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Stacheln im Lebenslauf

Buch der Woche: "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" von Taiye Selasi

Von Walter van Rossum

Die Schriftstellerin Taiye Selasi
Die Schriftstellerin Taiye Selasi (picture alliance / dpa/ Donatella Giagnori / Eidon)

Taiye Selasis kosmopolitischer Roman steht auch in Deutschland auf der Bestsellerliste. Das Buch "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" handelt von sechs Menschen einer Familie, die in der ganzen Welt verstreut sind und ihre Wurzeln in Afrika haben.

Ungefähr 110 Seiten lang stirbt Dr. Kwaku Sai. Dabei kommt der Tod sehr schnell. Ein paar Meter nur, dann ist es vorbei. Er steht morgens ganz leise auf, um seine schlafende Frau nicht zu wecken, er betritt die Glasveranda seines Hauses in Ghana, er bewundert es wieder einmal. Er hatte den Grundriss vor Jahren in der Kantine seiner Klinik auf einer Papierserviette entworfen. Kwaku Sai ist jetzt Ende 50. Er lebt in seinem Haus, von dem er einst geträumt hatte, aber er hat alles hinter sich gelassen, was wichtig war in seinem Leben. Und davon erzählen die ersten 110 Seiten dieses Romans.

"Und dann der Tod.
Er liegt da mit dem Gesicht nach unten, ein Lächeln auf den Lippen. Jetzt lässt sich der Schmetterling nieder, hat genug getrunken. Ein spektakulärer Kontrast, das Türkis vor dem Pink der Blumen. Aber Schönheit, Kontrast, Abschied sind dem Schmetterling gleichgültig – er flattert durch den Garten, schwebt über Kwakus Fuß. Schlägt mit den Flügeln gegen seine Fußsohlen, als wollte er sie streicheln. Auf, zu. Der Hund wittert neuen Tod und bellt, was wiederum den Schmetterling erschreckt. Noch einmal schlägt er mit den Flügeln, fliegt davon."


Sein Leben hätte ein Märchen werden können: Kwaku Sai wurde in Ghana als Sohn mittelloser Eltern geboren, guten Schulleistungen und einem Stipendium verdankt er sein Medizinstudium in den USA. Und in Baltimore an der berühmten Johns Hopkins Universität wird er zu einem begnadeten Chirurgen ausgebildet, auf den Ruhm und Millionen zu warten scheinen. Nicht genug damit: Kwaku heiratet die hinreißende Fola, ebenfalls eine Afrikanerin, nigerianischer Abstammung. Die beiden zeugen vier großartige Kinder, allesamt früh als Wunderkinder unterwegs. Und bevor das Märchen sich in Überfülle vollenden kann, bricht es abrupt ab. Dr. Sai fällt einer Krankenhausintrige zum Opfer, eine Patientin stirbt, man schiebt ihm die Schuld zu. Zu Unrecht. Er wird fristlos entlassen. Doch Kwaku Sai verbirgt die ihm unerträgliche Schande vor seiner Familie. Jeden Morgen verlässt er zur gewohnten Zeit sein Haus, aber er fährt nicht in die Klinik, sondern kämpft um sein gutes Recht. Doch das Recht ist nicht gerecht und der Rechtsweg teuer. Es kommt zur Explosion, als Kwaku mal wieder in seiner alten Klinik wütend vorspricht, und schließlich von der Security wortwörtlich rausgeschmissen wird. Noch schlimmer: Zufällig wird sein ältester Sohn Olu Zeuge dieser beschämenden Szene. Kwaku gibt auf, setzt sich ins Auto und verschwindet aus dem Leben seiner Familie.

"Während es doch genügt hätte, einfach nur den Fluchtweg zu finden, da anzufangen, wo er anfing, und dorthin zu gelangen, wohin er gelangt war – Vater und Arzt und was er sonst noch alles war, was er zu sein gewagt hatte. Zu entkommen hätte genügt. 'Frei' zu sein, für alle, die schwülstige Streichermusik wollen, "menschlich" zu sein – mehr als nur 'Staatsbürger', mehr als nur 'arm'. Letztlich war das alles, wonach er strebte: eine menschliche Geschichte. Die Möglichkeit, Kwaku zu sein, jenseits von Armut. Er wollte irgendwie seine eigene kleine Geschichte aus den größeren Geschichten herauslösen, den Geschichten vom Vaterland, Armut und Krieg, die sämtliche Geschichten der Menschen in seiner Umgebung verschlungen hatten, um diese Menschen dann als gesichtslose namenlose Dorfbewohner wieder auszuspucken, als mickrige Rädchen im Getriebe. Die Möglichkeit, sich zu lösen und zu fliehen, auf dem winzigen Boot, der S.S. Sai, vor sich als Ziel die enorme Weite – und die Kleinheit – eines Lebens ohne Not. (....) ja das hätte vollkommen genügt, denkt Kwaku: Geboren im Staub, tot im Gras. Fortschritt. Ferne Ufer erreicht."

Es gäbe Gründe, diese Tragödie zu verachten. Einem Mann mit blendenden Möglichkeiten widerfährt ein Unrecht. Das wirft ihn aus der Bahn und er wird selbst zum Täter, der sich und seine Familie zerstört. Und niemals zurückfindet. Doch das sind diese Tragödien, die diesen Roman wie ein roter Faden durchziehen und die ihn so großartig machen. Es sind Störungen, Missverständnisse, zu viel Liebe, zu wenig Liebe, Unfälle, verstümmelte Botschaften, scheinbar bloß der komplexe Dschungel des Lebens. Taiye Selasi erzählt von Menschen, die mit Talent Kurs aufs Unglück nehmen. Da ist keine Krankheit am Werk, die man auf einen therapeutischen Namen zurückführen könnte. Schuld sind nicht die Intriganten im Krankenhaus, nicht die Ahnen, nicht die Hautfarbe, nicht der Rassismus, nicht die Religion und nicht mal die Politik – und doch: Diese Dinge geschehen nicht einfach so, wie der Roman in deutscher Übersetzung so treffend schön nach einem Satz im Buch heißt. Nein, Menschen scheitern an sich, weil sie die Dinge, die Menschen, die Welt und sich nicht verstehen. Dieser sonderbare Blindflug durch eine vollgestellte kryptische Landschaft: das Leben. In Ermangelung handfester Gründe kann man davon eben nur erzählen, wenn man erzählen kann wie Taiye Selasi.

"Mr Lamptey schläft ausbalanciert am Rand des Ozeans, keinen halben Meter vom Wasserrand entfernt, Beine überkreuzt und Augen geschlossen, die Handflächen auf den Kniescheiben, Rücken grade. Der Streuner wartet geduldig, den Blick aufs Wasser gerichtet, das Kinn auf den Pfoten. Der Ozean bewegt sich träge vor und zurück, schwappt fast bis zu den Pfoten, aber nicht ganz, ein paar Handbreit netto Raumgewinn, nicht mehr. Unentschlossen entwirft er seine Grenzen neu und nimmt sie dann wieder zurück. Will das Wasser nicht weiter vordringen, als Landnahme, um einen größeren Strandbereich einzunehmen, um zusätzlichen feuchten Sand zu unterwerfen? Offenbar nicht. Vor, zurück, Veränderung minimal, und die Wolken, die dieser Prozess langweilt, fangen beim Zusehen an zu gähnen.
Herein sickert Licht, schwach, matt, ohne Farbe, sein einziges Merkmal: dass es nicht die Dunkelheit ist."


Wir scheitern an uns. Mag sein. Doch wir scheitern in realen Umständen. Fola – Kwakus geliebte Frau und Mutter seiner vier Kinder – scheitert am Verrat ihres geliebten Mannes, den sie nicht begreift, den sie aber auch nicht zu begreifen versucht. So hat sie das gelernt: weiter, weiter. Sie verkauft das Haus, schickt zwei der Kinder – die Zwillinge – zu ihrem Halbbruder nach Nigeria, und versucht die beiden anderen durchzubringen. In Nigeria geschehen schlimme Dinge, die Zwillinge fliehen verstört nach Hause zurück. Traumatisierung ist das eine – doch Taiye Selasi fragt unablässig: Was machen wir aus dem, was aus uns gemacht wurde? Doch offenbar suchen die rührend dunklen Helden dieses Romans nicht die Befreiung, sondern die Verstrickung in die Tröstungen des Unglücks:

"Selbst am Anfang, bevor alles aus den Fugen geriet (...), selbst da herrschte zu Hause eine Atmosphäre permanenter Anstrengung, es war ein energischer Aufwärtstrend, es wurde etwas gebaut: eine erfolgreiche Familie. An diesem Projekt waren sie alle sechs beteiligt, sie strebten ein gemeinsames Ziel an, das sie allerdings noch nicht erreicht hatten. Sie waren noch nicht fertig, waren noch bei der Probe, eine Produktion im Entstehen, jeder spielte seine Rolle mit demonstrativer Souveränität, und der Stress war für alle immer gegenwärtig, als eine Art leiser Dauerton im Hintergrund. Ein Summen.

Da war 'er', der sich Tag für Tag die größte Mühe gab, den Ernährer darzustellen. Und Folas Starrolle als die Vorstadt-Ehefrau und Olu als der perfekt penible Lieblingssohn, der Erstgeborene und dann der Künstler sowie das Baby. Und sie selbst. Fest entschlossen, eine makellose Darstellung abzuliefern und unter donnerndem Applaus von der Bühne zu schweben. Bezaubernde Tochter von Siegern."


So ist das: Wir beobachten uns beim Lebensbau – und fühlen uns als Fälscher, von uns selbst gemachte Fälschungen. Wir wären lieber Natur, die wir nicht ertrügen zu sein. Der Blindflug kreist. Nirgends Landungsfeuer. Wir orientieren uns an unseren Narben – zuver-lässigeres haben wir manchmal nicht. Ist das nicht der ganz normale Existenzialismus – oder gibt es Umstände, die erklärten, warum diese sechs Familienbühnenarbeiter dauernd in einem Stupor erstarren? Eingefroren in Bildern? Könnte es nicht damit zu tun haben, dass wir es hier mit einer afrikanischen Familie zu tun haben, in der zumindest die Eltern noch in Afrika geboren wurden und in der der American Way of Life noch keinen Stammbaum hat?

Taiye Selasis Biografie kreuzt sich auf vielfache Weise mit den Lebensläufen ihrer Helden. Sie wurde vor 33 Jahren in London geboren. Ihre Eltern sind Ärzte, die aus Nigeria und Ghana stammen. Selasi wuchs in Massachusetts in den Vereinigten Staaten auf, schloss ihr Studium an der Eliteuniversität Yale mit summa cum laude ab, kehrte nach England zurück, um in Oxford Internationale Beziehungen zu studieren. In Oxford lernte sie auch die amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison kennen, die sie zum Schreiben aufgefordert haben soll. "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist ihr erster Roman – im amerikanischen Original lautet der Titel übrigens "Ghana must go". Könnte sein, dass Taiye Selasi eine gewisse Ähnlichkeit mit Taiwo hat, dem Zwillingsmädchen aus dem Roman, brillant, bildschön und kreuzunglücklich. Es könnte auch sein, dass die Autorin und ihr Romanpersonal sehr genau einem Begriff entsprechen, den Taiye Selasi 2005 in einem kleinen feinen Essay in einer Zeitschrift in Umlauf brachte, und der seither eine gewisse Karriere gemacht hat:

"Sie (also wir) sind Afropoliten: die neueste Generation afrikanischer Auswanderer, demnächst oder schon längst – in einer Anwaltskanzlei, einem Chemielabor, einer Jazz-Lounge in Ihrer Nähe. Sie erkennen uns an der lustigen Kombination von Londoner Mode, New Yorker Jargon, afrikanischen Wertvorstellungen und akademischen Erfolgen. Einige von uns sind ethnische Mischungen, z. B. ghanaisch und kanadisch, nigerianisch und schweizerisch; andere sind bloß kulturelle Promenadenmischungen: amerikanischer Akzent, europäisches Gemüt, afrikanischer Ethos: Die meisten von uns sind mehrsprachig: Neben Englisch und ein zwei romanischen Sprachen verstehen wir eine indigene Sprache und sprechen den Jargon von einigen Großstädten. Wir sind Afropoliten: nicht Weltbürger, sondern Weltafrikaner."

Seit den 60er Jahren verließen viele hochqualifizierte Afrikaner ihren Kontinent Richtung Westen. Inzwischen sind es fast 30 Prozent der afrikanischen Eliten, die in den letzten Jahren nach Kanada, Großbritannien oder England auswanderten. Und die Kinder dieser Auswanderer, die inzwischen in Berlin oder Boston leben, definieren heute ganz neu, was afrikanisch sein bedeutet.

"Was diese Menschenmenge auszeichnet, ist die Bereitschaft Afrika zu verkomplizieren – das heißt, sich mit den Teilen Afrikas, die ihnen am meisten bedeuten, auseinanderzusetzen, sie zu kritisieren und zu zelebrieren. Vielleicht kennzeichnet das afropolitische Bewusstsein vor allem die Ablehnung allzu starker Vereinfachungen; das Bemühen zu verstehen, was in Afrika falsch läuft, und zugleich der Wille zu würdigen, was wunderbar und einzigartig ist. Anstatt Verallgemeinerungen über Afrika als geografische Einheit anzustellen, versuchen wir die kulturelle Komplexität zu verstehen, das intellektuelle Erbe anzunehmen und die Kulturen unserer Eltern zu bewahren.

Für uns muss es etwas bedeuten, Afrikaner zu sein. (...) Ohne dieses multi-dimensionale Denken könnten wir uns selbst nicht verstehen. "


"Bye, Bye Babar" heißt dieser Text aus dem Jahre 2005. Er wurde für viele junge afrika-stämmige Menschen in den westlichen Metropolen zu einem Programm und ist es bis heute geblieben. Insofern liegt die Versuchung nahe, in diesem Text eine Art begrifflichen Rahmen für den Roman zu sehen. Allein, sollte es so sein, dann haben wir es hier nicht mit voll ausgebildeten Afropoliten zu tun, sondern eher mit Figuren, die ganz und gar in die Komplexität des Unternehmens verstrickt sind und - lange Zeit scheint es zumindest so – davon restlos überfordert sind. In "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" gibt es kaum einen Plot. In raffinierten Rückblenden erfahren wir nach und nach, warum diese Dinge nicht einfach so geschehen. Und dabei driftet der Roman immer mehr und beinahe unmerklich in Richtung Afrika.

Der Leser erfährt, das Kwaku Sai und seine Frau Fola sowohl voreinander als auch vor ihren Kindern ihre jeweiligen afrikanischen Tragödien verschwiegen haben. Folas Eltern sind im nigerianischen Bürgerkrieg ermordet worden – nur Fola ist unter glücklichen Um-ständen die Flucht nach Ghana gelungen. Und Kwakus Vater, der seiner Familie in Ghana eine Buschhütte gebaut hatte, soll erhobenen Hauptes ins Meer gegangen sein, nachdem er von weißen Männern öffentlich ausgepeitscht worden ist. Insofern dämmert einem, dass Dr. Sai seine amerikanische Karriere mit der Bilderbuchfamilie als Überwindung der Schande geplant hatte, doch als ihm in den USA eine ähnliche Schande geschieht wie seinem Vater in Afrika, kehrt er nach Ghana zurück - entsagt der Heilsfantasie der großen weißen Assimilation, als könnte man zu einer neuen Identität durch neue Klamotten finden. Seinen Kindern hinterlässt er die Splitter seines abgebrochenen Projektes, die sich wie Stacheln in ihre Lebensläufe bohren. Und Taiye Selasi schildert ergreifend, wie jedes seiner Kinder von einer Vorgeschichte ergriffen wird, die sie nie verstanden haben, weil sie einfach verschwiegen wurde.

Nach Kwakus Tod versammelt sich die Familie zu seiner Beerdigung in Ghana, dort entladen sich Spannungen, da kommt es zu einem ganz allmählichen, doch dramatischen Verstehen.

"Das Sichtbare ist lächerlich: dieses Haus an einem Strand bei einem Dorf in Ghana, das Heim irgendeiner weißen Familie, die Farbe abgeblättert und die Fensterhöhlen leer, aber es ist hier, immer noch dominant und Achtung gebietend. Sie lacht beim Gedanken an ihren Vater. Ein kleiner Junge hier am Strand, der zu diesem Haus emporblickt und denkt, eines Tages wird er ein Haus haben, das genauso groß ist, so dominant. Der denkt, eines Tages wird er ein eigenes Stück Land erobern. Was er ja auch getan hat, denkt sie lachend – dieses Grundstück in Brookline, auf dem ein ebenso freudloses Haus stand, ein "Zuhause" ausgedacht von den gleichen rosagesichtigen Briten, die auch dieses Ding hier am Strand hätten entwerfen können, schwerfällig, ein Fels, ein Manifest – aber ohne die Unbeweglichkeit, ohne die Aura der Dominanz des Selbstvertrauens und der Dauerhaftigkeit. Er hat neues Land erobert, und er hat ein Heim gegründet, aber seine Scham war zu groß, und seine Eroberung wurde verkauft. Wahrscheinlich sogar zurückverkauft an eine nette rosagesichtige Familie, Nachkommen der Pilgerväter, die sich besser auskannten mit Dominanz. Dem neuen Jungen weggenommen, den Einheimischen zurückgegeben, den Cabots oder Gardeners oder Pallys, nicht den Sais. Armer kleiner Junge, der an diesem Strand herumgelaufen ist und von einer neuen Heimat und von grandiosen Häusern geträumt hat, denkt sie, mit aufgeplatzten Füßen und Fußsohlen, die sich schwarz verfärbten. Der seinen Irrtum nie erkannte (sie hätte es ihm gesagt, wenn sie die Möglichkeiten dazu gehabt hätte): dass er nämlich nie ein Zuhause finden würde, jedenfalls kein Zuhause, das Bestand haben würde. Jemand, der Scham empfindet, fühlt sich nie zu Hause, wird sich nie zu Hause fühlen. Sie lacht beim Gedanken an diesen Jungen hier am Strand und lacht noch lauter beim Gedanken an das Haus, das er gekauft hat, aber am lautesten lacht sie, als sie an sich selbst in diesem Haus denkt, zwölf Jahre alt, noch ein Mädchen, noch erfüllt vom Glauben an ein Zuhause."

Doch am Ende führt Taiye Selasi ihre Romanfiguren über solche Ekstasen der Bitterkeit in zarten Andeutungen hinaus. Etwas lichtet sich. Und führt doch nicht zu einem neuen Identitätsepos. Fola und ihre Kinder finden nicht: Leitkultur, Wesensmitte, die Litaneien der Abstammung oder den Schoß der Authentizität. Sie finden fast nichts Nennenswertes – nur jene Komplexität, die Selasi in ihrem Essay "Bye, Bye Babar" als eine Art Chance beschrieben hatte:

"Es bleibt unklar, ob wir uns schämen, weil wir nicht mehr über die Kultur unsrer Eltern wissen oder weil diese Kultur zu wenig 'modern' ist. Offensichtlich aber ist, wie sehr ein moderner junger Afrikaner seine Identität aus völlig verschiedenen Quellen erfinden muss. Mit brauner Haut, aber ohne ein fundamentales Gefühl, 'schwarz' zu sein, und zugleich von den afrikanischen Verwandten dafür gehänselt, sich 'weiß zu verhalten' – der junge Afropolit kann sich leicht zwischen den Welten verirren: ich nenne das 'lost in transnation'."

Durch diese Tiefebene der Verwirrung führt der Roman – er sucht nicht nach Diagnosen für die Schmerzen seiner Helden, sondern nach Perspektive. Und für diese Perspektive gibt es keine Gebrauchsanweisung, kein Zehnpunkteprogramm aus dem Fundus der "Finde Dich selbst"-Ratgeber. Es gibt nur eine Art Ermutigung zur Komplexität, zum Hybriden, zur Improvisation von Identität – lost in transnation und daraus dann wiedergeboren.

Bleibt noch ein erstaunliches Phänomen: Taiye Selasis Roman steht mittlerweile auch in Deutschland auf der Bestsellerliste. Was fasziniert den schwer weißen Mitteleuropäer an diesem afroamerikanischen Familienroman? Könnte sein, dass wir im komplexen Identi-tätstumult des Afropoliten etwas von uns selbst entdecken. Die meisten von uns mussten nicht die Ozeane überqueren und sich in fremden Zivilisationen behaupten. Doch die Zeiten sind vorbei, dass wir unserer Herkunft Ansagen entnehmen, Orientierung abringen konnten. Unsere Zivilisation hat die Kraft der Selbstgerechtigkeit, die Aura der Rechtfertigung längst verloren. Die lächerlichen Beschwörungen des christlichen Abendlandes und der Wonnen der Aufklärung haben die Tragfähigkeit von Pusteblumen. Könnte sein, dass wir den Afropoliten ein wenig beneiden. Er sah sich gezwungen, sich neu zu erfinden. Wir sind noch weit davon entfernt, darin eine Chance zu sehen.

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag. Frankfurt a. M. 2013. 398 Seiten. 21,99 Euro

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