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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSprengstoff der Archive08.10.2009

Sprengstoff der Archive

Neue Quellen lassen den Kalten Krieg in anderem Licht erscheinen

Seit dem Fall der Mauer schauen Historiker mit anderen Augen auf den Kalten Krieg. Denn erst seit dieser Zeit wurden im Osten Archive zugänglich, die nach dem Willen ihrer Begründer für alle Zeit hätten geschlossen bleiben sollen. Eine Vortragsreihe am Hamburger Institut für Sozialforschung greift nun diese neue Quellenlage auf.

Von Ursula Storost

Fidel Castros Politik muss aufgrund neuer Quellen anders bewertet werden. (AP)
Fidel Castros Politik muss aufgrund neuer Quellen anders bewertet werden. (AP)

1986 verglich der Bundeskanzler Helmut Kohl den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow mit Josef Goebbels. Im Wochenmagazin "Newsweek" sagt er, der kommunistische Führer sei genauso ein Experte in Öffentlichkeitsarbeit wie der NS Propagandaminister.

"Es liegt mir fern, Generalsekretär Gorbatschow zu nahe zu treten oder gar beleidigen zu wollen."

Ein Fauxpas, für den Kohl sich später entschuldigte.

"Ich bedauere sehr, dass dieser Eindruck entstehen konnte, und distanziere mich mit Entschiedenheit davon."

1986 lebten Ost und West im Kalten Krieg. Dass die Regime Osteuropas schon wenige Jahre später zusammenbrechen würden, war damals nicht abzusehen. Es waren keine ökonomischen Gründe, die die SU 1991 sang- und klanglos untergehen ließen, behauptet der Historiker Bernd Stöver von der Universität Potsdam.

"Was die SU eher in den Untergang gebracht hat, war der Versuch, internationale Reputation zu gewinnen, mit einem Versuch mit dem Westen gleichzuziehen und eine internationale Öffentlichkeit auch anzusprechen, beispielsweise vor der UNO - und zwar ernsthaft gemeint. Die Unterschrift unter KSZE ist wahrscheinlich der Anfang vom Ende der SU gewesen."

Menschenrechte wurden fortan zu einer Waffe im Kalten Krieg. Die Schicksale der Dissidenten Sacharow und Solschenizyn gingen um die Welt und wurden für die Sowjetunion zu einem ernsthaften Problem.

"Gleichzeitig ist über die Kommunikationskanäle, also das Radio, also seit Rundfunkstationen weltweit in großem Ausmaße existieren und Rock 'n' Roll auch in die SU kann, die Erwartungshaltung grade auch der jüngeren Generation in der SU enorm gesteigert worden, was man von einem Staat erwarten kann, was man von Institutionen erwarten kann. Und Popkultur ist eine der großen Auseinandersetzungen in den 60er-Jahren auch in der SU, auch in der DDR gewesen."

Die Bevölkerung wollte Freiheit, wollte Popmusik hören, sich Konsumwünsche erfüllen und reisen. Politische Freiheit stand nicht ganz oben auf der Wunschliste, sagt Bernd Stöver. Mit Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung wollte Michail Gorbatschow ab 1985 vor allem die Korruption bekämpfen und die Sowjetunion fit machen für die Zukunft.

"Und da er das als zentrale Politikrichtung beschrieben hat und vor allen Dingen durchgesetzt hat, ist eine unglaubliche Folge von weiteren Forderungen aufgetaucht. Nicht nur vonseiten der Jugend, die dann auch mehr Demokratie wollte, sondern auch der Minderheiten. Ein großer Sprengsatz in der SU: die vielen unterdrückten Minderheiten, die bei Stalin unterdrückt worden sind. Dass Gorbatschow trotzdem daran festgehalten hat, obwohl er gesehen hat, das ist ein Sprengsatz, das ist seine eigentliche Leistung."

Dass Michail Gorbatschow trotz aller Widerstände zu seiner Umgestaltungsidee stand, verursachte den Kollaps, behauptet Bernd Stöver. Denn trotz wirtschaftlichen Zusammenbruchs hätte das Land noch viele Jahre weiter funktionieren können.

"Wenn eine Diktatur untergehen müsste, wenn sie pleite ist, dann hätte Nordkorea schon vor 40 Jahren untergehen müssen oder so. Dass es eben zum Ende des Kalten Krieges gekommen ist, hängt tatsächlich mit dieser einzelnen Person Gorbatschow zusammen, die das gewollt hat."

Finanzielle Probleme bereitete das Wettrüsten auch der westlichen Welt. Allein die Atomwaffen, die man während des Kalten Kriegs in den USA gebaut hat, verschlangen 5,8 Trillionen Dollar. Eine Unsumme, die man sinnvoller hätte einsetzen können. In Deutschland rechtfertigte man in Ost wie in West die Ausgaben für Waffen und stationierte Truppen mit der Bedrohung für Leib und Leben, sagt der Historiker Christian Müller vom Hamburger Institut für Sozialforschung.

"Also die Amerikaner sind vor allen Dingen deswegen da, weil auf der anderen Seite in der DDR die Russen sind, die Kommunisten, die also als Bedrohung wahrgenommen werden. In der DDR ist es dagegen so, dass die Rolle der Sowjetarmee ... Die wurde in erster Linie in ihrer Rolle als Befreier vom Faschismus und damit letztendlich über die Begriffe Faschismus versus Antifaschismus definiert. Da war der böse Feind der westdeutsche Revanchismus beziehungsweise die BRD, wo eben die alten Nazis ungebrochen an der Macht geblieben sein. Das ist die Propaganda gewesen."

Insofern ist die Auseinandersetzung zwischen Ost und West nicht nur ein Problem, was Diplomatie oder Rüstungsstrategien betrifft. Der Kalte Krieg, so sieht man es heute, hat auch die Gesellschaften geformt und verändert, sagt Bernd Greiner, Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung.

"Wir haben uns auseinandergesetzt mit umlaufenden Gerüchten über den Weltuntergang mit religiösen Fantasien. All diese sind Fragen, die - von der Existenz der Atombombe angeregt - auf den Weg gebracht worden sind. Und von denen man annehmen kann, dass sie den Seelenhaushalt nicht nur von Individuen, sondern von ganzen Gruppen beeinflusst haben."

Aber nicht nur Fantasien wurden von der Atombombe beflügelt. In China wurden in den 50er-Jahren massenweise Fabriken und damit Millionen Menschen umgesiedelt, weil die Führung fürchtet, dass die USA zusammen mit der Sowjetunion die bekannten Zentren ihre Rüstungsindustrie angreifen wollte. Und in den Südstaaten der USA wurde mit Beginn des Kalten Krieges aus einer landwirtschaftlich geprägten Region ein Hightechland. Flugzeugfabriken und Militärbasen gaben verarmten Bauern Arbeit.

"Man hat im Laufe von zehn Jahren Hunderttausende von Landarbeitern, die andernfalls in der Landwirtschaft gar kein Auskommen mehr gehabt hätten, in diesen neuen Industrien mit Lohn und Brot versucht [zu versorgen], was in hohem Maße zu einer Zustimmung zu der Politik des Kalten Krieges geführt hat, weil dieses Aufrüstungsprogramm mit einem Mal eine wirtschaftliche Not- und Krisensituation beseitigt hat."

Der Historiker Bernd Greiner beschäftigt sich seit vielen Jahren auch mit der Kubakrise. Neue Einsichten in Archive haben dabei geholfen, dass alte Tatbestände heute neu interpretiert werden können.

"Unter Boris Jelzin sind jahrelang Bestände geöffnet worden, die mittlerweile auch nicht mehr zugänglich sind unter Putin. Aber unter Jelzin war das eine andere Situation. Und Fidel Castro selbst hat ironischerweise gerade wegen des Endes des Kalten Krieges diese Archive geöffnet. Nämlich in dem Bemühen, zu sagen, wir haben die damalige Krise überlebt und wir werden jetzt, wo wir von der SU nicht mehr unterstützt werden, auch diese Krise durchstehen. Und ich zeige Euch mal, wie es damals gewesen ist."

Gerade Castro, das zeigen die neuen Quellen, war in der damaligen Situation einer der Hauptkriegstreiber. Er empfahl Chruschtschow damals:

"Im Falle einer amerikanischen Invasion mit Bodentruppen auf Kuba die USA mit Nuklearwaffen anzugreifen. Er hat im Grunde genommen zu einem nuklearen Erstschlag der SU gegen die USA geraten. Das sind Dinge, die wir bisher in dieser Form, in dieser Klarheit, in dieser Präzision nicht wussten."

Dass es damals keinen Atomkrieg des Westens gegen den Osten gab, das hat, wie die neuen Quellen zeigen, vor allem mit der Besonnenheit des damaligen Parteichefs der KPdSU Nikita Chruschtschow zu tun.

"Nikita Chruschtschow war ein Politiker, der zutiefst geprägt war von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der bei aller Risikobereitschaft, die er mit der Stationierung der Raketen an den Tag gelegt hat, in jedem Fall vermeiden wollte, dass eine Grenzlinie, ab der man die Entwicklung nicht mehr kontrollieren kann, überschritten wird. Und er hat schon sehr früh, früher als wir das bisher wussten, den Rückwärtsgang eingelegt - und auf seine Weise dazu beigetragen, dass es nicht zum Äußersten kam."

Die neu erschlossenen Quellen zeigen auch: Es gab während der Kubakrise viele Zwischenfälle mit U-Booten der Sowjetunion, die mit Atomtorpedos durch die Karibik kreuzten. Eine Eskalation auf See hätte zu kriegerischen Verwicklungen führen können, sagt Bernd Greiner.

"Nur möchte ich nicht so weit gehen, zu sagen, es war eine Minute vor Mitternacht, wie das viele Autoren durchaus in skandalisierender Absicht tun. Selbst wenn es auf hoher See zu einer Konfrontation, zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen amerikanischen und sowjetischen Schiffen gekommen wäre, heißt das ja noch lange nicht, dass man dann beiderseits, also in Moskau und Washington, gleich auf den roten Knopf gedrückt hätte, um die ganze Atomflotte zu aktivieren."

Aus der Geschichte des Kalten Krieges könnte man Lehren ziehen, sagt der Historiker Bernd Greiner. Aber ob die Menschen es tun werden - da bleibt er skeptisch.

"Wenn man denn wollte, mit Blick auf die aktuelle Politik das ernst zu nehmen, was Barack Obama vor mehreren Wochen schon vorgeschlagen hat, nämlich wirklich dafür zu sorgen und dafür auch Opfer zu bringen, dass es eine atomwaffenfreie Welt gibt. Denn mit diesem Teufelszeug hat man sich eine Militärtechnologie zurechtgelegt, die im Zweifelsfall nicht mehr kontrollierbar ist."

Die Vortragsreihe "Baustelle Kalter Krieg" läuft noch bis zum 1. März 2010. In der Hamburger Edition ist auch das Buch "Angst im Kalten Krieg" erschienen, herausgegeben von Bernd Greiner. Näheres unter his-online.de

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