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StartseiteKultur heuteStaeck: Joseph Beuys war kein Ewiggestriger14.05.2013

Staeck: Joseph Beuys war kein Ewiggestriger

Präsident der Berliner Akademie der Künste widerspricht Thesen einer neuen Beuys-Biografie

Dass Beuys in irgendeiner Form "reaktionäres Alt-Nazitum" gepflegt habe, wie es Hans Peter Riegel in seiner neuen Biografie behauptet, habe er in 18 Jahren gemeinsamer Arbeit nie feststellen können, sagt Klaus Staeck. Aus Beuys einen "Hitler-Jungen" machen zu wollen, sei abwegig, so der Präsident der Berliner Akademie der Künste.

Klaus Staeck im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Joseph Beuys, Ausstellungsplakat 1974, Plakat für einen Vortrag in der Ronald Feldmann Galerie in New York, 1974 (VG Bild-Kunst, Bonn 2004)
Joseph Beuys, Ausstellungsplakat 1974, Plakat für einen Vortrag in der Ronald Feldmann Galerie in New York, 1974 (VG Bild-Kunst, Bonn 2004)

Doris Schäfer-Noske: Eine neue Beuys-Biografie sorgt zurzeit für Wirbel. Der Autor, Hans Peter Riegel, stellt den Künstler darin nämlich als einen Ewiggestrigen dar, der enge Kontakte zu Alt-Nazis gehabt und sich nie ganz von der völkischen Grundstimmung seiner Jugend abgekehrt habe. Dazu Gerhard Pfennig, der Rechtsanwalt der Beuys-Erben:

O-Ton Gerhard Pfennig: ""Also Frau Beuys kennt dieses Buch nicht und hat auch nicht vor, dagegen juristisch vorzugehen. Es ist auch völlig an den Haaren herbeigezogen, was dieser Autor, jedenfalls soweit man es im "Spiegel" lesen konnte, aufgeführt hat. Man liest, dass Herr Ströher, mit dem Beuys ja eine Sammlung in Darmstadt aufgebaut hat, Nazi war. Zu der Zeit waren, glaube ich, eine ganze Reihe von Kunstsammlern nicht ganz frei von einer Vergangenheit in dieser Zeit, berühmte Galeristen in Köln gehören dazu, und das alles jetzt auszugraben und dem Künstler vorzuwerfen, ist eigentlich unredlich und trägt vielleicht dazu bei, Bücher zu schreiben, aber ich glaube, zur Klärung der Biografie nur ganz wenig."

Schäfer-Noske: Der Autor der Biografie, Hans Peter Riegel, hat während seines Studiums in Düsseldorf als Assistent für den Maler Jörg Immendorff gearbeitet. Später organisierte er für ihn auch Ausstellungs-Tourneen, was ihn aber offenbar nicht daran hinderte, Immendorff in einer Biografie nach dessen Tod mangelndes Talent zu attestieren. - Bei "Beuys. Eine Biografie" hat Riegel neues Archivmaterial verwendet. Frage an den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck: Herr Staeck, was halten Sie denn von den Aussagen der Biografie?

Klaus Staeck: Gut, der Herr Riegel hat auch mich für sein Buch interviewt und hat viele Fragen gestellt. Aber was er da nun rausgefunden haben will und der "Spiegel" nun daraus macht, die Ikone der Nachkriegs-Avantgarde wird als Ewiggestriger enttarnt, also da muss ich schon entschieden widersprechen. Ich habe 18 Jahre intensiv mit Joseph Beuys zusammengearbeitet, bin sein wichtigster Verleger, glaube ich, und wir haben viele Reisen zusammen gemacht – ich habe nie gemerkt, dass der Beuys in irgendeiner Form jetzt, sagen wir mal, reaktionäres Alt-Nazitum in irgendeiner Form gepflegt hätte, um es ein bisschen gespreizt auszudrücken. Nein, sondern das war jemand, der die Erwartung hatte, alle Menschen sind irgendwie noch zu retten. Deshalb hat er ja auch mal auf der documenta, weiß ich, mit Hunderten von Leuten gesprochen, wenn nicht Tausenden, in der Erwartung immer, der kommt auch noch irgendwie. Er hatte eine Vorstellung von einer anderen Welt, einer ökologischen, das war aber keine rechte. Dass er zeitweise auf falsche Leute gesetzt hat in seiner Erwartung, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, das will ich gar nicht bestreiten. Ich habe manchmal mich gewundert, Leute wie Hausleitner von der AUD, was den da getrieben hat. Er hat sich aber gleichzeitig über die auch immer lustig gemacht, das war das Interessante auch, selbst die Steiner-Ideen, die er gleichzeitig immer auch karikierte, jedenfalls wenn ich mit ihm sprach. Dieser schöne Satz, jeder Mensch ist ein Künstler, bedeutet ja, jeder Mensch ist kreativ und jeder Mensch ist in irgendeiner Form auch nicht zu retten, sondern der weiß für sich irgendwann zu entscheiden, was der richtige Weg ist.

Schäfer-Noske: Nun wird ihm da nicht nur vorgeworfen, sich mit ehemaligen Nazis umgeben zu haben, sondern sie seien auch seine Mäzene gewesen.

Staeck: Ja das weiß ich nicht, wie er zu dieser Aussage kommt. Der Beuys hat kaum Mäzene gehabt. Im Gegenteil: Ich kenne den Beuys nur als den großen Mäzen. Er hat selber viele Leute, viele seiner Schüler in einer Weise unterstützt, was man schon Missionatentum nennen kann. Wissen Sie, der Beuys ist ein Prototyp der Kriegsgeneration, die auf vielfältige Weise versucht haben, da irgendwie mit fertig zu werden, womit sie auch direkt, indirekt, wie wir dann, die Nachgeborenen, behaupteten, mitschuldig geworden sind als Generation. Und wenn man seine ganze Kunst anschaut – ich sehe da immer irgendwie den Krieg auch mit: den Krieg, ein bisschen die Nachkriegszeit, aber hauptsächlich die Kriegszeit. Und das ist Kunst, was er gemacht hat. Ich habe den Beuys als Politiker, muss ich gestehen, dann doch auch nie so ernst genommen, wie manche das jetzt tun und meinen, ihn da zum Hitler-Jungen machen zu können. Da muss ich schon aus intimer naher Kenntnis zu Beuys energisch widersprechen. Das war er nicht und dann hätte ich es zumindest irgendwann merken müssen, und ich bin nun, glaube ich, nicht verdächtig, in irgendeiner Form diesem Gedankengut, was ihm da unterstellt wird, anzuhängen.

Schäfer-Noske: Die Biografie von Hans Peter Riegel ist ja nicht der erste Versuch, Joseph Beuys in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu bringen. Es gab da auch schon 1996 das Buch "Flieger, Filz und Vaterland. Eine erweiterte Beuys-Biografie". Wie erklären Sie sich das?

Staeck: Na ja, der Beuys hat natürlich auch durch seine ungeheuere Präsenz – er war ja nicht bloß der stille Künstler, sondern er hat sich auch immer wie so ein Volksaufklärer fast überall eingemischt, muss man sagen. Das ging ja bis dazu, dass er plötzlich sang während einer Anti-Reagan-Demonstration auf den Rheinwiesen. Da habe ich auch gedacht, jetzt will er wohl auch noch unter die Sänger gehen. Der Beuys war für die Medien ein gefundenes Fressen, um es mal ganz salopp auszudrücken, und deshalb hat er auch natürlich viele Angriffspunkte, nennen wir es mal so, geliefert für alle möglichen Interpretationen. Aber er war jemand, der ohne diplomatisches Geschick manchmal Dinge ausgesprochen hat, wo der Bedächtige gesagt hätte, na also da hätte ich mal lieber erst mal anders formuliert oder den Mund gehalten. Der Beuys war auf eine ganz seltsame Weise offen für alles.

Schäfer-Noske: Das war Klaus Staeck, der Präsident der Berliner Akademie der Künste, über die neue Beuys-Biografie von Hans Peter Riegel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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