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StartseiteBüchermarktSprechen gelernt beim Übersetzen02.05.2010

Sprechen gelernt beim Übersetzen

Buch der Woche: Karl-Heinz Göttert: "Deutsch. Biografie einer Sprache". Ullstein Verlag.

Woher kommt unsere deutsche Sprache? Wie sind Worte wie Feuereifer entstanden? Warum darf ich etwas so sagen, aber nicht so? Karl-Heinz Göttert versorgt mit Hintergrundwissen und konstatiert: Deutsch ist eine Meisterin der Integration.

Von Martin Ebel

Martin Luther: Reformator und - weniger bekannt - Schöpfer neuer Worte (AP Archiv)
Martin Luther: Reformator und - weniger bekannt - Schöpfer neuer Worte (AP Archiv)

Wir alle - oder fast alle - fahren Auto. Wie das geht, haben wir oft vor langer Zeit gelernt, und wir machen uns keine Gedanken mehr darüber, wie wir mit den Hebeln, Knöpfen und Pedalen umgehen müssen. Noch weniger wissen wir darüber - außer, wir sind zufällig Fahrzeugmechaniker -, was im Auto selbst abläuft, damit es überhaupt fährt. Ähnlich geht es den allermeisten von uns mit unserer Sprache. Auch da liegt das Erlernen lange zurück, sehr lange sogar, und jetzt sprechen und schreiben wir drauflos, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie das eigentlich funktioniert, was wir da tun. Warum man so sagen kann, aber nicht so - was durch die Regeln der Grammatik bestimmt wird. Und was mit den Wörtern los ist, die wir benutzen: Wo sie herkommen, was sie an Spuren des Gebrauchs, der Geschichte mit sich schleppen. Natürlich brauchen wir das alles nicht zu wissen. Aber es ist so interessant! Und wer sich einmal auf dieses Interesse an der eigenen Sprache einlässt, der leckt schnell Blut und kommt davon so leicht nicht mehr los.
Als Einstieg in dieses Interessengebiet eignet sich "Deutsch. Biografie einer Sprache" von Karl-Heinz Göttert sehr gut. Göttert, geborener Koblenzer, hat bis zu seiner Emeritierung im vergangenen Jahr in Köln Germanistik gelehrt (ich selbst habe als junger Student in den 70er-Jahren bei ihm im sprachwissenschaftlichen Proseminar gesessen). Er gehört nicht zu den Erbsenzählern, die es in dem Fach häufig gibt, sondern hat einen breiten Horizont und seine Nase immer in den Wind auch anderer Disziplinen gesteckt. So hat er Bücher über Sprichwörter, Manieren und Aberglauben veröffentlicht, eine Stilkunde geschrieben und die Rechtschreibreform erläutert (obwohl ihm die verhasst ist), außerdem ist er ein Kenner der Orgelmusik, der etliche Orgelführer verfasst hat, und sogar an historischen Krimis hat er sich versucht.

Der rechte Autor also, um ein auf den ersten Blick abschreckendes und trockenes, jedenfalls überaus materialreiches Thema zu bearbeiten und leserfreundlich zurechtzuschnitzen. Die Geschichte der deutschen Sprache umfasst immerhin 12 Jahrhunderte, und wenn man die Zahl der theoretisch betroffenen Wörter nimmt - Götterts Sprachgeschichte, um dies gleich zu sagen, ist vor allem eine Wortgeschichte -, so geht die ins Uferlose. Ein paar rote Fäden sind da unbedingt nötig, und Göttert hat vor allem zwei gespannt.

Sie korrespondieren miteinander: Der eine Faden ist das Eindringen fremden Sprachmaterials, der andere die Reaktion der Sprachgemeinschaft darauf, nämlich Eingemeindung oder Austreibung.
Zuerst löst aber der Untertitel des Buches Widerspruch aus. "Biografie einer Sprache": Die Metapher ist, mit Verlaub, Unsinn. Das Deutsche ist kein Mensch, der Kindheit, Jugend, Reife und Greisenalter erlebt. Der Sprache schlägt weder eine präzise Geburtsstunde, noch lallt und plappert sie daher wie ein Säugling. Und, um zur Gegenwart zu kommen: Weder kann man von Vergreisung des Deutschen sprechen, noch droht ihm, wie jedem Lebewesen, der sichere Tod.
Das behauptet Karl-Heinz Göttert auch nicht. Er gehört nicht zu den Alarmisten und Untergangspropheten. Ihn schrecken weder die Wellen der Anglizismen noch Migranten-Secondos, die keine Sprache mehr richtig beherrschen, und auch nicht das SMS-Kauderwelsch. Und er hat Recht damit: Dem Deutschen geht es gut, das hat schon vor einigen Jahren Jutta Limbach, einstige Präsidentin der Goethe-Institute und davor des Bundesverfassungsgerichts, in einem eigenen Sprachessay festgestellt:

Noch nie ist in deutschen Landen ein so gutes Deutsch von einer so großen Zahl von Menschen geschrieben und gesprochen worden.

Nun neigen Sprachwissenschaftler ohnehin weniger zur Bewertung als zur Beobachtung; Sprachkritik ist ihnen fremd. Der Sprecher hat immer Recht, könnte ihre unausgesprochene Devise gelten. Das gilt auch für Göttert. Deshalb sind ihm auch Sprachlenker und Puristen aller Schattierungen ein Gräuel. Die Sprache soll sich unbeeinflusst ihren Weg bahnen, wie ein mäandrierender Fluss im sumpfigen Grund. Die einzigen unsachlichen Ausfälle in seinem ansonsten erfreulich entspannt geschriebenen Sachbuch treffen dann auch die Rechtschreibreform: Eben weil sie ein normierender Eingriff von oben war, sozusagen ein orthografischer Kanalbau.
Seit wann gibt es die deutsche Sprache überhaupt? Anders als beim Menschen gibt es kein Geburtsdatum, auch eine Geburtsurkunde. Sprachhistoriker machen aber einen klaren Schnitt und sagen: Es war die sogenannte zweite Lautverschiebung, mit der das Deutsche entstand. Bei der verschieben sich die stimmlosen Verschlusslaute, also p, t, k, zu Doppelkonsonanten: p zu pf, t zu tz, k zu kch im Anlaut, innerhalb eines Wortes zu Reibelauten. Wer es lieber anschaulich hat: Diese Lautverschiebung ist dafür verantwortlich, dass es auf Deutsch Pflug heißt, auf Englisch aber plough, auf deutsch offen, auf Englisch aber open, oder Pfeffer (englisch pepper).
Das ist die eine Dimension der Sprachgeschichte: wie sich Laute verändern und man die Vorläufer unserer heutigen Wörter kaum erkennt, wenn sie uns gewissermaßen Fell tragend entgegen treten. Die andere und viel faszinierendere ist jene des Wortschatzes selbst. Denn eine Sprache ist nicht einfach da mit ihrem gesamten Vokabular. Sie muss sich die Wörter für die Dinge erst schaffen - für die sichtbaren und die unsichtbaren. Und da eine Sprache nicht aus dem Nichts entsteht, sondern meist in Kontakt mit einer anderen, die in dieser Hinsicht älter ist, entwickelter, weiter und überlegener, so wird die "jüngere" sich von der "älteren" vieles abgucken. Sie wird Wörter, die sie noch nicht hat, von der anderen übernehmen, übersetzen oder entlehnen. Die überlegene Sprache ist im Fall des jungen Deutschen natürlich Latein.

Seit Jahrhunderten hatte Latein gewissermaßen naturwüchsig mit der überlegenen Kultur der Römer aufs Deutsche eingewirkt. Der gesamte Hausbau war lateinisch geprägt: von der Mauer über Kalk, Mörtel, Estrich bis zum Keller. Im Obst- und Gartenbau hatte man die Rose und die Petersilie, den Salbei und den Lattich, das Pfropfen und die Frucht übernommen. Koch- und Backkunst waren mit Brezel und Mörser, mit Küche und Schüssel, die Heilkunst mit Arzt und Lakritze latinisiert. Für Handel und Verkehr gab es die Straße und die Meile, den Kauf und die Münze, den Korb und den Schrein, den Zoll und den Zins. Im Bereich des Rechts wurden Kaiser und Pfalz eingemeindet. Seit der Christianisierung aber stellte sich eine ganz neue Herausforderung: die Aneignung eines letztlich fremden Weltbilds in der Form des religiösen Wortschatzes. Die Lösung erfolgte auf drei Wegen: erstens durch direkte Entlehnung des fremden Wortes (also Bildung von Latinismen wie heute Anglizismen), zweitens durch Lehnübersetzung als Nachbau des lateinischen Wortes mit deutschen Bestandteilen und drittens durch Lehnübertragung als Aufpfropfung einer neuen Bedeutung auf ein bestehendes deutsches Wort.

Für jede Technik hat Göttert Beispiele parat. Eine Entlehnung, ein Latinismus also, ist etwa Kloster, aus dem lateinischen claustrum. Oder der Mönch, der vom lateinischen monachus stammt. Die Lehnübersetzung, also den Nachbau, findet man bei vielen Abstrakta, etwa bei magnanimitas, was zum Großmut wird, oder bei conscientia, zu deutsch Gewissen. Lehnübertragung wiederum hat stattgefunden bei dem germanischen Wort suntea, das ein Verhalten bezeichnet, für das man sich schämen muss, und dem die Bedeutung des neuen christlichen Begriffs Sünde aufgepropft wird (auf lateinisch heißt es ja peccatum).

Die deutsche Sprache, das Kind, hat also sprechen gelernt beim Übersetzen,

formuliert Karl-Heinz Göttert pointiert, aber nicht übertrieben. Und macht eine Art Heldengalerie der Übersetzer und Sprachbildner auf. Einer dieser Helden ist Notker Labeo, der Breitlippige, der Anfang des 11. Jahrhunderts Leiter der Bibliothek von St. Gallen war und nicht nur Bibeltexte in ein lesbares Deutsche brachte, sondern auch weltliches, von der Philosophie bis zur Mathematik. Ein anderer der Verfasser des "Heliand", eines Großepos über das Leben Jesu, ein Sachse, der Ende des 9. Jahrhunderts lebte. Wie dramatisch er zu erzählen wusste, zeigt die folgende Passage, in der Petrus bei der Gefangennahme Jesu dem Soldaten Malchus das Ohr abhaut. Göttert zitiert nicht das Original des "Heliand", dazu ist dessen Deutsch dann doch zu fern von unserem, sondern die neuhochdeutsche Übertragung von Felix Genzmer, und wir folgen ihm:

Nicht war im Herzen ihm Furcht, nicht Zweifel noch Zagen. Sondern er zog die Klinge, das Schwert aus der Scheide und schlug auf ihn ein, auf den vordersten Feind, mit seiner Faust Gewalt, dass da Malchus gezeichnet ward von des Mutigen Stahl an der rechten Seite, versehrt von der Schneide:
Zerhauen ward ihm das Ohr; er ward am Haupte wund, dass ihm waffenblutig wange und Ohr in Todeswunde barst. Das Blut sprang hervor; es wallte aus der Wunde. Die Wange war zerklafft dem vordersten Feinde; da wich das Volk zurück:
sie scheuten den Schwertbiss.


Otfried von Weissenburgs Evangelienbuch stellt eine weiteren Schritt in der Vervollkommnung der Sprache dar. Mit ihm tritt auch der Endreim in die deutsche Dichtung ein, der sie künftig prägen wird (im Unterschied zum germanischen Stabreim). Einigen Raum widmet Karl-Heinz Göttert auch der Mystik, einer religiösen Richtung, die eine persönliche, innige Beziehung zu Gott pflegt, dabei eine differenzierte Gefühlskultur entwickelt und dafür, gewissermaßen händeringend, sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Die frühe Mystik in Deutschland ist weiblich, vertreten etwa von Mechthild von Magdeburg, was deshalb wichtig ist, weil Frauen von der lateinischen Bildung abgeschnitten waren. Sie mussten sich auf Deutsch ausdrücken. Und dabei dieses Deutsch in Gefilde führen, von dem es bis dahin nicht geahnt hatte, dass es sie überhaupt gibt. Neuland, schreibt Göttert, hat Mechthild von Magdeburg vor allem in der Wortbildung erobert.

Man hat dies immer schon an den Abstrakta abgelesen, an den vielen Neuschöpfungen auf -heit, -keit, -ung, von denen manche in unsern Wortschatz eingedrungen sind, ohne dass wir etwas von ihrem mystischen Hintergrund ahnen: Bekanntheit, Blindheit, Gegenwärtigkeit, Innigkeit, Eitelkeit, Einfältigkeit gehören dazu, weiter Anschauung, Umhalsung, während etwa "gebruchunge" für "Genuss" untergegangen ist. Auch Bekenntnis und Finsternis sind Abstraktbildungen, die typisch sind, weiter gibt es schon bei Mechthild die Steigerungsform des über etwa in übergroß, übernatürlich, überfliessen. Im Laufe der Mystikgeschichte wurde aus diesem Rinnsal ein ganzer Strom, ohne den wir uns heute das Erfassen psychologischer Vorgänge kaum vorstellen können. Unser vollführen steht in einer Reihe mit vollblühen, volldanken, vollloben, unser allerliebst in einer mit allerklarest, alleganzest, allermeist. Entweichen hatte entgeistern oder entsinken neben sich, vergiessen kennen wir heute noch neben verleugnen, verdüstern.

Das religiöse Schrifttum war in jener Zeit sicherlich führend bei der Herausbildung des Deutschen. Aber Göttert vergisst Minnesang und Ritterepen nicht und auch nicht die Sach- und Alltagstexte, etwa den Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert, der nicht nur für das Rechtsvokabular wichtig war (unser "Ding" war einmal die "Gerichtssache", was in dem Ausdruck "dingfest machen" noch zu spüren ist). Er wirkt auch in einzelnen Rechtsprinzipien bis heute nach: Wenn zwei eine Parklücke beanspruchen, bekommt der sie, der zuerst da war - das war das "Brückenprinzip" des Sachsenspiegels.
Natürlich muss Luthers Bibelübersetzung einen Höhepunkt jeder deutschen Sprachgeschichte darstellen, und das tut sie auch in Götterts "Biografie einer Sprache". Das entsprechende Kapitel ist ihm besonders gut gelungen. Nun gab es auch vor Luther schon Verdeutschungen der Heiligen Schrift, nicht weniger als 72. Seine war deshalb so bahnbrechend, weil sie die Bibel als "Werk mit Inhalt" behandelte, wie Göttert formuliert, und eben nicht nur als Gegenstand der Verehrung, bei dem es nicht darauf ankam, dass der Text auch verstanden wurde. Luther stützte sich, zweitens, bekanntlich auf jene Variante des Deutschen, die von der sächsischen Kanzlei in Meissen gepflegt wurde. Aber er war bei der nötigen Ausweitung des Wortschatzes ein geschickter Integrator: Er wählte je nachdem den mittel-, ober- oder niederdeutschen Ausdruck. Und der setzte sich dann durch.

Man sieht es der Lippe vielleicht (des ungewöhnlichen doppelten pp wegen) gerade noch an, dass sie irgendwie "fremd", nämlich niederdeutsch ist, und doch erhielt sie gegenüber der oberdeutschen Lefze den Vorrang. Aber es gibt viel weniger durchsichtige Fälle: Träne (gegen Zähre), prahlen (gegen geuden; vgl. vergeuden), Ziege (gegen Geiss), Peitsche (gegen Geissel), Ufer (gegen Gestade), Hügel (gegen Bühel), krank (gegen siech). Dagegen setzte Luther umgekehrt auf das oberdeutsche Wort etwa im Fall von Schwanz (gegen Zagel) oder gefallen (gegen behagen). Gelegentlich schwankte er zwischen nieder- und oberdeutschen Formen wie bei brengen/bringen, sulch/solch, Sonne/Sunne.

Und drittens war Luther ein genialer Sprachschöpfer, vor allem, was die Wortzusammensetzung angeht.

Die Liste seiner Einfälle ist schier endlos. Hier einige Beispiele unter dem Gesichtspunkt, dass man bei ihnen kaum auf den Reformator als Schöpfer tippen würde: Blutgeld, Feuereifer, Gegenbild, Herzenslust, Kleingläubiger, Kriegsknecht, Mastvieh, Menschenfischer, Lockvogel, Dachrinne, wetterwendisch, friedfertig, gastfrei, anschnauben, nacheifern, plappern.

Ebenso findig war Luther, wenn er sich seine Gegner vornahm. Da fielen ihm Begriffe wie Rotzlöffel, Gottesaffe oder Seelenmörder ein, für den allergrößten Widersacher sogar Eselsfurzpapst. Luthers Bibelübersetzung war viertens so erfolgreich, weil er nicht nur, wie hinlänglich bekannt und vielfach zitiert, dem Volk aufs Maul schaute, sondern auch um die rhetorische Wirkung bemüht war und seiner Prosa ein stilistisches Glanzlicht nach dem anderen aufsetzte.
Von den beiden roten Fäden dieser Sprachgeschichte sprachen wir anfangs; beide haben damit zu tun, wie das Deutsche mit Fremdmaterial umging. Vom Lateinischen war bisher die Rede, es war gewissermaßen der Stamm, an dem sich die junge Volkssprache hochrankte, bis sie selbst blühen konnte. Gefährlich, nach Meinung sogenannter Sprachschützer, wurde ihr ein volkssprachlicher Konkurrent: das Französische. Immer wieder im Verlauf der Jahrhunderte kommt es zu dem Phänomen, dass das Deutsche sich regelrecht vollsaugt - diesen Ausdruck gebraucht Göttert - mit französischen Begriffen und es dann in einer Gegenbewegung versucht, sie wieder abzustoßen. Dies ist etwa zu beobachten im 17. Jahrhundert, als das Französische - durch die hoch entwickelte höfische Kultur - ein enormes Prestige besaß und in deutschen Landen bis zur Selbstverleugnung imitiert wurde. Das haben sprachbewusste deutsche Autoren dann wieder parodiert, etwa Georg Philipp Harsdörffer, einer der Wortführer des "Pegnesischen Blumenordens", einer der damals blühenden Sprachgesellschaften. Er lässt in seinen "Frauenzimmer-Gesprächsspielen" also parlieren:

Der Herr perdonire meiner libertet im Reden / ich will mich candidé expectoriren: die tratementi der Gespräch-Spiel sind nicht wenig mit der Schulfüxerey parfumiret, und bringen vil res sur le tapis, welche unter den Philosophis besser als unter Damen können agitiret werden.

Harsdörffers Kollege Philipp von Zesen ging über Kritik und Parodie zum Gegenangriff vor; er suchte nach deutschen Alternativen für die überhandnehmenden Gallizismen. Und er fand vieles, was sich bis heute bewahrt und bewährt hat: Abstand für Distanz, Anschrift für Adresse, Bücherei für Bibliothek, Glaubensbekenntnis für Konfession, Rechtschreibung für Orthografie, Tagebuch für Journal. Anderes hat sich nicht durchgesetzt und wirkt heute nur noch kurios: Gesichtserker für Fenster, Jungfernzwinger für Nonnenkloster, Tageleuchter für Fenster und Krautbeschreiber für Botaniker.
Ähnliches kann man im 18. Jahrhundert beobachten, wo sich ein Gottsched wütend und ebenfalls mit Parodien gegen die sprachliche Französelei wendet, und dann wieder im 19. Jahrhundert, wo der Zusammenhang mit dem wachsenden Nationalismus unverkennbar wird. Als die Deutschen, die so lange nur eine Sprache hatten, endlich auch einen eigenen Staat bekamen, schlug auch der Sprachchauvinismus über die Stränge. Führend war hier der Allgemeine Deutsche Sprachverein, der geradezu einen Krieg gegen Fremdwörter führte. Ironischerweise waren die Nazis den Sprachpuristen gerade nicht freundlich gesonnen. Goebbels machte sich über die "deutschtümelnden Sprachakrobaten" lustig, und 1940 verbot Hitler den Purismus per Führererlass. Die Nazis, kommentiert Göttert, wollten modern sein.
Natürlich beschäftigt den Autor auch der Gebrauch oder vielmehr Missbrauch der deutschen Sprache im Dritten Reich. Überhaupt spricht er eine Vielzahl von Themen an - und zu mehr als einem Ansprechen reicht es im Rahmen einer allgemeinverständlichen, handlichen Sprachgeschichte auch nicht. Immer wieder gibt es ausgedehnte literarhistorische Exkurse, und auch das Alltagsleben früherer Zeiten kommt über die Wortgeschichte in den Blick.
Störend sind allerdings eine ganze Reihe von Fehlern, die hier nicht im Einzelnen durchgekaut werden können, die aber beim fachlich nicht ganz ungebildeten Leser ein gewisses Misstrauen auslösen. Als Beispiel mag genügen, dass Göttert die Strassburger Eide in den falschen Sprachen schwören lässt und dass er behauptet, im Französischen gebe es den Daktylus - dabei zählt die Poetik dieser Sprache die Silben, nicht die Betonungen.
Insgesamt ist dies aber eine erfreuliche Sprachgeschichte für ein breites Publikum. Angenehm ist die gelassene Haltung gegenüber allen vermeintlichen Gefährdungen, vom Vordringen des Englischen bis zum Migrantendeutsch. Für die "Zumutungen der Mehrsprachigkeit im eigenen Lande", wie Göttert es nennt, sieht er die deutsche Sprache gut gerüstet. Wahrscheinlich, darf man abschließend hinzufügen, ist es auch leichter, fremde Wörter zu integrieren als fremde Menschen.

Karl-Heinz Göttert: "Deutsch. Biografie einer Sprache". Ullstein, Berlin 2010. 400 S., 19,95 Euro

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