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Spuren der Diktatur

Workshop und Ausstellung "ÜberlebensKunst" an der Universität Hamburg

Nordirland, Chile und Spanien - alle drei Länder wurden Zeugen politischer Gewalt, von Bürgerkriegen und Diktaturen. Noch Jahrzehnte später haben diese Zeiten in den demokratischen Gesellschaften tiefe Spuren hinterlassen. An der Hamburger Universität fand am vergangenen Wochenende ein Workshop statt. "ÜberlebensKunst - Wie Gesellschaften mit politischer Gewalt umgehen". Parallel dazu ist noch bis zum 26. August eine Ausstellung mit textiler Kunst zu sehen, die sich mit politischen Gewalterfahrungen auseinandersetzt.

Von Ursula Storost

Demontage einer Franco-Statue in Madrid im Jahr 2005. (AP Archiv)
Demontage einer Franco-Statue in Madrid im Jahr 2005. (AP Archiv)

Kämpferisch ging es zu beim Workshop in Hamburg. Mit der "gruopo resitancia" und mit Worten versuchte man zu analysieren, wie Gesellschaften mit Gewalterfahrungen umgehen. Zum Beispiel in Chile, das 1990, nach 17 Jahren Pinochet Diktatur zur Demokratie zurückkehrte, sagt Berit Bliesemann de Guevara:

"Trotzdem gibt es ganz viel Erbe der Diktatur, was wir bis heute in der Gesellschaft finden. Es gibt eine tiefe Spaltung der Gesellschaft zwischen denen, die die Diktatur befürwortet haben und denen, die darunter gelitten haben, die Gewalt ausgesetzt waren, ins Exil gehen mussten."

Die Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Bremen erzählt von den Wahrheitskommissionen, die versuchten die Geschehnisse während der chilenischen Diktatur aufzuklären. Vor allem herauszufinden, wo Tausende verschwundener Menschen geblieben seien. Bliesemann de Guevara:

"Es ist mittlerweile in über dreitausend Fällen eben festgestellt, dass sie tatsächlich umgebracht wurden. Nur die Täter zu bestrafen, das geht nicht, weil der Diktator noch ein Amnestiegesetz erlassen hat, was die Täter von der Strafe ausnimmt. Also es herrscht Straflosigkeit in Chile. Das ist ein Erbe."

Ein Erbe der Diktatur nach mehr als zwanzig Jahren seien auch das völlig unterfinanzierte Bildungs- und Gesundheits- und Rentensysteme und die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich. Dagegen würden inzwischen immer mehr Chilenen auf die Straße gehen, sagt Berit Bliesemann de Guevara:

"Vielleicht ist in Chile jetzt so ein Moment mit diesen Protesten, dass solche Sachen auch aufbrechen und dass wie bei uns auch Ende der 60er-Jahre die Frage gestellt wurde, was hat eigentlich die Eltern und Großelterngeneration gemacht, dass jetzt diese Fragen aufbrechen."

In Gesellschaften, die massive politische Gewalt erlebt haben, scheint es zunächst eine Phase des Schweigens zu geben. Man spricht nicht über das Geschehene, resümiert die Politikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Borchardt von der Universität Hamburg. Aber eine demokratische Gesellschaft könne nur funktionieren, wenn man über die Vergangenheit spreche und einen Konsens finde:

"Also der Gedanke, wenn wir nicht mehr drüber reden, wenn wir den Mantel des Schweigens über alles decken, dann haben wir Frieden. Dann haben wir vielleicht einen Friedhofsfrieden. Aber den tatsächlichen gesellschaftlichen Frieden, den haben wir nicht."

Den gesellschaftlichen Frieden haben auch die Spanier noch nicht gefunden, sagt Ulrike Borchardt, die den Hamburger Workshop initiiert hat. Dreißig Jahre lang wurde in der spanischen Öffentlichkeit nicht über die Verbrechen der Franco Ära gesprochen.

Borchardt: "Es gibt eine Amnestie, die damals der König erlassen hat. Und diese Amnestie schloss eben diesen Pakt ein, dass diese politischen Themen, die das Land ja gespalten hatten in den 30er Jahren zum Bürgerkrieg geführt haben, die sind nach wie vor tabu. Und es dauerte tatsächlich bis ungefähr zum Jahr 2000, bis wirklich eben die Generation der Enkel anfing zu fragen, was ist eigentlich mit unseren Verschwundenen?"

Inzwischen gibt es zahlreiche Initiativen junger Leute, die sich für die Aufarbeitung der Diktatur und für das Aufspüren der Massengräber engagieren. Darüber hinaus, fügt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Capdepón hinzu, will die Enkelgeneration auch einen neuen, demokratischen Blick auf die Franco-Diktatur:

"Es werden ganz unterschiedliche Forderungen gestellt. Einerseits reicht es von der symbolischen Umgestaltung der immer noch franquistisch geprägten Erinnerungslandschaft in Spanien, also einerseits franquistische Denkmäler, franquistische Monumente und so weiter aus der Öffentlichkeit zu beseitigen. Andrerseits eben die Schaffung von Wahrheitskommissionen. Und vor allem die Identität der Verschwundenen aufzuklären."

Jahrzehntelanges Schweigen gab es auch um den Bloody Sunday. Im Januar 1972 wurden bei einer Demonstration für Bürgerrechte im irischen Derry 13 Menschen von britischen Soldaten erschossen. Erst 1998 wurde unter dem damaligen Premierminister Tony Blair eine aufwendige Untersuchungskommission eingesetzt. Nils Zurawski:

"Das hat fast 200 Millionen Pfund gekostet, um dann zu sagen, o.k. wir haben einen Fehler gemacht. Tut uns leid. Das hätten sie einfacher haben können die Entschuldigung. Aber sie haben das gemacht und gezeigt, wir tun jetzt etwas. Das ist keine Wahrheitskommission. Aber zumindest ne Anerkennung des Leides, was man über diese Menschen gebracht hat. Worüber ja nicht nur die 13 Menschen, die gestorben sind, ihre Angehörigen, sondern ne ganze Gesellschaft gelitten hat."

Dr. Nils Zurawski ist Soziologe und Kulturanthropologe an der Universität Hamburg. Politische Gewalt destabilisiere nicht nur Gesellschaften, sondern diene auch dazu tatsächliche Probleme und Konflikte zu überdecken, sagt er. Ob in Irland, Südafrika oder Israel.

"Was wissen wir Deutsche denn von den israelischen Krisen im Innern. Die israelische Regierung kann auch gut herrschen im Innern, indem sie sagt, ihr müsst alle schon so sein, weil wir haben das Palästinenserproblem. Aber es gibt soziale Probleme, die sehen wir jetzt gerade zum ersten Mal, dass dort innenpolitische Probleme herrschen, soziale, Studentenprobleme, Ausbildung, Jobs usw. Die überhaupt nichts mit den Palästinensern zu tun haben."

Außerdem, so Nils Zurawski, sei es wichtig, dass Menschen von ihren Erinnerungen und ihren Traumata erzählten.

"Und meine Feststellung aus Nordirland ist, wenn ich in meinen Interviews, wenn ich bestimmte Marker wegnehmen würde aus meinen Interviews, man nicht feststellen könnte, wer Protestant und wer Katholik ist. Die Geschichten sind so ähnlich. Mit der gleichen Argumentation, mit den gleichen Wendungen, mit den gleichen Erfahrungen. Dann sind es zwar individuelle Traumata aber die sich zu sozialen Problemen ausgewachsen haben."

Gesellschaftliche Traumata bearbeiten Menschen auch in Kunst. Zum Beispiel in den sogenannten Arpilleras, einer traditionellen Volkskunst chilenischer Frauen. Auf grobem Sackleinen werden eine Art Patchworkbilder aufgenäht. Roberta Bacic, eine Chilenin, die in Nordirland lebt, präsentiert eine ganze Sammlung dieser Wandbilder. Statt der ursprünglichen Szenen aus dem bäuerlichen Leben zeigen diese Arpilleras-Geschichten von Verschleppung und Folter in der Militärdiktatur des Pinochet:

"Mit anderen Frauen zusammen die Sachen durchsprechen, durcherzählen. Und auch nicht fühlen, es ist nur mir passiert. Weil es ist der anderen und anderen passiert."

Auch in Spanien gibt es inzwischen Projekte, in denen alte Frauen, ihre Erinnerungen an Krieg und Unterdrückung in solchen Handarbeiten zu artikulieren können, erzählt die Sozialarbeiterin Manola aus dem nordspanischen Badalona:

"Das war für sie sehr, sehr mühsam überhaupt ihre Erinnerungen zu artikulieren. Aber es war dann für sie wie eine Therapie. Als sie dann anfingen zu nähen, mussten sie weinen und es half ihnen doch ihren Schmerz zu überwinden."

Eine der Arpilleras zeigt, wie eine Mutter von Polizisten aus der Familie abgeholt wird, um das Versteck des Vaters zu verraten. Andere handeln von Hunger und Tod. Frieden sei nur möglich, wenn man die erlittene Gewalt artikuliert, sagt der Kulturanthropologe Nils Zurawski. Und das, fügt er mit Blick auf Irland hinzu, gelte immer für beide Seiten:

"Dass man weiß, dass diese Gewalt jederzeit ausbrechen kann. Nur dann kann man sie sozusagen beherrschen. Aber wenn man so tut, als gäbe es Gewalt nicht und als wäre auch das eigene Tun nicht Gewalt, sondern nur die Reaktion auf einen Angriff und man verteidigt sich nur dann wird man nicht weiterkommen."

"ÜberlebensKunst - Wie Gesellschaften mit politischer Gewalt umgehen" (Workshop und Ausstellung der Uni Hamburg)

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