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StartseiteInterviewMigrationsforscher: Ohne Motivation keine Integration12.07.2014

Sprachtests für ZuwandererMigrationsforscher: Ohne Motivation keine Integration

Der Migrationsforscher Stefan Luft glaubt nicht, dass Sprachtests für Zuwanderer entscheidend für ihre Integration sind. Die Eigenmotivation der Migranten sei wichtiger: "Wenn diese Motivation nicht gegeben ist, dann werden weder Sprachkurse im Herkunftsland noch Sprachkurse im Aufnahmeland den entscheidenden Durchbruch bringen", sagte er im DLF.

Stefan Luft im Gespräch mit Jürgen Liminski

Ein Mädchen sitzt vor einem Schreibtisch mit einem Deutschbuch für Ausländer. (BARBARA SAX / AFP)
Deutschland darf von türkischen Bürgern, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, keinen Sprachtest mehr verlangen. (BARBARA SAX / AFP)
Weiterführende Information

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Jürgen Liminski: "In zahlreichen europäischen Ländern vollzieht sich Zuwanderung im Rahmen des Familien- und Ehegattennachzugs als schlecht zu kontrollierende Spätfolge von Arbeitskräfteanwerbung und Kolonialismus". So steht es im Buch "Staat und Migration. Zur Steuerbarkeit von Zuwanderung und Integration", eine Art Standardwerk des Integrationsforschers Stefan Luft, erschienen 2009. Und weiter ist da zu lesen: "Die Heirat einer Tochter türkischer Zuwanderer wird häufig als einzige legale Möglichkeit gesehen, nach Deutschland auszuwandern". Und ein anderer Autor, der Türke Ahmet Toprak, nennt in seinem Buch "Deutschland als Brautpreis" die durch die Heirat zustande gekommene Verbindung nach Deutschland sogar einen "wichtigen Teil des Brautpreises". Auch dieser Gedanke ist bei Stefan Luft zitiert, und ihn haben wir jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Luft!

!Stefan Luft:!! Guten Morgen, Herr Liminski!

Liminski: Herr Luft, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach türkische Ehepartner keinen Sprachtest mehr machen müssen, um ihrem Ehepartner nach Deutschland nachfolgen können, könnte zu einer Welle von Zuwanderung führen. Ist das realistisch, um welche Größenordnungen ging es und geht es künftig bei diesem Ehegattennachzug?

Luft: Welche Potenziale sich abzeichnen, das ist schwer zu prognostizieren. Von der Größenordnung her, in den vergangenen Jahren schwankt es zwischen rund 44.000 Personen, die über den Ehegattennachzug zu Deutschen und Ausländern in die Bundesrepublik einreisen, und 34.000. Also keine besonders hohe Größenordnung, aber doch für den Integrationsprozess der einzelnen Migrantengruppen in Deutschland von nicht unerheblicher Bedeutung.

"Wesentlicher Grund ist das Erlangen eines Aufenthaltsrechtes"

Liminski: Dazu kommen wir gleich. Vielleicht vorher noch die andere Frage: Gibt es denn Untersuchungen über die Motive des Nachzugs? Familienleben ist sicher das Hauptmotiv, aber die Verbindung zu Deutschland könnte ja auch eines sein, Stichwort Brautpreis.

Luft: Es gibt nur wenige Pfade legaler Migration in die Europäische Union. Dazu gehört die Arbeitsmigration, die allerdings ausgerichtet ist auf hoch qualifizierte und gut ausgebildete Migranten. Dazu gehören natürlich die Flüchtlings- und Asylmigration, dazu gehört aber eben auch die Heiratsmigration und der Familiennachzug. Und ein wesentlicher Grund, gerade auch im Falle der Türkei, ist natürlich das Erlangen eines Aufenthaltsrechtes, eines stabilen Aufenthaltsrechts in Deutschland, das dann auch die Möglichkeit gibt, den zurück in der Türkei gebliebenen Verwandten Unterstützung gewähren zu können.

Liminski: Bei dem vom EuGH behandelten Fall ist klar, dass der türkische Ehemann in Deutschland keine gute Meinung vom Sprachtest hat. Gibt es Befunde, wie die anderen Betroffenen, also die Nachgezogenen, den Sprachtest beurteilen?

Luft: Es gibt eine Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom Mai dieses Jahres. Dort haben ein Drittel der Befragten nachziehenden Ehegatten den Sprachtest als belastend oder sehr belastend bezeichnet, aber 80 Prozent von ihnen haben diesen obligatorischen Sprachnachweis im Herkunftsland für sinnvoll gehalten. Unter den unmittelbar vom Sprachtest Betroffenen war die Zustimmung sogar noch höher. Also, es zeigt, dass die Debatte in Deutschland wesentlich bestimmt ist von Zuwandererorganisationen, die sich eher als Identitätswächter denn als Integrationslotsen verstehen, und von politischen Gruppierungen, die die Interessen der Migranten, so, wie sie sie verstehen, in den Vordergrund stellen.

"Vergemeinschaftung erschwert Kenntnisse des Bildungssystems"

Liminski: Damit sind wir beim Thema Integration. Was bedeuten denn diese transnationalen Ehen für die Integration? Hat man Erkenntnisse, dass die Integration von bestimmten Volksgruppen dadurch erleichtert oder vielleicht sogar erschwert wird?

Luft: Zunächst mal muss man sagen, dass die Heiratsmigration ein Spezialfall der sogenannten Kettenwanderung ist. Kettenwanderung bedeutet nichts anderes, als dass Pioniere in ein Land auswandern, sich dort orientieren, niederlassen und dann Verwandte, Bekannte, Freunde nachholen. Diese Kettenmigration erleichtert die Bildung sogenannter ethnischer Kolonien, also die Konzentration bestimmter ethnischer Gruppen, vor allem in mittleren und großen Städten. Dazu ist natürlich eine gewisse Gruppengröße Voraussetzung. Und bei der türkischen Gruppe, bei rund drei Millionen Personen in Deutschland, ist diese Gruppengröße auf jeden Fall ausreichend für die Bildung solcher ethnischer Konzentrationen in den Großstädten. Und grundsätzlich muss man sagen, dass diese Form der Vergemeinschaftung, der eigenethnischen Vergemeinschaftung dazu beitragen kann, dass Humankapital, dass Kenntnisse, Sprachkenntnisse, bestimmte kulturelle Fertigkeiten, Kenntnisse von Normen, Kenntnisse des Bildungssystems des Aufnahmelandes erschweren. Und das gilt natürlich insbesondere für sogenannte transnationale Migration, bei der Ehepartner aus dem Herkunftsland nachgezogen werden. Da ist es in der Tat für die Kinder häufig das Problem, dass ihre Eltern, zumindest ein Elternteil schon in der zweiten oder dritten Generation sich in Deutschland aufhält, aber sie sich doch faktisch in der Situation der ersten Generation wiederfinden. Was dann die Integration in das Bildungswesen, in den Arbeitsmarkt, aber eben vor allem auch in interethnische Netzwerke sehr stark erschweren kann.

"Ohne Motivation kein Durchbruch"

Liminski: Kann man denn sagen, dass die Sprachtests, die ja erst seit sechs, sieben Jahren existieren, die Integration in diesem Sinn erleichtert haben?

Luft: Ob sie die Integration erleichtert haben, dazu müsste man eigene empirische Untersuchungen anstellen. Verständlich, nachvollziehbar ist, dass der Staat natürlich versucht, die wenigen Stellschrauben, die er bei der Steuerung von Migration und vor allem von Integrationsprozessen hat, diese auch zu nutzen. Und natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Plausibilität, dass man sagt, dass diejenigen, die als Ehepartner nachziehen, insbesondere bei den Gruppen, die hier besondere Integrationsprobleme ganz offensichtlich haben, dass diejenige schon im Herkunftsland ein paar rudimentäre Grundwortschätze erwerben sollen, damit sie hier einen leichteren Start haben. Die Frage, wie sie die Sprache erlernen hier in Deutschland, hängt allerdings entscheidend davon ab, wo sie wohnen und wie stark ausgeprägt ihre Kontakte hin zur deutschen Aufnahmegesellschaft sind. Wenn sie hier in eine ethnische Kolonie hineinziehen und die Kinder dort hineingeboren werden, dann gibt es eben nicht ausreichend Gelegenheiten, um die Sprache des Aufnahmelandes zu sprechen. Und Motivation für den Spracherwerb entsteht eigentlich nur dann, wenn man merkt, ja, ich kann die Sprache hier auch nutzen, ich kann mich mit Menschen, die mir wichtig sind, die mir nahestehen, entsprechend verständigen. Und wenn diese Motivation nicht gegeben ist, dann werden weder Sprachkurse im Herkunftsland noch Sprachkurse im Aufnahmeland den entscheidenden Durchbruch bringen.

Liminski: Sagt Stefan Luft, Autor des Standardwerks "Staat und Migration. Zur Steuerbarkeit von Zuwanderung und Integration", hier im Deutschlandfunk. Besten Dank für das Gespräch, Herr Luft!

Luft: Ich danke Ihnen, Herr Liminski!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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