• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteForschung aktuellStammzellen statt Ratten13.12.2006

Stammzellen statt Ratten

Europaweite Chemikalienkontrolle mit Zellkulturen

Forschungspolitik. - Die europäische Chemikalienverordnung REACH könnte viele zusätzliche Tierversuche nötig machen, um zu prüfen, welche Putzmittel, Kosmetika oder Industriechemikalien wie giftig sind. Als Alternative dazu könnten in Zukunft aber auch Stammzellen als Chemikalien-Tester fungieren. Am besten eignen sich dabei die umstrittenen Stammzellen aus menschlichen Embryonen.

Von Michael Lange

Stammzellen können eine Alternative zum Tierversuch sein. (AP)
Stammzellen können eine Alternative zum Tierversuch sein. (AP)

Im Europäischen Forschungs-Zentrum in Ispra am Lago Maggiore in Norditalien prüfen Wissenschaftler im Auftrag der Europäischen Union, wie man am besten prüft. Einer von Ihnen ist der Deutsche Thomas Hartung. Er leitet die Europäische Validierungsstelle für Alternativmethoden. Unter anderem sucht er nach Testverfahren, mit denen Substanzen auf ihre krebserzeugende Wirkung untersucht werden können.

" Von den ganzen Chemikalien, die seit 1981 registriert worden sind, das sind 4000, ist gerade mal von 14 ein solcher Test durchgeführt worden. "

Der Grund: Die notwendigen Experimente sind aufwendig und teuer. Das ganze kostet etwa eine Million Euro pro Substanz. Die neue Europäische Chemikalienverordnung REACH soll die Industrie dazu verpflichten solche Tests durchzuführen.

" Die definitive Information erhält man aus einem Tierversuch, der an 400 Ratten durchgeführt wird, die zwei Jahre lang mit einer Substanz behandelt werden. Dann muss man noch etwa zwei Jahre lang rechnen, bis man überall nachgeschaut hat, ob ein Krebs entstanden ist. Wir reden hier also insgesamt von einer Studie, die fast fünf Jahre dauert, bis so etwas zusammengeschrieben ist. "

REACH wird die Sicherheit vor Krebs erhöhen. Gleichzeitig wird die Zahl der Tierversuche steigen. Gegen neue massenhafte Tierversuche wenden sich aber nicht nur Tierschützer. Alternativmethoden werden auch von der Industrie gefordert. Thomas Hartung erprobt in seinem Labor in Ispra Zellkulturen von Mäusen.

" Man muss eine Zelllinie haben, die selbst ein bisschen auf der Kippe steht, Krebs zu entwickeln. Selbst spontan kommt es gelegentlich zur Ausbildung eines einzelnen Tumors, und diese Zelle ist dadurch optimal empfindlich, um in Gegenwart von krebserzeugenden Substanzen ein paar mehr davon zu bilden. "

Diese Voraussetzung erfüllen embryonale Mäusestammzellen, wie Thomas Hartung sie in seinem Labor einsetzt. Sie teilen sich kontrolliert in einer Zellkultur. Krebserzeugende Chemikalien heben die Kontrolle auf und führen zu einem ungebremsten Wachstum, wie bei Krebs. Aber die Zellen haben einen entscheidenden Nachteil: Es sind Mäusezellen.

" Wir würden viel lieber mit einer menschlichen Zelle hier arbeiten. Wir wissen sehr gut, dass Maus und Ratte bei der Krebsentstehung überhaupt nicht den Menschen widerspiegeln. Es sind andere Gewebe, die betroffen sind. Es treten viel häufiger Reaktionen auf Chemikalien auf, als das beim Menschen der Fall ist, und deshalb würden wir gerne eine menschliche Zelle finden; aber trotz mehrjähriger Suche hat bisher noch niemand eine Zelle gefunden, die ausreichend häufig selbst entartet in einer Zellkultur und dementsprechend die richtige Empfindlichkeit hat. "

Die besten Kandidaten für den Chemikalientest sind die umstrittenen embryonalen Stammzellen des Menschen. Sie verwandeln sich im Labor in unterschiedliche Gewebe. Sie reifen heran zu Nerven-, Muskel- oder Hautzellen. Außerdem neigen sie zur Krebsentstehung. Was in der Medizin ein Problem ist, wäre beim Chemikalientest ein Vorteil.

Die Stammzellenforscher müssten sich nur konsequent an die Arbeit machen, so Thomas Hartung. Nach zehn Jahren Forschung könnten Stammzellen viele Tierversuche überflüssig machen.

" Die meisten Hochschulgruppen, die ja solche Tests entwickeln, haben nicht die Ausdauer zehn Jahre lang etwas voran zu treiben, und es gibt auch keine Geldgeber, die zehn Jahre Arbeit unterstützen, bis diese Zelle in der Anwendung ist. "

Zur Entwicklung der Zell-Linien würden nur wenige menschliche Embryonen verbraucht, weit weniger als in der medizinischen Forschung. Aber es bleibt die Frage, ob es grundsätzlich ethisch vertretbar ist, Embryonen zu töten, um Chemikalien zu testen. Europaweite Einigkeit in dieser Frage ist nicht zu erwarten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk