das ist mühsam, für die Analphabeten genauso wie für die Dozentin.

Vielleicht ist es für den ein oder anderen männlichen Flüchtling ungewohnt - doch sie akzeptieren die Autorität der jüngeren, energisch auftretenden Frau. Nuray Yagmur lässt die Männer aufstehen und sich hinsetzen, wirft demjenigen, der etwas sagen soll, einen Ball zu. Bewegter Unterricht - so prägen sich die deutschen Begriffe und Dialoge besser ein.

Erster Deutschkurs nach 17 Monaten

In der letzten Woche hat die Deutsch-Dozentin ein Plakat mit ihren erwachsenen Schülern gebastelt, das jetzt an der Wand des Klassenraums hängt. Zu sehen sind eine Pizza, ein Teller Nudeln, ein Schnitzel mit Kartoffeln, daneben stehen die deutschen Begriffe. Nuray Yagmur zeigt auf die Bilder.

"Sie sind Kellner, Sie sind Gast. Bitte lesen Sie. Guten Tag. Was möchten Sie essen? Guten Tag. Ich hätte gerne Pizza mit Salat."

Naqibullah Yaqbi ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Seit 17 Monaten lebt er in Berlin, wartet auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag. Deutsch hat er bislang kaum gelernt, dieser Kurs ist sein erster.

"Ich keine Schreiben, keine Lesen. Ein bisschen Schreiben und Lesen ist besser. Ist meine Lehrerin sehr schön."

Nuray Yagmur lächelt- das Lob ihres afghanischen Schülers ist eine kleine Belohnung für den anstrengenden Deutschunterricht: Immer sehr laut und sehr deutlich sprechen, die Sätze mit Gestik und Mimik unterstreichen, um halbwegs verstanden zu werden - das kostet Kraft. Eine feste Stelle wäre schön, sagt die Dozentin, die wie alle anderen auf Honorarbasis arbeitet.

"Rentenversicherung und Krankenversicherung müssen wir alles selber bezahlen. Wenn dann die Ferienzeit dazwischen kommt, bleibt dann nicht wirklich viel übrig zum Überleben."

"Es ist wirklich ein Skandal, dass so ein wesentlicher Teil der Integrationsarbeit, den wir auch öffentlich immer groß verhandeln, dass der auf den Schultern von schlecht bezahlten, nicht altersversicherten Leuten ruht. Das hat auch Auswirkungen auf die Ausbildung," sagt Professor Christoph Schröder. Er leitet den Arbeitsbereich "Deutsch als Zweitsprache" an der Universität Potsdam. Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung hat Schröder gemeinsam mit anderen Experten eine Studie zum Thema "Spracherwerb und Sprachvermittlung für Flüchtlinge" erarbeitet.

"Im nächsten halben Jahr muss die Zahl der gut ausgebildeten Lehrer erhöht werden und im nächsten halben Jahr muss der Zugang zu Kursen von neuzugewanderten Menschen garantiert werden."

20.000 neue Lehrer benötigt?

Sprachwissenschaftler Schröder wirbt auch dafür, das Konzept der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verantworteten Integrationskurse zu überdenken. Die Expertenkommission spricht sich dafür aus, die Themen Sprache und Integration in die Verantwortung der Kommunen zu legen. Schließlich wisse man vor Ort genau, welche Kompetenzen benötigt würden.

"Seit Bestand der Integrationskurse ist die Arbeitslosigkeit unter Ausländern nicht weniger geworden. Wir sagen zwar, die Integrationskurse sind ein Erfolg, so und so viel tausend Menschen haben den Test bestanden. Aber können wir das wirklich daran messen? Ich halte das für problematisch."

Wie viele Deutschlehrer für Flüchtlinge zusätzlich benötigt werden, lässt sich derzeit nur schätzen. Die Kultusministerkonferenz geht von 20.000 aus - allerdings nur für die Schulkinder. Die lernen bekanntlich leichter Deutsch als die Erwachsenen.

"Ich bin Arman. Ich bin 11 Jahre alt."

"Ich bin Saria, ich bin 10 Jahre alt, ich komme aus Syrien, ich spreche arabisch, englisch, türkisch und ein bisschen deutsch."

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