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StartseiteHintergrundStaatsziel Glück25.01.2012

Staatsziel Glück

Das Himalaya-Königreich Bhutan zwischen Tradition und Moderne

Bruttonationalglücks statt Bruttosozialprodukt: In Bhutan ist das Glück der Einwohner ganz explizit als Staatsziel festgeschrieben. Bisher war der Zwergenstaat nahezu abgeschottet vom Rest der Welt, doch die bricht nun immer stärker über ihn hinein - mit all ihren Konsumverlockungen.

Von Kai Küstner

Königskult und der Erhalt der Kultur und Tradition sind den Bhutanern wichtig.  (AP Archiv)
Königskult und der Erhalt der Kultur und Tradition sind den Bhutanern wichtig. (AP Archiv)
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Im Reich des Donnerdrachens
Demokratie von Königs Gnaden

Es war einmal ein König. Der regierte in einem fernen Land hinter den Bergen. Und die Menschen dort waren glücklich. Wie nirgendwo sonst auf der Welt. So könnte es beginnen, das Märchen, das die Geschichte des Zwergstaats Bhutan erzählt.

Auf den ersten Blick wirkt dieses winzige Land im Himalaya tatsächlich wie ein im positiven Sinne verwunschenes. Mit vielen Menschen darin, die gerne lachen und bekunden, glücklich zu sein:

"Ja, warum nicht. Ich bin glücklich. Wir Bhutaner haben nicht mit irgendeiner Art von Krieg, von Verbrechen zu leben. So wie wir das aus dem Fernsehen kennen von anderen Ländern. Wenn ich in Indien ein Fahrzeug längere Zeit irgendwo draußen stehen lasse, dann ist das nach einer gewissen Zeit verschwunden oder es fehlen zumindest Teile. Bei uns können wir sogar draußen übernachten."

Das harmlose Bhutan liegt eingezwängt im Himalaya zwischen den zukünftigen Wirtschaftsgiganten Indien und China. Auch gar nicht mal so weit entfernt von terrorgeplagten Krisenländern wie Afghanistan und Pakistan.

Zwischen diesen beiden und Bhutan scheinen allerdings mehr als Welten zu liegen. Ein westlicher Tourist dürfte sich zunächst vorkommen, als sei er nicht einem Flugzeug der staatlichen und einzigen Fluglinie Druk Air, Drachen-Air, sondern einer Zeitmaschine entstiegen: befördert in eine saftig-grüne Bergwelt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Schweizer Alpendörfern aufweist. Ergänzt um mächtige, prachtvolle, buddhistische Klöster.

Gänzlich unschuldig. Und auch unbefleckt von allem, was den Rest dieses Planeten so kompliziert macht, scheint dieses Land. Zumindest auf den ersten Blick. Bhutan ist stiller als andere Länder, die Luft ist klarer. Und die Uhren gehen etwas anders: Erst im Jahr 1999 kamen das Fernsehen und das Internet, 2003 das erste Handy.

Die Hauptstadt Thimphu besaß auch mal kurz eine einzige Verkehrsampel. Aber die wurde schnell wieder abgeschafft, sie war den wenigen Autofahrern zu kompliziert. Bhutan hat schon immer einen anderen Weg beschritten als der Rest der Welt - und versucht das auch heute noch. Denn die Welt macht Fehler. Die man ja nicht unbedingt kopieren muss:

"Das geht damit los, dass wir alle versuchen zu wachsen, wo wir doch nur begrenzte natürliche Reserven haben. Natürlich steuern wir auf eine Umweltkatastrophe zu. Aber nicht nur das. Die ganze Finanzkrise zeigt doch, dass wir uns zu sehr auf den Markt verlassen haben. Da gibt es Chefs bei Banken, die Milliarden verdienen, und wir kennen noch nicht einmal deren Namen. Wenn die Probleme haben, bekommen die Steuerzahler die Rechnung. Das kommt jetzt alles wegen der Krise ans Licht. Vielleicht gibt es deshalb jetzt so großes Interesse an dem, was Bhutan macht. Wir sagen: Es gibt einen besseren Weg. Einen Weg, der besser ausbalanciert ist, der die Sachen ganzheitlich sieht."

Sagt Karma Tshiteem von der sogenannten Kommission für "Gross National Happiness", übersetzt: Brutto-National-Glück. Denn das ist es, wofür Bhutan derzeit von einigen bewundert, von fast allen aber bestaunt wird. Die Tatsache, dass es dem Bruttosozialprodukt eine andere Maßeinheit zur Seite stellt. Das Bruttonationalglück. Was nichts anderes heißt als: Das Glück seiner Bewohner ist in Bhutan ganz explizit als Staatsziel festgeschrieben.

"Um das Bruttonationalglück zu definieren, müssen wir erst einmal herausfinden, was Glück bedeutet. Das heißt nicht: Vergnügung, Aufregung, Nervenkitzel. Es geht um eine tiefe Form von Zufriedenheit. Wir wissen, dass diese Zufriedenheit in Dir liegt. Es gibt keine externe Quelle: das schnellere Auto, das größere Haus, schönere Kleidung. Das ist alles vergänglich. Es liegt also in der Verantwortung des Staates, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass seine Bürger nach Glück streben können."

Erklärt Kinley Dorji vom Informationsministerium in Bhutan. Nun ist es nicht so, dass andere Regierungen auf dem Erdball nicht auch versuchen würden, das Glücksgefühl ihrer Bürger zu steigern. Aber in Bhutan gibt es doch die eine oder andere landestypische Ausprägung.

Um nur ein Beispiel herauszupicken: Zum Glücklichsein gehört nach Meinung der Regierung mentales Wohlbefinden. Was Europäer mithilfe von Yoga- und Meditationskursen oder zur Not auch im Wellnessbereich individuell herzustellen versuchen, ist in Bhutan sozusagen staatlich verordnet. So versucht die Regierung, in den Schulen zur Pflicht zu machen, dass mindestens ein Mal am Tag meditiert wird:

"Wir hoffen, dass die Kinder, indem wir ihnen das nahebringen, ein oder zwei Mal am Tag Stille erfahren können. Wenn sie die Stille fühlen, erlaubt das den Blick nach innen, Einkehr, Nachdenken. Das alles hilft, die Gemütsverfassung zu verbessern und mehr aus dem Leben zu machen."

So der hochrangige Offizielle der Kommission für Bruttonationalglück. Der Staat als Glücksbringer - aber ist er das wirklich? Und wenn ja - ist das Modell kopier-, ist es exportierbar? In Bhutan ruht das Glückskonzept auf vier Säulen:

#"Die vier Säulen sind: erstens gerechte und nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung. Das ganze Wachstumszeug. Die zweite Säule ist der Erhalt der Umwelt: In der Verfassung haben wir uns dazu verpflichtet, dass mindestens 60 Prozent des Landes von Wald bedeckt sein müssen. Die dritte Säule ist der Erhalt und die Förderung unserer Kultur und Traditionen. Und die letzte Säule ist gute Regierungsführung. Das beste Beispiel dafür ist die Herrschaft durch unsere Könige."

Dass in Bhutan eine Hochzeitszeremonie im sogenannten Palast der Glückseligkeit stattfindet, kann kein Zufall sein. In einem Ehrfurcht einflößenden Dzong, einer Mischung aus Kloster und Festung, wurden der 31-jährige König und seine noch jüngere Frau vermählt. Im Rahmen einer Zeremonie, um die sie vermutlich sogar Kate Middleton und Prinz William beneidet hätten.

Welche Ehrerbietung die Menschen im sogenannten "Land des Donnerdrachens" ihrem König entgegenbringen, war schon bei der Krönung drei Jahre zuvor deutlich geworden, als buddhistischen Mönchen in roten Gewändern vor Rührung die Tränen in den Augen standen. Diesmal war es ähnlich: Während der König im Inneren des Klosters in aller Ruhe die Hochzeitsrituale absolvierte, hatten draußen vor den Mauern die Sicherheitskräfte alle Hände voll zu tun, eine begeisterte Menschenmenge zu bändigen.

Tausende Bhutaner, vom Yak-Hirten bis zum Ingenieur, waren aus dem ganzen Land angereist. Und drängten und drängelten ins Innere. Und zwar Alt und Jung. Nur um dem 31-Jährigen die Ehre zu erweisen. Diese beiden jungen Frauen schafften es.

Auch wenn der begehrteste Junggeselle Südasiens nun vom Markt ist - die beiden freuten sich im Chor für ihn und seine Frau. Als hätte es noch eines eindrucksvolleren Beweises von Königstreue bedurft, säumten am Tag darauf selbst pubertierende Schulkinder über zehn Stunden lang geduldig die Straßen der Hauptstadt, nur um ihrem Idol, dem König, kurz zuwinken zu dürfen. Der - wegen seiner zurückgegelten dunklen Haare - nicht selten mit Elvis Presley verglichen wird.

Er persönlich finde ja, dass er eher wie Bruce Lee aussehe, meint dieser Mann.

Bhutan ist mittlerweile eine Demokratie. Gleichzeitig sind die Beliebtheitswerte des Regenten im Himalaya hoch. Dass diese Staatsform in einem Land wie Bhutan nicht auf herkömmlichem - revolutionärem - Weg daher kam, dürfte nicht weiter überraschen: Der Vater des heutigen Königs hat sie den Menschen mehr oder weniger aufgezwungen. Es könnte ja sein, dass mal ein nicht so weiser Herrscher wie ich daherkommt, dachte dieser König nämlich bei sich.

Sein Volk fügte sich und ging wählen. Das war 2008. Die königstreuste Partei im Land bekam auf Anhieb die Mehrheit im Parlament. Königskult, Erhalt der Kultur und Tradition, jahrelange Abschottung nach außen: Bei all dem könnte einem Bhutan vorkommen wie das Traumland jedes National-Konservativen. Aber ist es das wirklich? Zumindest hört es sich zunächst mal so an:

"Dass die Mehrheit der Gesellschaft glücklich ist, liegt auch an unserem Familiensystem: Wir leben als Großfamilien zusammen. Und wir respektieren die Älteren. Gucken Sie sich dieses Beispiel an: Das Haus brennt bei jemandem ab. Und es ist nicht versichert. Dann tut sich die ganze Familie zusammen, um zu helfen. Deshalb leben wir weniger unter Stress."

Merkt Chencho Tshering an, Manager der vielleicht wichtigsten Mediengruppe des Landes, Kuensel. Bhutan - und das macht dieses Land so hoch spannend - ist eine Gesellschaft im Übergang, die gerade die wacklige Hängebrücke überschreitet, die sie zwischen Tradition und Moderne gespannt hat. Dabei taumelt sie manchmal, blickt ängstlich nach vorne und bisweilen sehnsüchtig zurück.

Fast kommt es einem vor, als lasse sich in Bhutan - eben weil es sich bis tief ins letzte Jahrhundert hinein vollkommen abschottete - die Menschheit im Urzustand begutachten. Hier findet sich der Traum eines jeden Sozialwissenschaftlers: Der Frage, ist der Mensch von Natur aus gut - wie Rousseau meinte - und wird erst verkorkst von der Gesellschaft oder ist der Mensch von Natur aus dem Menschen ein Wolf, könnte man hier in Ruhe nachgehen.

Der Wolf ist nun allerdings das Tier, mit dem man die friedliebenden, sanftmütigen Bhutaner vermutlich am allerwenigsten in Verbindung bringen würde. Jedenfalls ist dieses Land heute wie zu keinem anderen Zeitpunkt in seiner Geschichte Einflüssen von außen ausgesetzt:

"Ich kann Ihnen gar nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist. Früher, als ich ein junger Mann war, trug ich gerne westliche Kleidung. Heute lege ich mehr Wert auf traditionelles Auftreten. Wenn Sie sich heute die Jugend angucken, dann ist es für sie die Zeit, etwas auszuprobieren. Also sollen die das machen."

Erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts öffnete sich Bhutan vorsichtig für den Tourismus. Aber um ganz bewusst Massen von Rucksackurlaubern abzuschrecken, zahlen Besucher für jeden Tag, den sie sich im Land aufhalten, eine Art Kurtaxe von mindestens 200 US-Dollar. Und in so eine Gesellschaft bricht nun die Welt ein - langsam aber sicher, mit allem, was sie hat: Touristen, TV, Internet.

"Fernsehen und all die anderen Medien muss es geben. Wären sie nicht da, wären wir ja sozusagen blind."

Meint dieser Mann. Und Medien-Manager Tshering erzählt, er empfange jetzt 61 Sender, englische, koreanische, indische. Im Grunde sei das gut. Trotzdem findet er, dass es eine Möglichkeit geben müsse, Kanäle, die der Gesellschaft nicht gut täten, zu verbieten.

Vermutlich dürfte er es auch für eine gute Idee halten, dass sich die Fernsehshow "Bhutan Star" strenge Regeln auferlegt: Bei der Himalaya-Version von "American Idol" oder "Deutschland sucht den Superstar" treten die jungen Gesangstalente meist in traditioneller Kleidung auf die Bühne.

Ganz offen bekunden die Sendungsmacher, dass ihre Show dem Erhalt traditioneller Musikkultur aus Bhutan dienen soll. Gleichzeitig aber öffnet sich das Land - vorsichtig - der schönen neuen Medienwelt. Es hat auch gar kein andere Wahl: Die Jugend will - bei aller Verehrung für den eigenen König - zum Beispiel ausländischen, vor allem englischen Fußball sehen. Dem Gedanken des Bruttonationalglücks widerspreche das nicht, sagt die zuständige Kommission:

"Ich meine, dass mehr Kommunikation immer besser ist. Die ganzen neuen Technologien öffnen mehr Wege, mehr miteinander zu kommunizieren. Am Ende werden sie der Welt helfen, schneller ein besserer Ort zu werden. So viele Probleme zwischen Menschen und Ländern entstehen, weil wir nicht genug miteinander reden. Technologie an sich ist neutral. Es kommt darauf an, was man mit ihr macht."

Kommunikation ist gut, Kontrolle ist besser: Bei aller Offenheit versucht Bhutan ziemlich genau zu definieren und auch zu bewahren, was zur eigenen Kultur gehört.

Nun ist es in Europa ja so: Wenn da jemanden die Angst vor dem Verschwinden der eigenen Kultur packt, dann kommt dabei rechts-konservatives und fremdenfeindliches Gedankengut à la Oswald Spengler oder Thilo Sarrazin heraus. Gilt das auch für Bhutan? Und was zum Beispiel bedeutet es für gesellschaftliche Minderheiten, wenn Chencho Tshering sagt:

"Natürlich wird es immer irgendwie Probleme geben, aber die werden vom Großen und Ganzen aufgehoben. Wenn, sagen wir, 60 Prozent der Menschen glücklich sind und 40 Prozent nicht, dann überwiegt doch die Zufriedenheit."

Lässt es sich aufrechterhalten, das Bild ländlicher Idylle? Oder verbirgt sich unter der unbefleckten Oberfläche vielleicht doch - wie in einem beklemmenden David-Lynch-Film, der das amerikanische Kleinstadtleben aufs Korn nimmt - die dunkle Seite der menschlichen Seele? Die zum Beispiel dann offen zutage tritt, wenn es um den Erhalt bhutanischer Kultur geht?

Als Schandfleck in der jüngeren Geschichte gilt noch immer der Umgang mit einer ethnischen Minderheit: Bhutanern nepalesischer Herkunft, die seit mehr als einem Jahrhundert im Land lebten, wurde 1989 das Bürgerrecht entzogen. 100,000 Menschen wurden aus dem Land getrieben, die dann jenseits der Grenze in Flüchtlingscamps unterkommen mussten. Es handelte sich immerhin um ein Siebtel der Bevölkerung.

Auch wenn das nun zwei Jahrzehnte zurückliegt, dürfte es doch als Menetekel dafür dienen, dass Bhutan so ganz frei von Konflikten - mit sich selbst und dem vermeintlich anderen - nun auch nicht ist.

Es war ein flüchtender Mönch aus Tibet, der Bhutan im 17. Jahrhundert erschuf: als buddhistische Zufluchtsstätte, als Rückzugsort, als Unterschlupf, frei von den draußen in der Welt lauernden Gefahren.

In seinem berühmten Roman "Lost Horizon" - Der verlorene Horizont - beschreibt James Hilton ein Tal im Himalaya, das er Shangri-La nennt. Ein glückliches Tal, in dem die Menschen nicht altern. Nun altern die Menschen im realen Bhutan durchaus. Aber als Shangri-La wird das Land noch immer bezeichnet. Auch wenn es das nicht für alle ist, auch wenn es Probleme gibt:

"Alle Probleme, die sonst auf der Welt existieren, haben wir auch, aber in sehr viel kleinerem Maßstab. Was uns zum Beispiel Sorgen macht: Die Arbeitslosigkeit der Menschen im Alter zwischen 15 und 25 ist ziemlich hoch, sie liegt bei zehn Prozent."

Drogenkonsum und Jugendarbeitslosigkeit, vor allem in der Hauptstadt Thimphu, dürften sich gegenseitig bedingen. Was übrigens einer der Gründe ist, warum Bhutan den Tourismus so dringend braucht und sich weiter öffnen muss: Eine der kleinsten Volkswirtschaften der Welt, die sonst nur noch von Wasserkraft und Landwirtschaft getrieben wird, braucht die zahlungskräftigen Reisenden. Die Drogenproblematik zeigt aber auch: Nicht jedes Kind in Bhutan darf sich als Glückskind fühlen:

"Ich meine, dass der Hauptgrund der soziale Wandel ist. Bhutan verändert sich sehr schnell. Unsere Jugend lernt von anderen, zum Beispiel, dieses Gefühl high zu sein oder cool. Und die Jugendlichen wollen den Gleichaltrigen zeigen, wie high und cool sie sind."

Nicht selten stehen Teenager an Wochenende in Apotheken Schlange, um sich - etwas von Erkältung röchelnd - mit Hustensaft einzudecken. Bei allen Problemen: Wer mit der politischen Elite in Bhutan spricht, nimmt zweierlei wahr: Erstens werden die Probleme nicht kleingeredet, das Land nicht als eine Art bhutanischer Garten Eden dargestellt. Und zweitens gehen die Menschen diese Probleme mit einer gehörigen Portion Bescheidenheit an: Wir müssen am Konzept des Bruttonationalglücks noch feilen, hört man immer wieder.

Bei all dem muss man im Hinterkopf behalten: Auch wenn der Zwergstaat hoch oben in den Himalaya-Bergen vielen zunächst ein bisschen märchenhaft vorkommen mag: Es ist ganz sicher kein Land, in dem die Menschen in Lebkuchenhäusern wohnen und sich ihre Pfeifchen mit Geldscheinen anzünden. Im Grunde sind die Menschen in Bhutan bettelarm. Materiell gesehen.

Ihrem Glücksgefühl scheint das keinen Abbruch zu tun: Einer aktuellen Umfrage zufolge bezeichnen über 55 Prozent der Bewohner ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut. Bleibt die Frage, ob sich die in den Bergen geborene Idee des Bruttonationalglücks auf den Westen übertragen ließe. Ob sie ein Exportschlager "Made in Bhutan" werden könnte oder sollte:

"Klingt irgendetwas von dem so, als wäre es nur auf Bhutan anwendbar? Wir reden hier doch über universelle Dinge. Wenn es um das Glück geht, sind wir doch alle irgendwie ähnlich."

In Ansätzen versuchen andere Länder bereits, sich Glücks-theoretisch in Bhutan zu bedienen - mit Lebensqualitätsmessungen und anderen Ideen. Doch ist das ohne Weiteres möglich: Ein Konzept, das in einem naturbelassenen 700.000-Einwohner-Land funktionieren mag, auf einen hoch-kapitalistischen Massenstaat im Westen zu übertragen?

"Bhutan sollte nicht versuchen, das zu verkaufen. Oder Bruttonationalglück zu predigen. Wir müssen zusehen, dass das hier funktioniert. Wenn das klappt, kann es eine Lehre für jeden sein."

In nächster Zeit dürfte das Land vollauf mit sich selbst beschäftigt sein - und sich eher mit Import- denn mit Export-Fragen befassen. Wenn es nämlich versucht, mit den Folgen der Tatsache umzugehen, dass die Welt immer unerbittlicher über den Zwergstaat hereinbricht. Mit all ihren Verführungskünsten und Konsumverlockungen.

Aber warum sollte Europa eigentlich nicht die eine oder andere Idee aus Bhutan übernehmen? Alle reden von Nachhaltigkeit - hier wird sie praktiziert. Wenn auch im Kleinen. Und den Traum von einer glücklicheren Gesellschaft, einer glücklicheren Welt aufzugeben, wäre ohnehin fatal.

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