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StartseiteBüchermarktModerner Odysseus auf Heimatsuche 08.02.2015

Stefano D'Arrigo: "Horcynus Orca"Moderner Odysseus auf Heimatsuche

40 Jahre lang galt Stefano D'Arrigos "Horcynus Orca" als unübersetzbar. Nun plötzlich liegt das Werk, das zu den größten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt wird, auf Deutsch vor. Erzählt wird die Geschichte eines Matrosen, der in seine sizilianische Heimat zurückkehrt und feststellt, dass wirkliche Heimkehr nach dem Krieg nie mehr möglich sein wird.

Von Hubert Spiegel

Küstenlandschaft auf Sizilien (Imago)
Sizilien - dorthin will der Held des Romans zurückkehren. Das gelingt - aber nur physisch. (Imago)

Es wäre nicht richtig, oder besser gesagt: Es wäre falsch, fahrlässig, kleinmütig, schwerhörig, blindäugig und unangemessen, über dieses Buch ohne eine gehörige Prise Pathos sprechen zu wollen: Was für ein Werk, was für eine Entdeckung!

15 Jahre nach der Jahrtausendwende taucht unversehens dieses Epos auf, das zu den größten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. 40 Jahre lang galt es als unübersetzbar, 40 Jahre lang dürfte kaum jemand hierzulande auch nur den Titel dieses Buches oder den Namen seines Autors gehört haben, ausgewiesene Kenner der italienischen Literatur einmal ausgenommen. "Horcynus Orca" von Stefano D'Arrigo – was hat uns das bislang gesagt? Seien wir ehrlich: nichts!

Jetzt ist das Buch da, fabelhaft und wahrlich kongenial übersetzt von Moshe Kahn, mitangeregt und betreut von Egon Ammann, erschienen im S. Fischer Verlag: ein gewaltiger Klotz von einem Roman und schon rein äußerlich ein beeindruckender Gigant: 1471 Seiten edlen Dünndruckpapiers, gebunden in feines Leinen von milchig-sandiger Farbe. Kann es sein, dass der Sand an manchen Stränden im äußersten Süden Italiens dieselbe Farbe hat? Denn so stellt man sich nach der Lektüre dieses Romans den sizilianischen Sand vor: ein Farbton von einstmals unerträglich strahlendem Weiß, unter das eine unsichtbare Hand im Lauf von Jahrtausenden immer wieder Blut, Fleisch und Schatten gemengt hat.

Fast 1,5 Kilogramm wiegt dieses Buch. Zum Vergleich: "Die Wellen" von Virginia Woolf wiegen 480 Gramm, Hermann Mevilles "Moby Dick", auch kein kleiner Fisch der Weltliteratur, bringt es auf 470 Gramm. Doch was besagen schon Umfang und Gewicht eines Buches? Nicht viel, das stimmt, aber sie künden zumindest als kleines Indiz von der Ambition ihres Verfassers. Was wissen wir von der Ambition, die "Horcynus Orca" hervorgebracht hat, was wissen wir von Stefano D'Arrigo?

Er wurde 1919 in heutigen Ali Terme, einer kleinen sizilianischen Küstenstadt, geboren, besuchte ein altsprachliches Gymnasium, studierte Literaturwissenschaften in Messina und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Friedrich Hölderlin ab. Das war 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg und wenige Monate vor dem Italienfeldzug der Alliierten, der mit der Landung auf Sizilien im Juli 1943 einen ersten Höhepunkt fand und wenig später zum Sturz Mussolinis und dem Bruch der deutsch-italienischen Achse führte. Bis zur entscheidenden Landung der Alliierten in der Normandie am D-Day, dem 6. Juni 1944, sollte es noch eine Weile dauern, aber mit dem Vorstoß in Italien war das Kriegsende bereits deutlich näher gerückt. Das ist der historische Rahmen, in dem der Roman seinen Anfang nimmt.

Brachiale Spuren des Krieges

Die Handlung erstreckt sich über fast 1.500 Seiten, und doch lässt sie sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Erzählt wird von dem Versuch eines Matrosen, vom kalabrischen Festland in seine sizilianische Heimat zurückkehren und sein altes Leben wieder aufzunehmen, obwohl die britischen Truppen alle Fährboote zerstört haben. Aber nicht nur die Fährboote sind untergegangen, auch die Lebensform der Fischer an der Straße von Messina existiert nicht mehr. Der Krieg hat sie vernichtet. Die alten Überzeugungen, Sitten, Bräuche, Traditionen und Gesetze gelten nicht mehr. Gefischt wird jetzt nicht mehr nur vom Boot aus, im offenen Meer, sondern mit Dynamit und Handgranaten aus Armeebeständen, die ein zerlumpter Veteran vom Ufer aus ins Meer schleudert, ohne zu ahnen oder sich darum zu scheren, was er da anrichtet. Überall stößt der Heimkehrende auf die Spuren des Krieges, auf Zerstörung und Verwüstung, die die ohnehin schon mythische Landschaft noch archaischer erscheinen lassen. Hören wir die ersten Sätze von "Horcynus Orca":

"Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tages, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose 'Ndrja Cambria, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis. Es dämmerte zusehends, und ein leichter Wind hauchte vom Meer, dessen Gegenströmung eingesetzt hatte, auf das niedrige Vorgebirge. Den ganzen Tag über hatte das Meer sich zur großen gleichmäßigen Stille weiter geglättet, unter einem Schirokko, der ohne die geringste Veränderung seit dem Aufbruch von Neapel angedauert hatte: Aus Ost, aus Ost und West, gestern, heute und morgen, dazu das mattmatte Wogen der grauen, der silbernen oder der ehernen Welle, die sich wiederholte, so weit das Auge reichte."

Damit sind Zeit, Ort und Hauptperson des Romans benannt, sein Ton ist angeschlagen: Es ist ein epischer Tonfall, der den Rhythmus der Meereswellen annimmt, der gleitet, rollt, stampft, sich aufbäumt und über viele Tage hinweg - denn solange dauert die Lektüre -, den Leser mit sich führt. Man liest diesen Roman nicht - man betritt ihn, wie man ein Schiff betritt, wie man an Bord geht, bereit für eine weite, weite Reise.

Stefano D'Arrigo wurde während des Zweiten Weltkriegs zum Militärdienst einberufen, zu einem Offizierslehrgang in Friaul erst eingeladen, dann von ihm ausgeschlossen und nach Sizilien zurückgeschickt. Als die Alliierten landeten, diente er als Leutnant in Palermo. Nach Kriegsende siedelte er nach Rom über, arbeitete als Journalist, vor allem als Kunstkritiker, und heiratete 1948 die Literaturwissenschaftlerin Jutta Brutto, der er ein gutes Vierteljahrhundert später seinen großen Roman widmen sollte.

Schon vor Erscheinen hatte das Werk einen legendären Ruf

Den Vorsatz zu seinem Opus Magnun "Horcynus Orca" fasste er bereits im Jahr 1950. Gut zehn Jahre später schien das Buch kurz vor seiner Veröffentlichung zu stehen. Noch einmal ein Jahrzehnt später war "Horcynus Orca" immer noch nicht erschienen, genoss aber in Italiens literarischen Kreisen bereits einen legendären Ruf. Italo Calvino, Autor von Romanen wie "Der Baron auf den Bäumen" und vermutlich Italiens größter Postmoderner, schreibt 1972 in einem Brief über den ",mythischen' Stefano D'Arrigo, der seit Jahren einen Roman zu Ende bringt, über den man wie von einem italienischen Joyce spricht, und doch kennt man von ihm nur die Seiten, die im Menabo 3 veröffentlicht wurden, und seitdem ist er der 'Fall', der die italienische Literatur in Atem hält."

Auch in Deutschland wartete zu diesem Zeitpunkt zumindest ein kleiner Kreis schon lange und vergeblich auf den Roman. Der Piper Verlag hatte bereits 1961 die Rechte für den deutschsprachigen Raum erworben - was keineswegs voreilig war, obwohl es aus heutiger Sicht so erscheinen muss. D'Arrigo hatte 1958 zwei Episoden seines Romans in der von Italo Calvino erwähnten Literaturzeitschrift "Il Menabo" veröffentlicht und drei Jahre später seinem Verleger Arnoldo Mondadori ein fertiges Manuskript geschickt. Im Jahr 1961, als der Piper Verlag die Rechte kaufte, lagen die Fahnen des Romans vor. Arnoldo Mondadori schickte sie seinem Autor, wie das auch heute noch üblich ist, zur Durchsicht und Bearbeitung. Der Verleger konnte nicht ahnen, wie lange diese Bearbeitung dauern würde: Es waren 14 Jahre.

Das Buch, dessen Manuskript Mondadori nach Ablauf von 14 Jahren von Stefano D'Arrigo zurückerhielt, war ein völlig anderes, als jenes, dessen Fahnen er dem Autor 1961 zur Durchsicht gegeben hatte.

"So sah Ndrja Cambria, wie sich die Nacht, eine Nacht der doppelten Finsternis, eine Nacht aus Kriegsverdunkelung und Neumond, zwischen ihn und dieses letzte Stück von nur wenigen Seemeilen warf, das er noch zurückzulegen hatte, um ans Ende seiner Reise zu gelangen: nach Charybdis, so an die vierzig Häuser, zueinander geordnet wie ein Kneifzangenknopf, hinter dem Sporn, in diesem dunklen Nebelschwaden, gegenüber von Skylla, auf der Grenzlinie der beiden Meere."

Klingt das nicht so, als würde sich der Roman mit diesen Sätzen allmählich seinem Ende nähern? Nur wenige Seemeilen trennen den Matrosen von seinem Heimatdorf mit dem mythischen Namen Charybdis. Noch ist er auf der kalabrischen Seite, auf dem Festland, wo das Örtchen namens Skylla liegt, hier, an der Straße von Messina, wo das Tyrrhenische Meer und das Ionische Meer aufeinandertreffen. Seit der Antike ist diese Meerenge ein mythischer Ort, an dem der Legende nach zwei Ungeheuer hausen, denen nicht einmal Meeresgott Poseidon Befehle zu erteilen vermag. Doch das Zitat, das wir soeben gehört haben, stammt nicht vom Ende des Romans, nicht einmal aus dessen zweiter Hälfte, sondern vom Anfang, es steht auf der zweiten Seite. Die ganze Zeit über, über mehrere hundert Seiten hinweg, scheint Ndrjas Ziel zum Greifen nah. Und er wird sein Dorf auch tatsächlich erreichen. Aber Stefano D'Arrigos Held ist ein moderner Odysseus, also einer, der heimkehrt, ohne heimzukehren, weil Heimkehr nicht mehr möglich ist. Einer, der nicht mehr zurückfindet in die Ordnung, die er verlassen hat, weil sie zerstört wurde und sich als nicht mehr wiederherstellbar erweisen wird.

Auf seiner Reise hat der Held viele Begegnungen. Darin erinnert "Horcynus Orca" ein wenig an den "Don Quijote" des Cervantes mit seinen zahllosen Binnenerzählungen. Zunächst trifft Ndrja Cambria auf eine Gruppe seltsamer von Frauen, sie sind die nahezu einzigen Bewohner dieses Landstrichs, dem der Krieg die Männer genommen hat, grobschlächtige Nymphen mit mächtigen Schenkeln und scharfgeschnittenen Gesichtern, magische Schmugglerinnen, die in einem Garten am Wegesrand auf den Matrosen zu warten scheinen.

"Als er unter den kleinen Bäumen seine Augen schärfte und sich irgendwie am Klang der Stimme orientierte, gelang es ihm, zuerst die zu entdecken, die ihn angesprochen hatte, und dann, von ihr ausgehend, die anderen, um die zehn Frauen, die verstreut herumsaßen, im vorderen Schatten des Gartens, jede auf dem riedgeflochtenen Koffer; ( nur dass, während diese erste mit aufgerichtetem Rumpf dasaß und er sie sehen konnte, die anderen vornübergebeugt waren, ohne jede Neugier auf ihn:) ihre langen gekrümmten Rücken, vom Bausch ihrer Röcke, die ihre Hintern einkorbten, bis zum langen bloßen Hals und zum Kopf mit dem rabenschwarzen Haar, (gekrönt oben, rund getresst, um ein Polster für den Koffer abzugeben und diesen im Gleichgewicht zu halten, wenn sie gingen; die Ellenbogen auf den Schenkeln, auseinandergestellte Beine und hochgezogene Röcke, um Kühlung darunter zu schaffen. Ein paar feuerrote Zipfel schauten aus den Röcken hervor: Diese Entdeckung der roten Röcke inmitten der schwarzen, die diese Frauen nur gewissermaßen aus Schönheit wie ein Banner trugen, wie ein Signal, ließ ihn in den Frauen Feminotinnen erkennen. Er erkannte sie an ihrer Haltung als Zauberinnen in ihrem Versteck."

Die Überfahrt wird zur Reise durch Traum, Raum und Zeit

Als er zu diesen seltsamen Zauberinnen gelangt, ist er nicht allein. Vier zerlumpte Infanteristen lassen ihn nicht aus den Augen, sie folgen ihm in gewissem Abstand, weil sie ihn als Lotsen brauchen. Wie er, so wollen auch sie nach Sizilien übersetzen, und er, Ndrja, so lautet die Hoffnung der verwilderten Gestalten, wird schon einen Weg finden, ein Boot oder eine Barke auftun. Tatsächlich gelingt ihm die Überfahrt mithilfe einer der rätselhaften Frauen. Die nächtliche Passage wird zu einer Reise durch Traum, Raum und Zeit. Sie dehnt sich schier endlos, obwohl es sich nur um einige wenige Seemeilen handelt, denn der Matrose Ndrja Cambria taucht auf dieser Überfahrt ein in Träume und Rückblenden in seine Kindheit und seine frühen Erlebnisse auf dem Meer, als er die ersten Kämpfe mit jenen wilden Tieren austrägt, von denen die Meerenge bevölkert wird und die im weiteren Verlauf des Romans noch eine große und überraschende Rolle spielen sollen: Es sind die sogenannten Feren – so heißen bei D'Arrigo die wilden Delphine, die in diesem Roman nicht die verspielten Begleiter der Ausflugsboote und Fährschiffe sind, sondern gnadenlose Jäger und reißende Bestien, die im Rudel jagen und schließlich sogar jene ungeheuer große und mörderische Kreatur zur Strecke bringen, die dem Roman den Namen gegeben hat: den Mörderwal, lateinisch Orcinus Orca genannt. Er ist der gefräßigste aller Meeresräuber und verschlingt alles - Seehunde, Walrosse, Pinguine, Wale, den Menschen, die Zeit und die Ewigkeit.

Moshe Kahn erwähnt in seinen knappen Anmerkungen einen Bericht in den "Whalemen Adventures" von W.J. Dakin, demzufolge Orcas bei der Jagd auf den Wal mit dem Menschen zusammenarbeiten. Ist der Wal von der Harpune zur Strecke gebracht, stürzen sich die Orcas auf ihn und fressen seine Zunge und seine Lippen. Bei D'Arrigo hingegen wird die Orcinuse zur Gejagten: Mensch und wilde Delphine, die Feren, arbeiten zusammen, bis der Gigant seinen Angreifern erliegt.

"Am Morgen desselben Mane war der Orcaferon, wiewohl unsterblich, wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben gezwungen, sich zu verteidigen, um überleben zu können. Der Zufall, das Schicksal, sofern die Nennung von Zufall und Schicksal für einen Orcaferon überhaupt einen Sinn ergab, verbündete Fischhändler, Engländer und Feren gegen ihn, sie alle stimmten darin überein, ihm ein Fest zu bereiten, das er niemals vergessen sollte.

D'Arrigo setzt der lateinischen Bezeichnung "Orcinus Orca" nicht nur den Buchstaben H voran, um ihn zu verfremden und so anzudeuten, dass es sich nicht um ein reales, sondern um ein mythisches Wesen handelt, sondern er belegt den todbringenden, selbst jedoch als unsterblich geltenden Meeresgiganten mit einer Vielzahl von Namen: die Orca, aber auch Orcinuse, Orcaferon, der große Tod, die Tödin.

Die Feren und die Orcinuse liefern sich einen Kampf auf Leben und Tod, ungläubig verfolgt und kommentiert von jenen Männern am Ufer, die bei D'Arrigo Pellisquadre heißen – das sind die Fischer. Feren, Feminotinnen, Pellisquadre, keines dieser Worte existiert im Italienischen. Es handelt sich um Neologismen, Neuschöpfungen des Schriftstellers, dessen Epos im Original zunächst vor allem deshalb so viel Aufsehen erregte, weil sein Autor nicht nur eine neue Odyssee geschaffen hat, das hatte der Ire James Joyce ja auch schon getan, sondern weil D'Arrigo auf gewisse Weise eine ganz neue Sprache erschuf.

Aber welche Sprache ist das? Italienisch, Sizilianisch, eine Mischung aus beidem? Hören wir dazu Moshe Kahn, den Übersetzer, dem wir verdanken, dass wir dieses faszinierende Werk jetzt endlich auf Deutsch lesen können. In diesem Zusammenhang sei noch ein nicht ganz unbedeutendes Detail erwähnt: Moshe Kahns Übersetzung ist die erste Übersetzung von "Horcynus Orca" überhaupt. Der Ausdruck "unübersetzbar" war also durchaus kein leeres Gerede, wie Kahn in seinem unbedingt zur Lektüre empfohlenen Nachwort anschaulich macht.

"In Wahrheit hatte D'Arrigo über die Jahre seine eigene Sprache geschaffen, um die Geschichte seiner Hauptfigur 'Ndrja Cambria so erzählen zu können, dass sie völlig seiner Wahrheit und seiner Realität entsprach. Diese Sprache entwickelte sich aus langen Sprachtraditionen und Spracheinflüssen: In dieser Kette war das Italienische, wie es am strahlenden Hof von Kaiser Friederich II. in Palermo zum ersten Mal in der Form von Dichtung hervorgetreten war, das jüngste Glied; die älteren Glieder waren, wenn wir die Reihe zurückverfolgen, das Französische und das Normannische, das Arabische, das byzantinische Griechische, das Lateinische, das Griechische der alten Griechen, das Sikulische. Das alles gestaltete sich über annähernd zwei Jahrtausende hinweg allmählich zu den Sprachformen des italienischen Südens. Auch wenn die Entwicklung dieser Formen sich in den verschiedenen Provinzen (Campanien, Kalabrien, Apulien, Basilicata und Sizilien) unterschiedlich herausbildete, war jede dieser Formen doch vor allem durch mehr als eineinhalb Jahrtausende griechischer Sprachtradition geprägt. Das alles findet sich auch im Sizilianischen wieder."

D'Arrigos Sprache ist etwas Neues, Eigenständiges, ein Amalgam, das Moshe Kahn in seiner Übersetzung zum Klingen und Fließen bringt. Diese Übersetzung hat Rhythmus, Klang, sie ist von betörender Schönheit und verstörender Fremdheit. Sie klingt archaisch, süß, brutal. Ihre langen Parenthesen rollen, schwingen, gleiten und donnern über die Seiten wie Schaumkronen tragende Meereswellen. Spätestens nach 100, 200 oder 300 Seiten fühlt man sich als Leser wie auf offener See, ausgesetzt und aufgehoben im Schoße eines Ozeans, der keinen Anfang und kein Ende kennt.

An eine deutsche Übersetzung war lange nicht zu denken

Als "Horcynus Orca" 1975 erschien, spaltete der Roman die literarische Welt Italiens in zwei Lager. Das eine, größere, war begeistert, das andere, kleinere Lager lehnte den Roman ab. Zu seinen Fürsprechern zählten damals so illustre Namen wie Pasolini, Luigi Malerba, Primo Levi, Andrea Camilleri, Claudio Magris, Italo Calvino, später auch George Steiner und viele andere. Doch an eine deutsche Übersetzung war nicht zu denken. Der Piper Verlag hatte sich verständlicherweise längst zurückgezogen, denn der während 14 arbeitsreicher Jahre überarbeitete Roman galt als nicht übersetzbar. Moshe Kahn, der bereits 1975, also im Erscheinungsjahr, durch einen italienischen Freund, den Kunsthistoriker Donato Sanminiatelli, auf "Horcynus Orca" aufmerksam wurde, fasste bereits zu Beginn der 80er-Jahre den Entschluss, die ungeheure Arbeit der Übersetzung auf sich zu nehmen, fand aber keinen deutschen Verlag, der bereit gewesen wäre, das Risiko einzugehen. Denn D'Arrigo war in Deutschland auch damals schon, was er noch heute ist: ein großer Unbekannter. Erst als Kahn den Verleger Egon Ammann kennenlernte, schien der richtige Verlag gefunden. Doch den Ammann Verlag gibt es nicht mehr, sein Besitzer und Gründer hat ihn nach knapp 30 Jahren eingestellt. Das war 2010. Doch Kahn und Ammann haben nicht aufgegeben und beim S. Fischer Verlag einen Hafen für "Horcynus Orca" gefunden.

Als Verleger hat Egon Ammann deutschsprachigen Lesern die Möglichkeit geschenkt, Fernando Pessoas Bücher kennenzulernen, er hat zusammen mit dem Übersetzer und Herausgeber Ralph Dutli Ossip Mandelstam eine deutsche Werkausgabe ermöglicht und Swetlana Geiers Neuübersetzungen der Bücher Dostojewskis verlegt. Für seine Verdienste um den 1992 verstorbenen Stefano D'Arrigo hat Egon Ammann jetzt einen weiteren literarischen Orden verdient. Moshe Kahns Verdienste, seine Ausdauer, sein Genie, sein Sprachgefühl, seine Musikalität, sein Ausdrucksreichtum, seine Liebe, seine Leistung – all das ist nicht genug zu rühmen.

Bücher haben ihr eigenes Schicksal. "Horcynus Orca" ist wie geschaffen, um diesen Satz zu belegen. 40 Jahre mussten vergehen, bis das 1975 erschienene italienische Original in deutscher Übersetzung publiziert werden konnte. Aber mehr als 40 Jahre mussten auch vergehen, bevor Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" erstmals vollständig auf Deutsch vorlag – in der zunächst gefeierten, später dann auch kritisierten Übertragung von Eva Rechel-Mertens. Noch länger, nämlich fast 50 Jahre, dauerte es, bis Melvilles "Moby Dick" endlich die verdiente Anerkennung fand. Die Literaturgeschichte hat ihr eigenes Zeitmaß. "Horcynus Orca" ist von Homer beeinflusst und von Dante, von Ariost und von "Moby Dick", von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht und von James Joyce. Der "Ulysses" erschien 1922 in Paris, nur fünf Jahre später lag die erste deutsche Übersetzung vor, die sogleich von Kurt Tucholsky rezensiert wurde. Legendär ist die Schlusspointe dieser Literaturkritik:

"Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden."

Damit sollte Tucholsky Recht behalten. Aber natürlich wusste er auch, dass seine Kritik dem "Ulysses" nicht gerecht geworden war. Zwei Jahre später, 1929, schrieb der große Komparatist Ernst Robert Curtius einen fast 70-seitigen Essay über den "Ulysses". Curtius war ein großer, in einem heute kaum mehr vorstellbaren Maße gebildeter Gelehrter, der 1948 das große Standardwerk "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" vorlegen sollte. Tucholsky verspürte die ungeheure Wirkung, die von der Lektüre des "Ulysses" ausging, Curtius benannte die Wurzeln und Quellen, auf denen diese Wirkung beruhte. Es bedürfte eines Gelehrten vom Schlage eines Curtius, um den "Horcynus Orca" im Detail zu analysieren. Aber es genügt ein durchschnittlicher Leser, um mit Fug und Recht zu sagen: Es wäre nicht richtig, oder besser gesagt: Es wäre falsch, fahrlässig, kleinmütig, schwerhörig, blindäugig und unangemessen, über dieses Buch ohne eine gehörige Prise Pathos sprechen zu wollen: Was für ein Werk, was für eine Entdeckung!

Stefano D'Arrigo: "Horcynus Orca"
Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
S. Fischer Verlag

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