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StartseiteForschung aktuellSpritzen unter Aufsicht statt Entzug02.11.2007

Spritzen unter Aufsicht statt Entzug

Suchtmediziner plädieren für liberaleren Umgang mit Methadon und Co

Medizin. – Vielen Heroinabhängigen kann nur durch den Ersatzstoff Methadon geholfen werden. Mancherorts gibt es auch Modellversuche mit Heroin selbst. Doch der Gesetzgeber hat hier hohe Hürden gestellt. Auf ihrer Jahrestagung in Berlin forderte die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin einen liberaleren Umgang mit diesen Therapieformen.

Von Volker Mrasek

Manchen Heroinabhängigen hilft nur der "Schuss" unter Aufsicht. (AP Archiv)
Manchen Heroinabhängigen hilft nur der "Schuss" unter Aufsicht. (AP Archiv)

Am Bahnhof Zoo halten nur noch wenig Züge, aber noch immer sind seine schmuddeligen Ecken Treffpunkt der Drogenszene, es gibt einen Spritzenautomaten, der Bus der Suchthilfe bietet regelmäßig praktische Hilfe und therapeutischen Rat. Nur wenige Meter entfernt steht die Berliner Börse, ein moderner Bau aus runden Stahl- und Glasflächen. In dieser glänzenden Kulisse sprechen die Suchtmediziner von den Menschen am Bahnhof, über Wege aus der Sucht. Für rund die Hälfte der Heroinabhängigen in Deutschland bedeutet das inzwischen Substitution. Sie erhalten ihren Kick auf Rezept, dürfen unter Aufsicht des Arztes das Opiat Methadon einnehmen. Dr. Jörg Gölz ist eigentlich Spezialist für Aids, ganz automatisch musste er sich aber auch um die Drogenprobleme seiner Patienten kümmern. Schon vor zwanzig Jahre hat er einer damals jungen HIV-infizierten Mutter nach mehrmaligem Pendeln zwischen Drogenstrich und Entzug Methadon verschreiben. Gölz:

"Und was ist aus diesen 20 Jahren Suchtsubstitution geworden? Sie hat ihre beiden Kinder großgezogen, sie arbeitet seit 15 Jahren und die HIV-Infektion ist so gut behandelt, dass bis jetzt noch keine besonderen Erkrankungen aufgetreten sind. Das heißt, insgesamt hat die Gesamtgesellschaft ungeheuer viel gewonnen, zwei Kinder mussten nicht von Jugendämtern übernommen werden in Pflegefamilien und eine Frau musste nicht praktisch drei- oder viermal im Jahr stationär aufgenommen werden."

In Berlin und anderen Drogenschwerpunkten ist auch die Beschaffungskriminalität deutlich zurückgegangen. 20 Jahre Methadon, gut ein Drittel der Abhängigen werden nie clean, bleiben immer von der Droge auf Rezept abhängig. Sucht ist eine chronische Krankheit. Davon aber will die Betäubungsmittel-Verschreibungs-Verordnung nichts wissen. Sie setzt auf Abstinenz, ein Ziel, das nur für eine Minderheit der Abhängigen erreichbar ist. Die Behandlung der großen Masse der Süchtigen wird durch strikte Regelungen stark erschwert. Zum Beispiel müssen viele Abhängige auf dem Land täglich mehrere Stunden fahren, um ihr Methadon, wie vorgeschrieben, unter ärztlicher Aufsicht einnehmen zu können. Gölz:

"Das heißt, das ist eine Halbtagsbeschäftigung, der könnte gar keinen Beruf annehmen und da wäre es doch sinnvoll wenn dieser Patient auch schon relativ früh sozusagen nach Einschätzung des Arztes sein Substitut nach Hause bekommen kann und auch länger, so dass man sagen kann, nur alle 14 Tage muss er diese Zugfahrt machen. Das lässt sich noch mit einem Beruf vereinbaren."

Ist aber derzeit verboten. Jörg Gölz und die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin fordern, den Einsatz von Methadon zu erleichtern. Das allein reicht aber nicht aus. Einigen wenigen Süchtigen gelingt es nicht einmal, mit Hilfe von Methadon auszusteigen. In einem mehrjährigen Modellversuch wurde ihnen unter ärztlicher Aufsicht direkt Heroin gegeben. Professor Klaus Behrendt hat in Hamburg eines der Studienzentren geleitet. Behrendt:

"Die Patienten waren länger in der Behandlung, also die Haltekraft war besser, der Konsum illegaler harter Drogen war deutlich zurückgegangen gegenüber der Methadongruppe und sie wurden schneller gesünder, das sind eigentlich die drei wesentlichen Fakten."

Ähnlich positive Erfahrungen gibt es auch aus anderen Ländern. In der Schweiz ist Heroin inzwischen auf Rezept zu erhalten. Der Deutsche Bundesrat hat gerade eine vergleichbare Gesetzesinitiative zur kontrollierten Heroinabgabe gestartet. Klaus Behrendt ist verhalten optimistisch, schließlich gab es auch vor der Methadonzulassung große Bedenken. Behrendt:

"In Bayern wurde vor 15 Jahren gesagt, wir entgiften die Leute und vergiften sie nicht. Heute ist Methadon natürlich in Bayern so etabliert wie in der ganzen anderen Republik und ich kann nur hoffen, dass man hier früher zur Einsicht kommt und sagt, ja das ist für eine kleine Gruppe der Menschen wirklich ein sinnvolles Angebot."

Heroin auf Rezept ist der letzte Ausweg, aber für einige Menschen am Bahnhof Zoo die einzige Chance, das dem Teufelskreis von Sucht und Kriminalität herauszufinden.

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