Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturTheodor Herzl und der jüdische Staat 15.02.2016

Stammvater des ZionismusTheodor Herzl und der jüdische Staat

Er war eine der einflussreichsten Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts und gilt als Stammvater des Zionismus: der Wiener Theodor Herzl, der als Publizist und Politiker zum theoretischen Begründer des modernen israelischen Staates werden sollte. Zwei Werke beschäftigen sich aktuell mit Biografie und Erbe des prominenten Zionisten.

Von Günter Kaindlstorfer

Der Begründer des politischen Zionismus ("Der Judenstaat", 1896), Dr. Theodor Herzl (undatiert).  (picture alliance / dpa)
"Macht keinen Unsinn, während ich tot bin", soll der Ahnherr des Zionismus seine Anhänger kurz von seinem Tod im Jahr 1904 gewarnt haben. (picture alliance / dpa)
Mehr zum Thema

Israel Eine Gesellschaft der religiösen Paradoxe

Die Idee eines jüdischen Staates (5) Israel und der besondere Stellenwert der Religion

Die Idee eines jüdischen Staates (2) Theodor Herzl und sein Manifest für eine jüdische Nation

Kern der jüdischen Identität

Ein Aufklärer im Namen der Nation

Theodor Herzl und sein Programm vom Judenstaat

Die Idee eines jüdischen Staates

Was hat man den Mann nicht verspottet – als weltfremden Sonderling und verschrobenen Phantasten, der die verachteten Juden Europas ins "Land ihrer Väter" zurückführen wollte, nach Eretz Israel, ins Heilige Land, damals nicht mehr als ein rückständiger Landstrich irgendwo im Großreich des osmanischen Sultans.

In seiner profunden und gut lesbaren Herzl-Biografie zeigt der Historiker Shlomo Avineri, wie Theodor Herzl, Redakteur der "Neuen Freien Presse" in Wien, als politischer und diplomatischer Selfmade-Man zu einem der führenden Politiker Europas wurde, zu einem charismatischen Organisator, der mit Kaisern, Großwesiren und Ministern über die Zukunft des europäischen Judentums verhandelte.

"Herzl wandelte die Vorstellung der politischen Lösung der Judenfrage von einer luftigen Idee, die eine Handvoll jüdischer Intellektueller im Kaffeehaus debattierte, in eine Herausforderung an die internationale Gemeinschaft um. Das war seine phänomenale Leistung", fasst Shlomo Avineri die Meriten des zionistischen Stammvaters zusammen.

Avineri, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, setzt in seiner Biografie neue Akzente. Es sei nicht so sehr die Dreyfus-Affäre in Frankreich gewesen, die Herzl, wie häufig behauptet, zum Zionisten werden ließ, schreibt Avineri. Viel wichtiger seien die Erfahrungen gewesen, die der liberale Journalist mit dem rabiaten Judenhass vieler Deutscher und Österreicher gemacht habe. Die viel gelesenen Schriften des Berliner Rassenantisemiten Eugen Dühring seien da ebenso maßgeblich gewesen wie die judenfeindlichen Tiraden des christlich-sozialen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger.

1895 machte Theodor Herzl sich an die Niederschrift des "Judenstaats"

Anders als der europäische Rechtspopulismus heute, der hauptsächlich bildungsferne Schichten anzusprechen scheint, war der Antisemitismus des Fin de Siècle vor allem eine Sache der Eliten. Avineri schreibt:

"Von Anfang an handelte es sich bei dem rassistischen Antisemitismus um eine intellektuelle Bewegung, deren Grundsätze nach Aussage ihrer Verfechter auf den neuesten Erkenntnissen von Biologie und Anthropologie in Einklang mit der Darwin'schen Lehre vom Überleben der Stärkeren beruhten."

1895, als Herzl sich an die Niederschrift des "Judenstaats" machte, galt der Antisemitismus als respektable Weltanschauung – egal ob in Berlin, Paris oder Petersburg, in München, Wien oder Köln. Theodor Herzl, dem pragmatischen Visionär, war das zu Recht unheimlich. In Büchern und zahllosen Artikeln entwarf der Feuilletonchef der "Neuen Freien Presse" das Konzept eines jüdischen Staates, der nach modernen, säkularen Grundsätzen verfasst sein sollte: vollständige Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, zwischen Juden, Arabern und Angehörigen anderer Ethnien. Die jüdische Religion sollte im neuen Staat eine wichtige, aber keine führende Rolle spielen. Der Agnostiker Herzl formulierte das so:

"Der Glaube hält uns zusammen – die Wissenschaft macht uns frei. – Wir werden daher theokratische Velleitäten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer und Clerus sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre schönen Functionen erfordern und verdienen. In den Staat, der sie auszeichnet und besoldet, haben sie nichts dreinzureden."

Was wurde aus dem Vermächtnis des zionistischen Gründervaters?

Die Situation im heutigen Israel ist eine andere, wie man weiß. Während sich Shlomo Avineri in seiner lesenswerten Biografie ganz auf die Person des Politikers Herzl konzentriert – Herzls Privatleben bleibt ausgespart –, verfolgt der Münchner Judaist und Historiker Michael Brenner einen gänzlich anderen Ansatz: Brenner untersucht, was seit Herzls Tod 1904 aus dem Vermächtnis des zionistischen Gründervaters geworden ist. Brenner resümiert:

"Die einen sehen in Israel die einzige Demokratie inmitten autoritärer Regime ... ; andere dagegen betrachten es als kolonialistischen Aggressor und Terrorstaat. Für einen Teil der Welt ist Israel ein Musterstaat, für einen anderen ein Pariastaat. Nur eines ist er ganz selten: der 'ganz normale Staat', von dem Chaim Weizmann, der erste Staatspräsident, geträumt hat."

Brenner zeichnet die kleine, von feindlichen Staaten umzingelte Republik als widersprüchliches Land, als eine in vielerlei Hinsicht fragmentierte und polarisierte Gesellschaft, die nicht nur von außenpolitischen, sondern auch von innenpolitischen Spannungen erschüttert wird – Spannungen zwischen Juden und Arabern, Linken und Rechten, Säkularen und Orthodoxen. Insbesondere der religiöse Fundamentalismus, der auch in "Eretz Israel" immer stärker wird, erweist sich als Herausforderung:

"Ein Großteil der ultra-orthodoxen Juden wird weder zum Militärdienst eingezogen, noch trägt er zur Wirtschaftskraft des Landes bei, sondern geht, durch staatliche Unterstützung begünstigt, dem Tora- und Talmudstudium nach. Die säkulare Bevölkerung fühlt sich zunehmend in die Minderheitenrolle gedrängt und wehrt sich dagegen, für die steigenden Kosten der Ultra-Orthodoxen aufzukommen."

Herzl ersehnte sich für sein Volk ein Leben in Frieden und Sicherheit

Das jüdisch-säkulare Element in der israelischen Gesellschaft wird schwächer und schwächer – mit unvorhersehbaren Folgen für das 8,3-Millionen-Menschen-Land. Auch wenn Michael Brenner die Probleme des heutigen Israel klar benennt, sein Buch ist aus einer Haltung grundsätzlicher Sympathie mit jenem Staat heraus geschrieben, den Theodor Herzl Ende des 19. Jahrhunderts konzipiert hat.

In Brenners Sicht ist das moderne Israel von Herzls Visionen nicht so weit entfernt. Mit einer entscheidenden Ausnahme: Ein Leben in Frieden und Sicherheit, wie Herzl es für sein Volk ersehnt hat, ein solches Leben genießen die Menschen auch 2016 nicht in Israel. "Macht keinen Unsinn, während ich tot bin", so soll der Ahnherr des Zionismus seine Anhänger kurz von seinem Tod im Jahr 1904 gewarnt haben. Ob Herzls Erben diesem Rat heute folgen, nirgendwo ist diese Frage heftiger umstritten als in Israel.

Shlomo Avineri: "Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates",
aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme,
Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, 360 Seiten, 24,95 Euro.

Michael Brenner: "Israel – Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute",
C. H. Beck, München, 288 Seiten, 24,95 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk