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StartseiteBüchermarktStaubloser Klassiker18.01.2009

Staubloser Klassiker

Buch der Woche: "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" von Edgar Allan Poe

Am 19. Januar 2009 jährt sich Edgar Allan Poes Geburtstag zum 200. Mal. Mit ihrer ausführlich kommentierten und neu übersetzen Fassung seines einzigen Romans "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" gelingt Hans Schmid und Michael Farin der Versuch, den Textkörper Arthur Gordon Pyms zu obduzieren und eine Anatomie seiner Voraussetzungen und Entstehung, seines Aufbaus und seiner Strukturen und schließlich seiner Wirkungen zu liefern.

Von Klaus Modick

Der Schriftsteller Edgar Allen Poe (undatierte Aufnahme) (AP Archiv)
Der Schriftsteller Edgar Allen Poe (undatierte Aufnahme) (AP Archiv)

Am 1. August 1838 wurde bei der amerikanischen Behörde für Urheberrecht ein soeben im New Yorker Verlag Harper & Brothers erschienenes Buchs mit dem lapidaren Titel "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" hinterlegt. Den damals üblichen Gepflogenheiten folgend, fiel allerdings der Untertitel in seiner Funktion, die heutzutage von Klappentexten erfüllt wird, alles andere als lapidar aus. Vielmehr lieferte er eine ziemlich komplette und einigermaßen marktschreierische Inhaltsangabe, indem er verkündete, das Werk bestehe aus:

"den Einzelheiten einer Meuterei und eines fürchterlichen Gemetzels an Bord der amerikanischen Brigg Grampus, auf ihrem Weg in die Süd-Meere, im Monat Juni des Jahres 1827. Mit einem Bericht über die Zurückeroberung des Schiffs durch die Überlebenden; ihren Schiffbruch und nachfolgend das entsetzliche Leiden durch beinahes Verhungern; ihre Errettung durch den britischen Schoner Jane Guy; die kurze Reise dieses letzteren Schiffes im Antarktischen Ozean; seine Kaperung und das Massakrieren seiner Besatzung inmitten einer Inselgruppe auf Höhe des vierundachtzigsten südlichen Breitengrades; zusammen mit den unglaublichen Abenteuern und Entdeckungen noch weiter im Süden, zu denen diese betrübliche Katastrophe geführt hat."

Arthur Gordon Pym, der angebliche Verfasser, erklärte gleich im Vorwort seines angeblich authentischen Berichts, dass ein gewisser Mister Poe aus Virginia ihn zur Niederschrift seiner unerhörten Erlebnisse aufgefordert habe. Aus Misstrauen gegenüber seinen eigenen Fähigkeiten als Schriftsteller habe Pym die Ausführung jedoch dem Literaturredakteur Poe überlassen, dessen Version des Beginns von Pyms Abenteuern allerdings den Anschein erweckt hätte, es handele sich nicht um einen Tatsachenbericht, sondern um einen Roman. Aus Leserbriefen gehe freilich hervor, dass das geneigte Publikum nicht gewillt sei, sich täuschen zu lassen.

"Daraus schloss ich, dass die Tatsachen in meiner Geschichte sich als von einer Art erweisen würden, die Beleg genug für die eigene Authentizität ist, und dass ich dementsprechend die Ungläubigkeit des Publikums wenig zu fürchten haben würde."

Um also die erwünschte Wahrheit gegenüber der dubiosen Erfindung in ihr Recht zu setzen, habe Pym schließlich selbst zur Feder gegriffen und mit eigenen Worten fortgesetzt, was Mister Poe als eine Art kommissionierter Ghostwriter begonnen habe.

"Es ist unnötig, genau anzugeben, wo sein Teil endet und mein eigener beginnt; die Verschiedenheit des Stils wird ein jeder leicht bemerken."

Aber natürlich verhielt es sich genau umgekehrt. Pyms Wahrheit war von A bis Z die geniale Erfindung Mister Poes aus Virginia, weswegen auch kein einziger Leser, Kritiker oder Philologe jemals eine Verschiedenheit des Stils ausfindig gemacht hat. Mit diesem komplexen Vexier- und Verwirrspiel um Authentizität und Fiktion, Wahrheit und Dichtung einerseits, um legitime Urheberschaft andererseits, drapiert mit einem hübschen Kompliment an die Unbestechlichkeit des verehrten Publikums, beginnt ein ebenso faszinierender wie immer noch herausfordernd rätselhafter Roman. Zwar gilt Edgar Allan Poes "Arthur Gordon Pym" inzwischen als eins der zentralen und einflussreichsten Werke der amerikanischen Literatur im 19. Jahrhundert, doch ging es dem Buch im eigenen Land 120 Jahre lang wie dem sprichwörtlichen Wort des Propheten: Es wurde ignoriert, bestenfalls unterschätzt oder als obskures Kuriosum abgetan. Warum?

"Vielleicht erklärt sich die späte Würdigung daraus, dass sich Die Geschichte des Arthur Gordon Pym so schwer kategorisieren lässt. Handelt es sich um ein Jugendbuch, einen Abenteuerroman für Erwachsene, einen Bildungs- oder Initiationsroman, und ist es überhaupt ein Roman oder doch eher eine Aneinanderreihung von Episoden, weil Poe, der Erfinder der Kurzgeschichte, die lange Form nicht beherrschte? Ist Pym eine Satire, eine Parodie, eine Allegorie, eine Traumgeschichte, ein apokalyptischer, mystischer oder esoterischer Text, womöglich sogar Science-Fiction (...) oder doch ein auf Faktizität setzender Expeditionsbericht? Ein dreistes Plagiat, ein Experiment, die Vorwegnahme der Postmoderne? Oder ist es von allem etwas, und dann doch auch wieder nicht? Seit das Buch als ein ernstzunehmendes Werk entdeckt wurde, hat es ständig neue Interpretationsansätze gegeben. Und wenn es stimmt, dass der Rang eines Kunstwerks daran zu erkennen ist, dass der Prozess seines Verstehens nie ein Ende findet, kann Pym zweifellos für sich beanspruchen, ein solches Kunstwerk zu sein."

So äußern sich die Herausgeber Hans Schmid und Michael Farin im Vorwort ihrer reich kommentierten und opulent illustrierten Edition des Werks, für dessen Neuübersetzung Hans Schmid verantwortlich zeichnet. Zwar jährt sich am 19. Januar 2009 Edgar Allan Poes Geburtstag zum zweihundertsten Mal, doch böte dies Jubiläum nicht unbedingt zwingenden Anlass zu einer Neuübersetzung, kursierten doch seit 130 Jahren diverse mehr oder minder gelungene deutsche Übersetzungen, die jedoch nicht den kompletten Text boten. 1966 erschien dann eine Version von niemand Geringerem als dem Poe-Verehrer Arno Schmidt, die zwar erstmals den vollständigen Text brachte, aber gerade wegen der Freiheiten, die Schmidt sich in der für ihn typischen Mischung aus Anverwandlung und Besserwisserei nahm, dem Original nicht immer gerecht wurde. Demgegenüber orientiert sich die nun vorgelegte Übersetzung Hans Schmids wesentlich präziser an der Vorlage. Sie basiert auf der einzigen vollständigen Ausgabe des Romans, die von Poe autorisiert wurde, und korrigiert auch nicht stillschweigend deren Fehler, zwei unterschiedliche Kapitel mit der Ziffer XXIII zu nummerieren. Diese Treue noch den offensichtlichen Irrtümern des Originals gegenüber ist nun aber keine philologische Erbsenzählerei, sondern ein besonders schlagendes Beispiel für Methode und Absicht der Neuedition, die es eben nicht nur auf eine integrale deutsche Fassung des Textes abgesehen hat. Vielmehr unternehmen Schmid und Farin mit ihren Kommentaren und Anmerkungen den glänzend gelungenen Versuch, den Textkörper Arthur Gordon Pyms zu obduzieren und eine Anatomie seiner Voraussetzungen und Entstehung, seines Aufbaus und seiner Strukturen und schließlich seiner Wirkungen zu liefern. Und zu dieser Anatomie zählt eben auch die Tatsache, dass der Text ursprünglich als Fortsetzungsroman für den "Messenger", jene literarische Zeitschrift, deren Redakteur Poe damals war, konzipiert wurde; doch als Poe die Stelle verlor, sah er sich gezwungen, das Projekt in Buchform zu realisieren und musste den Text umarbeiten, was zu allerlei Unstimmigkeiten führte. Die von Schmid und Farin in ihrem Vorwort gelieferte Entstehungsgeschichte des Arthur Gordon Pym wird so unter anderem auch zu einem spannenden Stück amerikanischer Literatursoziologie des 19. Jahrhunderts. Zwar handelt es sich um keine historisch-kritische, auf philologische Objektivität abzielende Edition, argumentieren Schmid und Farin doch durchweg mit temperamentvoller Ironie, doch ist ihre auf neueren philologischen Forschungen basierende Detailgenauigkeit über jeden Zweifel erhaben. Ihr besonderes Augenmerk gilt Poes Quellen, die neben literarischen Vorbildern wie Daniel Defoes "Robinson Crusoe" und Washington Irvings "Astoria" aus enzyklopädischem Material, zahlreichen Logbüchern, Schiffsarchiven und Forschungsberichten bestanden. Neben der üblichen Bibliografie bietet der Anhang eine Leseliste Poes, die jene etwa 60 Titel umfasst, aus denen sich der Autor reichlich unbefangen bediente.

"Poe ist das Kunststück gelungen, aus einem Roman, der mindestens zu einem Fünftel die Texte anderer Autoren kopiert oder paraphrasiert (wenn man die mehr oder minder deutlichen Spuren hinzuzählt, die weitere Texte in dem Buch hinterlassen haben, kommt man auf ein Drittel), ein durch und durch persönliches Werk zu machen."

Poes Held Pym fischt auf seiner Reise in den antarktischen Süden, die sukzessive zu einer Irrfahrt in die wogigen Regionen der Phantasmagorie wird, den Kadaver eines seltsamen Tiers aus dem Wasser.

"Es war drei Fuß lang und nur sechs Zoll hoch, mit vier sehr kurzen Beinen, die Füße mit langen Klauen von einem leuchtenden Scharlachrot bewehrt, die einem korallenartigen Stoff ähnelten. Der Körper war mit glattem, seidigem Haar bedeckt, von vollkommener Weiße. Der Schwanz war spitz wie der einer Ratte, und ungefähr anderthalb Fuß lang. Der Kopf glich dem einer Katze, mit Ausnahme der Ohren - diese waren lose herabhängend wie die Ohren eines Hundes. Die Zähne waren von demselben leuchtenden Scharlachrot wie die Krallen."

Diese Chimäre, ein Hybrid aus Ratte, Katze und Hund, gedeiht ganz offensichtlich in Biotopen, in denen auch die eierlegende Wollmilchsau heimisch ist. Poe kommentiert hier listig und selbstironisch seine eigene Schreibpraxis, in der sich ein alles in allem originelles Werk aus den disparatesten Elementen zusammensetzt und aus den unvollkommenen Schöpfungen anderer eine eigene, zwar bizarre, aber höchst vollkommene Kreatur schafft. Wenn man bedenkt, dass Poe selbst immer wieder öffentlich gegen das Freibeutertum in Sachen geistigen Eigentums, das zu seiner Zeit wegen unzureichender Copyright-Regelungen epidemisch war, zu Felde zog, erscheint allerdings seine eigene Praxis, bedenkenlos unter falscher Flagge zu segeln, durchaus als heikle Doppelmoral in Sachen Plagiat. In dieser Sache werfen Schmid und Farin ihrem Mann den Rettungsring der Satire zu.

"Es ist ein Unterschied, ob einer - wie Poe oft vorgeworfen wird - von anderen abschreibt, weil ihm selbst nichts einfällt, oder ob er eine gängige Praxis kritisch hinterfragt, indem er sie in satirischer Absicht auf die Spitze treibt. Fast könnte man meinen, er habe mit sicherem Instinkt gerade diejenigen naturkundlichen Passagen (...) abgeschrieben oder paraphrasiert, die besonders fehlerhaft sind."

Auch Poes Hang zu Übertreibungen, Superlativen und Zuspitzungen aller Art gehorchen einem durchaus satirischen Impuls. Die Natur seiner Werke charakterisierte er in einem Brief aus dem Jahr 1835 folgendermaßen:

"Im Absurden, das zum Grotesken gesteigert ist; im Fürchterlichen, das ins Schreckliche umgefärbt ist; im Witzigen, das zum Burlesken übertrieben ist; im Sonderbaren, das zum Fremdartigen und Mystischen umgeformt ist."

Für Edgar Allan Poe, dessen Bild der Nachwelt zum Klischee eines morbiden Melancholikers und depressiven Vollalkoholikers gerann, scheint der Begriff der Satire nur auf den ersten Blick befremdlich, doch gehen in seinem Werk scharfer analytischer Verstand und geistesgegenwärtiger Witz eine glückliche Synthese ein. In dieser Lesart wird Poes Roman jedenfalls in der Tat zu einem Vorläufer der Postmoderne und ihrem spielerischem, oft satirischem Umgang mit vorgefundenem Material. Dabei wäre noch einmal über die von Umberto Eco aufgeworfene Frage nachzudenken, ob die Postmoderne überhaupt einer bestimmten Epoche zuzuordnen ist oder ob sie nicht lediglich eine wiederkehrende Haltung zur Welt und damit korrespondierenden ästhetischen Verfahren darstellt; ob, anders ausgedrückt, die romantische und manieristische Ironie, die Poes Werk wie ein Generalbass durchzieht, nicht bereits konstitutiv postmodern war. Zu diesem ironischen Gestus gehört allemal auch die massive Aufbietung einschlägiger Motive und Klischees, und Poe ließ es hier so gewaltig orgeln, als hätte er Umberto Ecos Bonmot gekannt, ein Klischee sei banal, tausend Klischees aber seien ergreifend. Denn die Geschichte Arthur Gordon Pyms verknüpft sämtliche Motive der klassischen Seeabenteuerromane von blinden Passagieren, Meutereien, Schiffbrüchen, Geisterschiffen, Kannibalismus, exotischen Wesen und wilden Völkern, unentdeckten Gestaden und gefahrvollen Passagen zum geradezu idealtypischen Seemannsgarn, dessen Gewebe sich als unverwüstlich erweist, obwohl, vielleicht aber auch weil es teilweise aus dem Fundus bewährten Materials stammt. Und je älter es wurde, als desto halt- und belastbarer erwies sich dies Garn.

Denn Poe "begriff die unbedingt erforderliche Unpersönlichkeit des echten Künstlers und wusste, dass es die Funktion der Literatur ist, Ereignissen und Gefühlen lediglich so Ausdruck zu geben und sie so zu interpretieren, wie sie sind, ungeachtet dessen, worauf sie hinauslaufen oder was sie beweisen."

Diese Bemerkung stammt von H. P. Lovecraft, einem Großmeister des Horror-Genres, auf das Poes ständig wachsender Einfluss aber keineswegs beschränkt blieb. Unter der Überschrift "Chronik zu Poes Pym" liefern Hans Schmid und Michael Farin einen höchst aufschlussreichen Abriss der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Romans. Bereits die zeitgenössische Literaturkritik reagierte relativ positiv und differenziert auf den Text, der gleichwohl vorerst ein Ladenhüter blieb. Seinen Ruhm verdankte das Buch nicht zuletzt Charles Baudelaire, der es ins Französische übertrug und für Poe trommelte. Überhaupt waren es zahlreiche Schriftstellerkollegen, die, durch den Pym-Roman inspiriert, ein Werk wach hielten, das der Literaturgeschichtsschreibung lange Zeit lediglich als missglückter Romanversuch eines Kurzgeschichtenautors von zweifelhaftem Rang galt.

"Angesichts der großen Namen, die aus 'The Narrative of Arthur Gordon Pym' ihre Inspiration bezogen, kann einem leicht so schwindelig werden wie dem Titelhelden an der Felswand Tsalal: Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Herman Melville, Robert Louis Stevenson, Joris-Karl Huysmans, Jules Verne, H. G. Wells, Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Arno Schmidt, Thomas Pynchon (um nur einige zu nennen)."

Von den nicht Genannten wäre allerdings noch zumindest Hans Henny Jahnn zu erwähnen, dessen Roman "Das Holzschiff" nicht nur in seiner ganzen Atmosphäre, sondern auch in vielen Motiven und Details den sehr lebendigen Geist von Arthur Gordon Pym atmet. Die Namensliste lässt jedenfalls ahnen:

"Das Buch ist keiner jener etwas angestaubten Klassiker, bei denen man historische Zugeständnisse machen muss, um sie heute noch lesen zu können. Und das hat eben auch mit seiner Respektlosigkeit zu tun."

Respekt hat dann jedoch, wenn auch erst hundert Jahre nach Poes frühem Tod 1849, auch die akademische Forschung gegenüber "Arthur Gordon Pym" aufgebracht. Der Roman gilt inzwischen als ein Schlüsselwerk der frühen Moderne. Bahnbrechend war eine Untersuchung der Freud-Schülerin Marie Bonaparte, die "Pym" als Ausdruck einer krankhaften Mutterfixierung Poes interpretierte. Auch wenn psychoanalytische Deutungen mit Vorsicht zu genießen sind, dürfte es unstrittig sein, dass der Pym-Roman,

"der durch zwei Ozeane wirbelt, in Wirklichkeit ein Abenteuer des Unbewussten ist, ein Abenteuer, das zur Nachtzeit einer Seele stattfindet."

Weitere Forschungsschwerpunkte beziehen sich etwa auf die stark ausgeprägte, religiöse Metaphorik des Romans, auf seine semiologischen Subtexte oder auch auf die ideologiekritisch ausgerichtete Frage, ob der Südstaaten-Gentleman Poe mit der Reise in den antarktischen Süden nicht eigentlich eine Reise in die amerikanischen Südstaaten kaschiert habe; die fast allzu deutliche Farbensymbolik der Unvereinbarkeit von Schwarz und Weiß, in die der Roman mündet, machen eine solche Interpretation durchaus plausibel. Gleichwohl gehört es zur Größe dieses Werks, dass es sich einer eindeutigen Dechiffrierung verweigert und im Gegenteil jeder Gegenwart neue Deutungen abverlangt. Wenn literarische Relevanz darin begründet liegt, dass die Schwingungsbreite eines Textes hoch ist, dann ist dies Werk von höchster Relevanz. Eins seiner Geheimnisse dürfte darin liegen, dass es im Zustand des Wachbewusstseins der Logik von Träumen folgt. Eingeschlossen im dunklen Schiffsrumpf überlegt Pym, wie er sich Licht verschaffen kann, Erkenntnismittel also

"die dem Träumer abwechselnd als die vernünftigsten und die widersinnigsten aller Ideen erscheinen, ganz so, wie wenn einmal der Verstand und einmal die Einbildungskraft heller aufflackert."

In genau diesem Rhythmus flackert der Roman selbst. Wer ihn liest, wird ihn in Erinnerung behalten wie Poes Helden ihre abenteuerlichen Geschicke:

"Wir begannen, uns an das Geschehene mehr wie an einen furchtbaren Traum zu erinnern, aus dem wir glücklich erwacht waren, als an Ereignisse, die sich in der nüchternen und nackten Wirklichkeit abgespielt hatten."


Edgar Allan Poe: Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket
Übersetzt von Hans Schmid.
Herausgegeben von Hans Schmid und Michael Farin.
Mare Buchverlag. Hamburg 2008. 525 Seiten; 39,90 Euro

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