Freitag, 19.01.2018
StartseiteForschung aktuellFehlende Kontrolle über Stimmtrakt 12.12.2016

Sprachlose PrimatenFehlende Kontrolle über Stimmtrakt

Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas sind zweifellos intelligent - aber sprechen? Bisher ging man davon aus, dass sie dazu rein anatomisch nicht in der Lage sind. Das ist offenbar falsch: Der Stimmtrakt der Affen ist funktionsfähig, wie eine Studie zeigt. In ihren Gehirnen fehlen nur die Strukturen, um ihn zu steuern.

Von Michael Gessat

Zwei wilde Makaken (Imago / Xinhua)
Wilde Makaken (Imago / Xinhua)
Mehr zum Thema

Experiment mit künstlicher Sprache Was passiert im Gehirn beim Sprachenlernen?

Wie Hunde aufs Wort hören Sprachverständnis von Vierbeinern

Zoologie Der Dialekt der Wölfe

Trickreiche Termitenjagd Kulturelles Lernen bei Schimpansen

Biologie Menschenaffen können irrtümliches Handeln vorhersehen

Verhaltensforschung "Die Schimpansen haben Tausende Male zusammengearbeitet"

Dass Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas intelligent sind, daran gibt es keinen Zweifel. Und es ist durchaus möglich, mit ihnen zu kommunizieren. Menschenaffen können nicht nur unsere Gesten und Mimik interpretieren, sondern nach einigem Training auch Worte und einfache Sätze verstehen.

Aber selbst von Menschen aufgezogene Primaten lernen nicht, zu sprechen oder menschliche Laute zumindest zu imitieren. Und zwar deshalb, weil sich ihr Stimmapparat dazu anatomisch nicht eignet. So steht es zumindest in den Lehrbüchern. Falsch! schreiben nun Kognitionsbiologen in der aktuellen Ausgabe von "Science Advantages" - dass Affen nicht sprechen können, liegt nicht am Vokaltrakt, sondern am Gehirn.

"Unsere Forschung stößt sehr eindeutig etwas um, das ich als eine Art wissenschaftlichen Mythos auffassen würde. Und offen gestanden denke ich: Die meisten Leute, die diesen Mythos fortschreiben, haben wahrscheinlich niemals die Originalstudie gelesen."

Tecumseh Fitch ist Professor für Kognitionsbiologie an der Universität Wien, und die "Originalstudie", die er hier anspricht, stammt aus dem Jahr 1969. Der Sprachwissenschaftler und Anthropologe Philip Lieberman hatte damals den Stimmapparat eines toten Rhesusaffen herauspräpariert, einen Gipsabdruck erstellt und die Daten in ein Computermodell eingespeist.

Frühere Studienergebnisse an lebenden Tieren überprüft

Das Ergebnis der Studie, so jedenfalls die landläufige Interpretation: Der Vokaltrakt der Affen taugt grundsätzlich nicht zum Sprechen.

"Wir haben jetzt praktisch den gleichen Ansatz; nur untersuchen wir die Sache an einem lebenden statt an einem toten Tier."

Das hört sich von der Idee her einfacher an als es von der praktischen Umsetzung her war, berichtet Tecumseh Fitch. Zum einen brauchte er dazu ein Röntgengerät, mit dem er Videos eines Affenkopfes in Aktion aufnehmen konnte, zum anderen geeignete Akteure: In diesem Fall Makaken, die darauf trainiert waren, auf Kommando Laute von sich zu geben. Und zwar so, wie ihnen gerade zumute war.

"Wir konnten also Röntgenaufnahmen bei freundlichen, zufriedenen oder drohenden Lautäußerungen machen, bei verschiedenen Gesichtsausdrücken und beim Essen, Kauen und Schlucken."

Extremvokal mit Signalwirkung

Den Forschern ging es darum, das gesamte tatsächliche Bewegungsspektrum der Kopfanatomie und damit des Stimmapparates zu erfassen. Wie bei der Vorläuferstudie wurden die gewonnenen Daten in ein Computermodell übertragen.

"Mit den Röntgenaufnahmen lebender Tiere hatten wir jetzt einfach bessere Eingangsdaten. Und was wir dabei feststellen: Der Vokaltrakt der Affen kann viel mehr als bislang angenommen."

Natürlich kann ein kleiner Affenkörper als Schallquelle keinen sonoren Klang hervorbringen. Entscheidend ist aber vor allem die Frage, ob ein Stimmapparat deutlich unterscheidbare Vokale produzieren kann.

Nach dem alten Computermodell von Lieberman würde sich die Frage "Will you marry me?" von einem Makaken gesprochen so anhören: (Anm.: Laut ist im Audio des Beitrags nachhörbar)

Nach den neuen Messungen von Tecumseh Fitch aber eher so: (Anm.: Laut ist im Audio des Beitrags nachhörbar)

In einem Punkt stimmt der Biologe definitiv nicht mit seinem Studienvorgänger überein: Wie wichtig ist eigentlich das "I"?

"Das ist es, was Lieberman seit 1969 sagt - nicht, dass Affen wegen Begrenzungen ihrer Vokaltraktanatomie nicht sprechen können, sondern weil sie diesen Extremvokal nicht zustande bringen, den er für außerordentlich wichtig hält."

Wenn Menschen ein "I" hören, so erläutert Fitch, können sie sofort die Länge des Vokaltraktes und damit die Größe des Sprechers abschätzen. Ob es sich um ein Kind, eine Frau, einen großen oder kleinen Mann handelt. Ein äußerst wichtiger Kommunikationsaspekt, aber in der Evolution einer Art könne auch ein anderer Vokal diese Signalrolle übernehmen, davon ist Fitch überzeugt.

Stimmtrakt des Affen ist sprechbereit - nur nicht steuerbar

Und für ihn bleibt da eigentlich nur eine Erklärung: Der Vokaltrakt der Affen ist "sprechbereit", aber in ihrem Gehirn fehlen die Strukturen, die für vokales Lernen, für Imitation und Neukombination von Lauten erforderlich wären. Warum unsere nächsten Verwandten im Verlauf der Evolution diese Strukturen nicht entwickelt haben - im Gegensatz selbst zu Singvögeln - darüber kann auch Tecumseh Fitch nur spekulieren. Möglicherweise hat das vokale Imitieren bei manchen Arten etwas mit sexueller Selektion zu tun:

"Die Idee bei Darwin ist, dass wir irgendwann zu 'singenden Affen' wurden und dass wir so unsere Fähigkeit entwickelt haben, unsere Stimme zu kontrollieren, lange bevor wir dann zu sprechen anfingen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk