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StartseiteKommentare und Themen der WocheHöchste Zeit für eine internationale Einigung20.01.2018

Status des KosovoHöchste Zeit für eine internationale Einigung

Der Norden des Kosovo sei seit bald 20 Jahren ein schwarzes Loch, kommentiert Norbert Mappes-Niedek nach den tödlichen Schüssen auf den serbisch-kosovarischen Politiker Oliver Ivanovic. Ruhe könne dort erst einkehren, wenn es eine internationale Einigung über den Status des Landes gebe.

Von Norbert Mappes-Niedek

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Prozession zur Beisetzung von Oliver Ivanovic in Belgrad. Der serbisch-kosovarische Politiker war am 16. Januar 2018 in Mitrovica im Norden des Kosovo aus einem Auto heraus erschossen worden. (AFP / Oliver Bunic)
Prozession zur Beisetzung von Oliver Ivanovic in Belgrad. Der serbisch-kosovarische Politiker war am 16. Januar 2018 in Mitrovica im Norden des Kosovo aus einem Auto heraus erschossen worden. (AFP / Oliver Bunic)
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Noch weiß man nicht, wer Oliver Ivanovic erschossen hat, den serbischen Politiker aus dem Kosovo, der sich so lange, so präzise, so unermüdlich und unter so vielen Schwierigkeiten für Versöhnung und Rechtsstaatlichkeit eingesetzt hat. Man weiß aber, wer ihn über Jahre bedroht hat und vor wem er sich fürchtete: Es waren die kurz geschorenen Gestalten mit den Sonnenbrillen, die hier, im Norden des Kosovo, noch immer mit ihren Luxuskarossen ohne Nummernschild über die Schlaglochpisten brettern.

Der Norden des Kosovo ist ein schwarzes Loch, und das seit bald 20 Jahren. Offiziell gehört das Gebiet, ungefähr so groß wie ein durchschnittlicher deutscher Landkreis, zur Republik Kosovo. Deren Status ist nicht nur zwischen Serbien und dem seit 2008 unabhängigen Staat, sondern auch zwischen den Weltmächten und sogar innerhalb der EU umstritten.

Umstrittene Gebiete sind ideale Biotope für Verbrecher

Offiziell wird das Gebiet wie der ganze Kosovo von Priština aus verwaltet, der eine dreiviertel Autostunde entfernten Hauptstadt. Tatsächlich aber liegt es auf einem anderen Stern. Was die verschiedenen internationalen Missionen, was etliche Konferenzen zusammengebracht haben, waren wertlose Formelkompromisse.

Man muss sich darüber nicht wundern: Diplomaten bringen institutionelle Lösungen zustande, keine wirklichen. Offiziell zum Beispiel untersteht die Polizei hier zwar der kosovarischen Staatsgewalt. Aber die formelle Hierarchie ist nur fürs Protokoll; viel wichtiger sind die informellen Abläufe. Tatsächlich passiert kaum eine Information und schon gar keine dienstliche Anordnung die ethnische Schranke, die das Land teilt.

Ob die Täter Albaner waren oder Serben, interessiert hier schon lange niemanden mehr. Die Kriminellen, die sich hier breitgemacht haben, wissen nichts von Geschichte und Kultur, orthodoxer oder islamischer Konfession. Sie wissen nur, dass sie umso mehr Macht haben, je weniger gewöhnliche Albaner und Serben miteinander kommunizieren, je weniger sie sich austauschen. Ein Gebiet, das von zwei Seiten beansprucht wird, ist für Verbrecher ein ideales Biotop. Das dürfte es auch bleiben, und wenn noch so viele ausländische Staatsanwälte und internationale Polizeibehörden hier einander auf die Füße treten.

Kosovo, Transnistrien, Ukraine – schwarze Löcher werden mehr

Nicht die Diplomaten und die Beamten aus aller Welt werden das Problem lösen, und auch nicht die Bürger beider Nationen, die ihr Leben riskieren, wenn sie den Mund aufmachen, wie es Oliver Ivanovic getan hat. Lösen können das Problem nur die Politiker, dieselben, die jetzt überall in Europa in bewegenden Erklärungen ihrer Bestürzung Ausdruck verliehen und sich – wie vorgestern in Belgrad – zu einer großen Trauerfeier für das Opfer eingefunden haben.

Für einen dreimonatigen Krieg hat die Fantasie der Mächtigen gereicht, auch die rund sechs Milliarden Dollar für das Bombardement des Jahres 1999 waren verfügbar. Aber auf der Ebene, auf die es ankommt, sind Versöhnungsinitiativen ausgeblieben. Weder haben die USA und die anderen Westmächte, die Advokaten der Unabhängigkeit des Kosovo, je einen ernsthaften Versuch unternommen, über das Kosovo Einvernehmen mit der Vetomacht Russland herzustellen, noch ist die ungelöste Statusfrage in der EU ein Thema.

Solange zwischen den großen Mächten Stillstand herrscht, werden sich auch in Europa immer mehr schwarze Löcher auftun – wie der Norden des Kosovo oder das vergessene Transnistrien im Osten der Republik Moldau. Ein neues, besonders großes bildet sich gerade in der Ukraine. Und Oliver Ivanovic, der serbische Politiker aus dem Kosovo, wird nicht das letzte Opfer sein.

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