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StartseiteKultur heuteSteilvorlagen aus der Stadtgesellschaft27.03.2016

Staatsschauspiel DresdenSteilvorlagen aus der Stadtgesellschaft

Für Robert Koall ist das Theater ein "Denkraum für eine Stadtgesellschaft". Koall ist Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden. Und die Stadtgesellschaft Dresden, sagte er im DLF, die gebe dem Theater gerade eine Steilvorlage nach der anderen. Aber so sei das: Ein Theater müsse darüber nachdenken, was die Bürger umtreibe - und Impulse setzen.

Robert Koall im Gespräch mit Michael Köhler

Der Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden, Robert Koall, spricht am 26. Januar 2015 bei einer Großveranstaltung in Dresden, bei der tausende Bürger ein Zeichen für Weltoffenheit setzen wollen (Imago / Max Stein)
Für Robert Koall ist Theater immer auch Haltung. (Imago / Max Stein)

Michael Köhler: Wie politisch darf, kann, sollte die Kultur, sollten Kultureinrichtungen in unseren Zeiten sein? Das fragen wir in Zeiten von AfD-Wahlerfolgen, Flüchtlingskrise und Terrorgefahr in unserer österlichen kleinen Serie in "Kultur heute". Wo handeln Museen, Konzert-, Opernhäuser engagiert und wo vielleicht überakzentuiert? In ganz besonderer Weise finden Poesie und Politik im Theater zusammen. Shakespeare und Schiller, Brecht und Büchner, die waren immer schon politisch von vornherein. Nach der Wende von 1989, da sagte DDR-Dramatiker Heiner Müller mal: "Shakespeare, in der Demokratie wäre der nicht möglich gewesen."

Es braucht wohl die Gegnerschaft der Realität. Das Theater ist quasi die Kunstform der klagenden Klasse. Wenn etwas gesellschaftliche Kunst ist, dann vielleicht am ehesten Theater. Das aber hat es in der multimedialen Wirklichkeit von heute nicht so ganz einfach. Ich habe mit Robert Koall darüber gesprochen, er ist seit 2009 Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, und ihn zuerst gefragt: Was macht eigentlich ein Stück zum politischen Theater? Wann wird politisches Theater daraus?

Robert Koall: Ich finde, es muss nicht notwendigerweise immer gleich das Stück sein, um direkt mal ausweichend zu antworten. Ich finde, man müsste sich fragen, auch wann ein ganzes Stadttheater, wann ein ganzes Haus politisch wird durch bestimmte Spielplansetzungen, durch bestimmte thematische Setzungen, bestimmte ästhetische Setzungen auch. Aber, um auf Ihre Frage zu antworten: Ich glaube, dass jedes Stück, dass jede Inszenierung ihre politische Haltung automatisch mit in sich trägt.

Ich glaube, dass dieser luftleere Raum, in dem Kunst keine Spiegelung erfährt, dass der gar nicht existiert. Natürlich gibt es aber jetzt verschiedene Ausformungen davon und gibt es auch gewisse Ausformungen, die dann schnell zu Penetranz werden, wenn ein Stück, wenn eine Inszenierung unbedingt politisch sein will und das in jeder Pore auch demonstrieren möchte. Ich glaube, Theater ist immer Haltung, Kunst ist immer Haltung, und dadurch wird sie auch automatisch immer politisch oder stellt sich in einen politischen Zusammenhang, in einen gesellschaftlichen Zusammenhang.

"Nicht jedes politische Theater ist automatisch gut"

Köhler: Ich erinnere mich an einen zerbrochenen Krug, eine Komödie von Heinrich von Kleist, mit Edgar Selge als Dorfrichter Adam im Gorki-Theater Berlin, Regie Jan Bosse, also einem Juristen, der nicht etwas enthüllt, was seine Aufgabe ist, sondern bemüht ist, alles zu verhüllen. Da könnte man an Missbrauch von Menschen denken, an Missbrauch von Daten in einer Komödie, fand ich extrem politisch, ohne dass sie so geschmacklos gewesen wäre wie manche Sachen, die in Zürich oder Bochum passiert sind. Ich will Sie ein bisschen herausfordern: Exorzismus-Prozess gegen den Journalisten Knüppel oder die Passanten, die vor einem Bochumer Theater in einen Laster gesteckt wurden, um an Flüchtlingsdrama und Schleppergeschichten zu erinnern. Teilen Sie solche, ich nenne es mal, Geschmacklosigkeiten?

Koall: Die Frage ist jetzt, reden wir über gutes und schlechtes Theater, oder reden wir über politisches und nicht politisches Theater. Das ist ein großer Unterschied und nicht jedes politische Theater ist automatisch gut und nicht jedes politische Theater ist automatisch schlecht. Das sind Binsenweisheiten, die ich jetzt sage, aber leider muss man so differenzieren. Ich kann diese Frage unmöglich so pauschal beantworten. Wir können gerne über Einzelfälle reden. Ich habe die Aktion der Bochumer Kollegen, wie Leute sich haben in einen Schlepperlaster einsperren lassen, um das räumliche Erlebnis zu haben, nicht besonders sinnvoll gefunden und habe sie für recht reißerisch erachtet, mich damit aber auch nicht näher beschäftigt, muss ich dazu sagen. Ich habe nur diese Meldung gelesen.

Oberflächlich betrachtet fand ich das keine besonders gute Aktion. Ich finde es aber zum Beispiel ein hervorragendes Beispiel, das Sie den zerbrochenen Krug nehmen. Das ist eine Komödie, bei der man, wenn man zwischen die Zeilen guckt, einen hoch politisch aufgeladenen Stoff findet. Im letzten Akt wird klar, dass es dort um Wirtschaftskriege geht, die das Leben dieser Menschen dort auf dem flachen Land beeinflussen. Natürlich kann man so was damit machen und natürlich ist es überhaupt nicht geschmacklos. Ich würde gerne über solche Kategorien weniger reden wollen, weil sie auch wahnsinnig dehnbar sind, würde aber gerne allgemein einmal sagen, dass ich die politische Aufladung eines jeden Stoffes legitim finde, selbstverständlich!

"Hier in Sachsen und in Dresden kriegen wir dort aus der Stadtgesellschaft im Moment Steilvorlagen."

Köhler: Ich greife gerne mal auf, was Sie zu Beginn gesagt haben, denn das trifft sich mit so einem Stichwort, was ich auf meinem Zettel habe. Da denken wir offenbar ähnlich. Ein Theater, und Sie sind Chefdramaturg in Dresden. Das ist nicht irgendwo im bergischen Land, sondern in Sachsen. Ein Theater ist ein Haus, ist ein Veranstaltungsort, da gibt es einen Spielplan, da finden Stücke statt, da gibt es Dramaturgen, da gibt es Schauspieler, da gibt es Regisseure. Was ist politisch am Theater?

Koall: Das Verhältnis, in dem es sich zur Stadt setzt, ist, glaube ich, das Politische daran. Und ich würde auch gerne Ihre Begrifflichkeiten, die Sie gerade benutzt haben, unter anderem mit Veranstaltungsort gerne erweitern. Ich glaube - das klingt immer so pathetisch, wenn man das sagt -, es tut mir furchtbar leid, aber mir ist ein besserer Begriff nicht gerade zur Hand. Es ist ein Denkraum und es ist ein Denkraum für eine Stadtgesellschaft und im Idealfall gelingt es dem Theater, zu so einem ganz alten, ganz simplen Polis-Modell zurückzufinden.

Und zu sagen, das was die Bürgerschaft, was die Bewohner einer Stadt umtreibt, das was sie bewegt, über das sie nachdenken, über das sie verhandeln, sollte auch das sein, worüber ein Theater in einer Stadt nachdenkt und verhandelt, und vielleicht sogar manchmal einen Schritt voraus, bestimmte Impulse zu setzen über die Themen, über die nachgedacht wird. Hier in Sachsen und in Dresden kriegen wir dort aus der Stadtgesellschaft im Moment Steilvorlagen. Ich bin jetzt mal ein bisschen zynisch, weil Sie wissen, wie stark politisiert diese Stadt im Moment ist und was für Probleme wir im Moment hier haben. Das könnten wir auch ignorieren als Theater. Unsere Aufgabe ist aber, glaube ich, das Gegenteil zu tun.

Weit entfernt davon, ein politischer Aktivist zu sein

Köhler: Sie tun dieses Gegenteil. Sie exponieren sich als Pegida-Kritiker. 2015 ist im Hansa Verlag Ihr Notizbuch als Blog oder Online-Edition erschienen: "Dresden - Ein Winter mit Pegida". Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu ärgern, Herr Koall. Sind sie Theaterdramaturg oder sind Sie politischer Aktivist?

Koall: Ich bin Theaterdramaturg und daneben bin ich Privatbürger und als dieser bin ich politisch engagiert, gesellschaftlich engagiert. Ich habe dieses Buch ja nicht als Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden geschrieben, sondern als Privatbürger. Dass sich beide Rollen manchmal natürlich vermischen, dass ich, weil ich mich gesellschaftlich engagiere und politisch engagieren mag, dies auch gerne mit meiner Arbeit tue, das ist klar. Das möchte ich gar nicht trennen. Das kann ich auch, ehrlich gesagt, gar nicht trennen. Da sind die Grenzen fließend. Ein politischer Aktivist bin ich weit von entfernt zu sein. Dazu kenne ich mich zu wenig aus und dazu bin ich auch viel zu wenig offensiv in dem, was ich tue.

Köhler: Erlauben Sie, wenn ich widerspreche, Herr Koall.

Koall: Selbstverständlich bin ich jemand, der sich als Bürger in der Gesellschaft einzubringen versucht.

Koall: Im Treppenhaus Ihres Theaters hängen Flyer oder hingen Flyer: "Wehret den Anfängen", "Herz statt Hetze" oder "Montags-Café - Refuges ar wellcome here". Ich erinnere daran noch mal. Sind Sie damit nicht doch ein Antifa oder Anti-Pegida-Aktivist?

Koall: Weil im Treppenhaus des Theaters Flyer für Veranstaltungen gegen rassistische Veranstaltungen hängen? - Nein.

Köhler: Herr Koall, Theater muss Verantwortung übernehmen. Auf welche Weise tut es das? Indem Politik und Poesie zusammenfinden?

Koall: Zum Beispiel, und indem Theater oder Kunst allgemein, glaube ich, immer wieder an so doch allgemein menschliche Zustände erinnert, die uns alle verbinden, und an bestimmte Werte erinnert. Ich kann es auch anders sagen. Ich arbeite an einem Stadttheater, an einem Staatstheater, und Stadttheater sind Produkte der Aufklärung und dahinter würde ich ungern zurückfallen wollen. Da sehe ich unsere Aufgabe umrissen. Wir führen ja gerade Wertedebatten und können uns auf nichts einig werden, und um uns wieder mal einig zu werden auf bestimmte Werte, dafür könnten Theater zum Beispiel ein Ort sein. Sie könnten Orte sein, um die Vergemeinschaftung der Nachdenklichen ein bisschen zu befördern, und sie können auch Orte sein, an denen bestimmte Dinge, für die außen nicht mehr so viel Zeit ist, Barmherzigkeit zum Beispiel, um mal einen ganz altmodischen Ausdruck zu benutzen, …

Köhler: Der ist gar nicht altmodisch! Ich bringe Ihnen einen anderen noch nahe: Gedankenfreiheit. Sie haben selber den "Don Carlos", wenn ich es richtig weiß, als Dramaturg begleitet, und das sind die berühmten Worte des Marquis von Posa, gegen einen absolutistischen König: "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire".

Trost durch die Jahrtausende

Herr Koall, Alfred Kerr hat 1916 mal, also mitten im Ersten Weltkrieg gesagt: "Euripides ist unser Zeitgenosse". Was würden Sie sagen, Heiner Müller, Brecht, oder irgendwas anderes?

Koall: Müsste ich mich auf einen Namen festlegen?

Köhler: Nein.

Koall: Das würde ich nur ungern tun. Aber ich kannte den Satz noch gar nicht von Kerr. Ich kenne viele gute Sätze von Kerr, den jetzt auch. - Na ja, ich finde, das ist tatsächlich eines der größten Geheimnisse und Tröstungen, die Kunst uns überhaupt bieten kann, dass es durch die Jahrhunderte oder im Fall von Euripides sogar durch die Jahrtausende wiederkehrende Gedanken, Grundbedürfnisse gibt. Ich finde es immer extrem tröstlich, in einer griechischen Tragödie plötzlich auf Gedanken oder Sätze zu stoßen, von denen ich denke, das habe ich doch selber noch gedacht gerade eben, nicht weil ich so schlau bin, sondern weil ich ein Mensch bin, der bestimmte Dinge noch genauso 2500 Jahre später in seinem Herzen, in seinem Kopf bewegt. Das zu teilen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg, finde ich eine ungemeine Tröstung, die Kunst bieten kann.

Köhler: Wie politisch Kultur sein kann und soll - Robert Koall war das, der Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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