Sonntag, 19.11.2017
StartseiteInterview"Das sind schon außergewöhnlich hohe Mengen"26.07.2017

Starke Regenfälle in Deutschland"Das sind schon außergewöhnlich hohe Mengen"

In Teilen Deutschlands gab es Niederschlagsmengen, "die normalerweise in ein bis zwei Monaten zusammenkommen ", sagte Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst im Dlf. Mit weiteren Regenfällen sei zu rechnen - eine "prekäre Situation, was die Hochwasserlage angeht". Und eine Rückkehr des Sommers sei nicht in Sicht.

Martin Jonas im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Ein Pkw fährt in Berlin nach einem Gewitter und starken Regenfällen durch die Wassermassen in der Breiten Straße. (dpa / Paul Zinken)
Starke Regenfälle in Deutschland führten in den letzten Tagen zu Überschwemmungen. (dpa / Paul Zinken)

Mario Dobovisek: Seit Tagen regnet es immer wieder, teils heftig, und es regnet weiter. Keller stehen unter Wasser, Bäume stürzen um, Ausnahmezustand auch wieder in Berlin, bei der Feuerwehr dort. Vielerorts werden kleine Bäche zu reißenden Strömen - aber die Dämme, sie halten bisher weitestgehend. In Niedersachsen und in Thüringen schauen viele Menschen jetzt weiter besorgt auf das Wetter, die Domstadt Hildesheim zum Beispiel hofft, eine Evakuierung noch vermeiden zu können, hat sich aber darauf vorbereitet. Davon wären laut Stadt dann etwa 1.100 Menschen betroffen. Am Telefon ist Martin Jonas, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Wie schwer haben Dauerregen und Unwetter Deutschland in der vergangenen Nacht getroffen?

Martin Jonas: Ja, schönen guten Morgen erst mal! Die Unwetter haben angehalten, und hart getroffen haben sie uns eigentlich schon seit der Nacht zu Montag, als in den Westen ein kräftiges Regengebiet reingezogen ist. Aktuell am schlimmsten betroffen, wenn man die 48-stündigen Summen sich anschaut bis zum heutigen Morgen, ist ein Gebiet - Sie hatten es ja angesprochen - von Südniedersachsen, Hildesheim, Harz über den Westen Thüringens, Osthessen bis in den Norden Bayerns. Da sind Mengen gefallen von zum Teil deutlich über 100 Millimeter, der Besen am Harz hat 158 Liter gemessen in knapp 48 Stunden. Das sind Mengen, die normalerweise in ein bis zwei Monaten zusammenkommen, und das sind schon außergewöhnlich hohe Mengen.

"Prekäre Situation, was die Hochwasserlage angeht"

Dobovisek: Wie geht es jetzt weiter, wo erwarten Sie die heftigsten Niederschläge im Laufe des Tages?

Jonas: Aktuell ist es so, dass wir ein breites Regengebiet haben, das sich von der Ostsee bis zu den Alpen erstreckt, und da ist wieder das Gebiet um den Harz betroffen, zum Teil die Mittelgebirge in Thüringen und im Norden Bayerns. Es ist so, dass das zugehörige Tief, das aktuell über Polen liegt, nach Osten, Nordosten abzieht, und mit diesem bewegt sich auch das breite Regenband nach Osten, sodass dann im Laufe des Tages, abends, auch in der Nacht die Gebiete von der Ostsee bis zum Erzgebirge und in Ostbayern noch mal kräftig betroffen sein sollten. Die Uckermark bis zum Osterzgebirge und im äußersten Südosten Bayerns, da regnet es am längsten, da regnet es bis morgen früh, und die Mengen, die zusammenkommen am Alpenrand, im Stau des Harzes, durchaus noch mal 50, möglicherweise punktuell auch mehr Liter, Uckermark bis zum Erzgebirge 20 bis 40 Liter etwa. Das sind die Mengen, mit denen wir jetzt rechnen. Wenn man bedenkt, welche Mengen schon gefallen sind – ich hab es ja kurz angesprochen –, dann ist es natürlich immer noch eine prekäre Situation, was die Hochwasserlage angeht.

Dobovisek: Prekäre Situation, wie gefährlich ist sie tatsächlich?

Jonas: Nun, das hängt natürlich vom Einzugsgebiet ab, das hängt von der Flussgröße ab. Es ist so, dass wir am Alpenrand Flüsse haben, die relativ hohe Mengen gut aufnehmen können. Das gilt für kleinere Bäche in Mittelgebirgslagen, auch gerade in Norddeutschland, in der norddeutschen Tiefebene, Mecklenburg-Vorpommern nicht. Da ist die Situation dann eben etwas kniffliger. Letzten Endes ist das eine Entscheidung, die vor Ort von den Behörden getroffen werden muss. Da sind Spezialisten von den Hochwasserzentralen im Einsatz. Dazu können wir uns von hier aus nicht äußern.

"Mengen, die wirklich sehr selten vorkommen"

Dobovisek: Der Juni extrem trocken, der Juli extrem regnerisch, so können wir das vielleicht zusammenfassen, was wir da in den letzten Wochen erleben. Ungewöhnlich haben Sie auch die Niederschlagsmengen schon genannt. Wie ungewöhnlich sind diese denn im Jahresvergleich?

Jonas: Das sind natürlich schon Mengen, die wirklich sehr selten vorkommen. Statistische Auswertungen müsste man dafür zurate ziehen, aber solche Mengen, die werden einmal alle zehn Jahre, einmal alle 20 Jahre vorkommen. Und wie gesagt, wenn man sich die Hochwasserabflüsse dann anguckt, dann kommt man auf ähnliche Größenordnungen. Wir erwarten für die Elbe, wir erwarten für die Weser, für die Aller zum Beispiel Abflussmengen, die durchaus einem 20-jährigen Hochwasser entsprechen, das heißt, nur alle 20 Jahre erwartet werden.

"Wir bleiben im Tiefdruckeinfluss, es wird weiterhin regnen"

Dobovisek: Eine wichtige Frage für die Ferienzeit zum Schluss: Wann kommt er zurück, der Sommer?

Jonas: Aktuell zeichnet sich der Sommer nicht ab, es sei denn, man ist damit zufrieden, dass der mitteleuropäische Sommer durchaus auch mal wechselhaft sein kann. Wir bleiben im Tiefdruckeinfluss, es wird weiterhin regnen, wenngleich nicht mehr diese Mengen zusammenkommen, die wir jetzt die letzten Tage beobachtet haben. Aber eine durchgreifende Änderung ist nicht in Sicht, wenngleich zu Beginn der kommenden Woche es im Süden und Osten mal kurzzeitig sehr heiß werden sollte - so sehen aktuell die Modellprognosen aus -, allerdings ist es ein kurzes Intermezzo. Am Dienstag soll es dann wieder unter heftigen Gewittern kühler werden.

Dobovisek: Also, wer kann, ab ans Mittelmeer. Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach, vielen Dank für diese Einschätzungen!

Jonas: Gerne geschehen, schönen Tag noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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