Dienstag, 21.11.2017
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum Bullshit-Sprech grassiert07.09.2017

Sprachliche VerblödungWarum Bullshit-Sprech grassiert

"Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es so viel Bullshit gibt", schreibt der US-Soziologe Harry G. Frankfurt. Aber was ist Bullshit überhaupt? Wer spricht so? Das gerade erschienene Kursbuch 191 befasst sich mit diesem Phänomen, das uns einlullt und verunsichert.

Von Ursula Storost

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Eine gestellte Szene zeigt einen Wanderer in Sommerkleidung in den schneebedeckten österreichischen Alpen, in der Hand einen rotfarbenen BH. (dpa / picture-alliance / Alexander Vilf)
Bullshit, laut Duden etwas Dummes, Ärgerliches, schlicht Unsinn: -und inzwischen salonfähig? (dpa / picture-alliance / Alexander Vilf)
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Wir leben in Wahlkampfzeiten. Natürlich gibt es im Fernsehen passende Sendungen. So Ende August im Ersten. Unter dem Titel "Überzeugt uns" sollten vor allem junge Menschen informiert werden. Eine sehr junge Moderatorin und ein älterer Moderator befragten Politiker. Und das ging so:

"Nur zur Information, diese Show ist eine Sendung für die Generation Y, deren Aufmerksamkeitsspanne ungefähr so lang wie ein Katzen-gif ist. Seien Sie nicht böse, wenn wir unterbrechen ..."

Sekundenfragen, Sekundenantworten. Denn Menschen, das will eine kanadische Studie herausgefunden haben, hätten eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal acht Sekunden.

"Vervollständigen Sie bitte die folgenden Sätze. Frau Suding, dass ein Vorstand 50 mal mehr verdient als ein Arbeiter, ist ..."

Deshalb muss alles blitzschnell gehen. 

"Das war ein furchtbar langer Satz. Gratulation. Herr Stegner, mal sehen ob Sie es kürzer können ..."

Gefällt mir oder gefällt mir nicht

"Das Ende vom Lied ist, dass Sie in jedem dieser Fälle Politiker zwingen, und das könnte ich jetzt auch für die Themen Religion, Wissenschaft usw. anwenden, die Politiker zwingen, in einem Satz, in Sekundenschnelle ein komplexes Ereignis, ein komplexes Argument in einen Satz zu bringen."

So entstünde ein Reiz-Reaktions-Schema, bei dem es gar nicht um eine fundierte Auseinandersetzung und Meinungsbildung geht, sagt der Politikwissenschaftler Peter Felixberger. Deshalb, so der Mitherausgeber der Kursbücher, sei so eine Wahlsendung Bullshit. 

"Wir kommen dann letztlich auf eine Bewertungsebene oder auf eine normative Ebene, wo der Zuschauer, Zuhörer eigentlich nur noch sagt, gut oder schlecht. Gefällt mir oder gefällt mir nicht."

Anspruchsvoll, aber inhaltsleer

Daumen hoch oder Daumen runter, das kennt man aus dem Internet. Der Duden definiert den Bullshit als etwas Dummes, Ärgerliches, schlicht Unsinn. In der englischen Umgangssprache meint man damit eine bestimmte Art von Gerede, die anspruchsvoll daherkommt, inhaltlich aber leer ist.

Mainzer Fans sorgen für Stimmung auf der Tribüne des heimischen Bruchwegstadions und geben auf einem Transparent ("Stoppt den Bullshit") gleichzeitig ihr Mißfallen über den Saisonstart zum Ausdruck. (dpa / picture-alliance / Ronald Wittek)Der Duden definiert den Bullshit als etwas Dummes, Ärgerliches, schlicht Unsinn. (dpa / picture-alliance / Ronald Wittek)

Dass Bullshit sich in den letzten Jahren so ausgebreitet hat, widerspricht eigentlich der Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer komplexer wird, resümiert Peter Felixberger. Aber vielleicht sehnen sich die Menschen gerade in einer unübersichtlichen Welt nach Einfachheit, danach, dass komplexe Sachverhalte in Schlagwörter gefasst werden.

"Ich geb' Ihnen ein Beispiel. In einem Unternehmen geht es heute darum, dass man möglichst innovativ ist. Wer innovativer ist, also bessere, neue Produkte macht, ist am Markt stärker und wird ökonomisch erfolgreicher sein. Um dieses Wort innovativ hat sich eine ganze Sprache gebildet. Bei Unternehmensberatern, bei Consultans, bei all diesen Leuten, die versuchen, Unternehmen zu beeinflussen, sprachlich, und die tun das mit genau diesen Begriffen, die im Grunde wie Kondensate sind, aber nichtssagend sind."

Hippe Denglizismen

Einer, der die Innenansichten von Unternehmen kennt, ist Markus Baumanns. Der promovierte Historiker ist Unternehmensberater. Hippe Denglizismen sind ihm gut bekannt. 

"Wie value geadded zum Beispiel. Das heißt, wir wollen also Wert schaffen. Aber wenn man das auf Englisch sagt, dann klingt es irgendwie cooler. Und dann klingt es geheimnisvoll und wirklich sehr, sehr professionell. Dahinter ist aber meist heiße Luft."

Inzwischen, so Markus Baumann, spüren nicht nur Führungskräfte in Unternehmen, dass hippe Begriffe zu wenig sind, um produktiv zu arbeiten und Menschen zu motivieren. Sein Plädoyer: Lasst euch nicht durch Worthülsen blenden, sondern folgt eurem Urteilsvermögen. Dazu gehört auch, "den Mut dazu zuhaben, das zu tun, übrigens gegen Hierarchien. Und wir möchten gerne Mut machen, dem eigenen Menschenverstand zu trauen und den Mund aufzumachen. Und man wird sich wundern, wie viel Gleichgesinnte man dann im Kern doch findet."

Jede Menge Humbug

Selbst vor der Volkswirtschaftslehre macht Bullshit nicht Halt, sagt der in Witten-Herdecke lehrende Wirtschaftsprofessor und Philosoph Birger Priddat. Volkswirtschaftler würden jede Menge Humbug reden, was sich nicht nur auf die Begrifflichkeit beschränke.

"Also in dem Sinne, dass man einem Unwahres, Unüberlegtes, Ungenaues sagt. Aber massiv behauptet. Dass dort Dinge festgeschrieben werden, gleichsam wie Gesetze. Und keiner hat darüber nachgedacht, was sie bedeuten. Und das nenne ich Bullshit. Ich find, da ist 'ne Passung."

In der Volkswirtschaftslehre gebe es ganze Theorien, so Birger Priddat, über die man nur den Kopf schütteln könne. Zum Beispiel wird behauptet, wenn der Mensch wirtschaftlich handelt, etwas kauft, entscheidet er rational. Das heißt er nimmt das Beste. Das würde die Leute doch total überfordern. Schon vorm gut gefüllten Supermarktregal.

Kunde am Kühlregal im Supermarkt (imago/biky)Ökonomen behaupten, wenn der Mensch wirtschaftlich handelt, etwas kauft, entscheidet er rational - doch stimmt das? (imago/biky)

"Und jetzt kommt der Philosoph und sieht sich das an und sagt, mein Gott, wie kann er denn aus der Menge der Möglichkeiten die beste erkennen? Und dann kommt der Kognitionswissenschaftler und sagt, naja, mehr als fünf, sechs Alternativen können wir gar nicht ernsthaft überblicken. Und dann kommt der Psychologe und der sagt, na gut, dann ist die Rationalität ja eigentlich nur eine begrenzte Rationalität. Weil dann könnte es ja sein, dass alles das, was wir nicht sehen, dass darin die besseren Alternativen gewesen wären." 

Auch Gefühle, Moralvorstellungen, Selbstlosigkeit oder einfach gute Laune beeinflussen unsere Entscheidungen und prägen unser Handeln. Und das, so Birger Priddat, komme in den bisherigen Modellen der Ökonomie nicht vor. Deshalb brauche die Ökonomie neue Ansätze und Handlungsmodelle.

"Und jetzt kann man nur erwarten und das erwarte ich schon, dass die jungen Leute, aber auch die, die selber reflektiert sind und immer mal wieder drüber nachdenken, wie die Wissenschaft laufen kann, dass die beginnen, ihre Modelle aufzubrechen, transdisziplinärer zu denken. Und da bewegt sich vieles." 

Wie man Bullshit vermeidet

Man müsse heute völlig neu denken, bisher Geltendes gegen den Strich bürsten, um Bullshit zu vermeiden. Globalisierung, Digitalisierung und dynamische Märkte erforderten neue Antworten. 

"Ich würde sagen, wir müssen in der Ökonomie in einer Weise neu denken, was ja auch viele tun, dass wir ein großes Thema haben: Unsicherheit und Ungewissheit und auch Nichtwissen." 

Für den Philosophieprofessor Josef Früchtl von der Universität Amsterdam bedeutet Bullshit mehr als nur Worthülsen, Unkenntnis oder Nonsens. Sondern es sind auch unverschämte Verhaltensweisen, die er besonders bei Männern ausmacht.

"Ja, das ist häufig unsere Spezies, die sich hervortut mit unverschämten Handlungen."

Bullshiter kennen keine Scham

Selbstherrliche oder obszöne Gesten, Rowdytum im Verkehr, geistlose Rechthaberei. Verhaltensweisen, die Dummheit und Ignoranz ausdrücken, gehören für Josef Früchtl zu Bullshit. Bullshiter kennen keine Scham, es interessiert sie nicht, was andere denken. Auch seien sie gar nicht an Wahrheit oder Unwahrheit interessiert. Das sei schlimm, denn wer absichtlich lüge, wüsste wenigstens noch, dass es eine Wahrheit gibt. 

"Wenn ich aber Bullshit spreche, Blödsinn, Unsinn, dann gibt es den Bezug auf Wahrheit gar nicht mehr. Und von daher ist Bullshit Nonsens, Unsinn, ist eigentlich viel gefährlicher, politisch viel gefährlicher als zu lügen. Und das heißt, wir geben eigentlich die politische Sphäre als Ganze auf. Wir können eigentlich keine Politik mehr machen, geschweige denn Wissenschaft, wenn wir uns auf den Bullshit Sprech reduzieren."

Das beste Mittel gegen Bullshit

Und weil Bullshiter eben an Wahrheit nicht interessiert seien, würden sachorientierte Gegenargumente meist ins Leere laufen. Für Josef Früchtl ist deshalb Satire das beste Mittel gegen Bullshit.

"Es ist eine Antwort der gesellschaftlich politischen Gemeinschaft auf den neuen Zustand, nämlich dass permanent die blödsinnigsten Äußerungen in die Welt gesetzt werden. Blödsinn kann man halt nicht mit Argumenten bestreiten. Und deshalb muss man mit Gegenblödsinn kommen. Und deswegen die Satire."

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