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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Nachricht, über die man sich freuen sollte16.07.2017

Steigende SchülerzahlenEine Nachricht, über die man sich freuen sollte

Dass die Schülerzahlen bis zum Jahr 2020 steigen, sollte eigentlich eine gute Nachricht sein, kommentiert Kate Maleike im Dlf. Statt über Zahlen zu streiten sollte dies zum Anlass genommen werden, kluge Ausbaukonzepte für den gesamten Bildungsbereich und nicht nur für die Schulen zu entwickeln.

Von Kate Maleike

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Unterricht in einer 4. Klasse der Potsdamer Grundschule "Am Pappelhain". (dpa / Patrick Pleul)
Bund und Länder müssten dringend in das Schulsystem investieren, sagt Kate Maleike - schon jetzt gebe es zahlreiche Baustellen und Mängel. (dpa / Patrick Pleul)
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In Deutschland gehen bis zum Jahr 2030 weit mehr Kinder zur Schule als bislang angenommen: Diese Nachricht hat in dieser Woche für einigen Wirbel gesorgt. Und zwar nicht, wie man meinen könnte, weil diese Meldung Jubelstürme auslöst. Schließlich ist es doch eigentlich wunderbar, dass Deutschland mehr Schulkinder hat, als die Prognosen bislang vorhergesagt haben.

Nein, darum kreist der Wirbel nicht. Es geht eher darum, zu klären, wer denn jetzt mit seinen Zahlen richtig liegt. Denn die neuen Vorhersagen stammen von der Bertelsmann Stiftung und weichen von den bisherigen Prognosen der Kultusministerkonferenz deutlich ab.

Und wie kommt es nun zu diesen Differenzen?

Die Stiftung hatte für ihre Studie die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes mit der "Milupa-Geburtenliste" verbunden. Und dieses Unternehmen kann Geburtenzahlen von 2016 aus deutschen Krankenhäusern zusteuern. So kommen am Ende andere, weil aktuellere, Prognosen zustande als die der KMK, der Kultusministerkonferenz. Diese hatte ihre Berechnungen nämlich auf der Basis von Schülerzahlen aus dem Jahr 2012 angestellt.

Seitdem gab es allerdings Flüchtlingszustrom und mehrfach steigende Geburtenraten. Damit haben wir jetzt also folgendes Zahlenmaterial auf dem Tisch: Für das Jahr 2025 wird an allgemeinbildenden Schulen - laut Bertelsmann Stiftung - mit etwa 8,3 Millionen Kindern und Jugendlichen gerechnet. Das wären gut 1 Million mehr als von der KMK bislang angenommen. Die widerspricht dem Eindruck, die Länder hätten falsch kalkuliert. Man gehe inzwischen zwar auch von einem Anstieg der Schülerschaft aus, die KMK-Zahlen seien jedoch nicht die Planungsgrundlage für das, was in den Bundesländern passiere und unternommen werde. 

Zusätzliche Bildungskosten in Höhe von 4,7 Milliarden Euro

An diesem Punkt, muss man sagen, kommt der Zahlenstreit an eine empfindliche Stelle. Denn die Frage ist doch, was wird getan, um den steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden, um Schulen so zu gestalten, dass sie nicht überlaufen und im ständigen Überforderungszustand sind?

Wenn man Bertelsmann glaubt, dann werden 2030 über alle Schulstufen hinweg zusätzlich über 28.000 Klassen notwendig und dazu über 42.000 weitere Lehrerinnen und Lehrer. Auf Länder und Kommunen kämen pro Jahr Bildungskosten in Höhe von 4,7 Milliarden Euro zu.

Hui, das klingt nach großen Herausforderungen, die da anstehen. Denn schon jetzt fehlen vielerorts Lehrkräfte und es fällt Unterricht aus. Schon jetzt klagen viele Schulen im gesamten Bundesgebiet über marode Gebäude sowie Platznot und fehlende digitale Infrastruktur zum Beispiel. Das sind riesige Baustellen, die dringend Investitionen von Bund und Ländern erfordern.

Bedingungen für Lehrer müssen verbessert werden

Gut, es ist einiges angekündigt, der Digitalpakt beispielsweise, den Bundesbildungsministerin Wanka zusammen mit den Ländern schnüren möchte, um die Schulen besser auszurüsten und WLAN nicht zur Glücksache werden zu lassen. Doch der Pakt ist bislang nur ein Versprechen, und man wird sehen, ob sich nach der Bundestagwahl im September noch jemand daran hält. Immerhin springt der Bundesverkehrsminister Dobrindt gerade in die Bresche und fordert mit einem milliardenschweren Programm Länder und Kommunen auf, Breitband für die Schulen zu beantragen.

Doch Geld allein macht Schulen nicht besser und rüstet sie nicht für die Zukunft. Was wir benötigen, sind dringend mehr und gutausgebildete Lehrkräfte, die eine Schule für alle lebendig machen und gestalten können, eine Schule, in der sie zusammen mit ausgebildeten Sozialarbeitern in multiprofessionenellen Teams arbeiten.

Aber das wird schwierig. Noch immer regiert nämlich der Rotstift bei den Lehrerstellen. Kaum zu glauben, aber auch in diesem Sommer werden wieder viele Lehrkräfte vor den Ferien gekündigt und wenn sie Glück haben danach wieder eingestellt. So sparen sich die Länder Geld. Nach vorausschauender Personalplanung sieht das nicht aus. Gute Bildung braucht  Priorität und zwar nicht nur in Sonntagsreden.

"Deutschland muss auf Innovation und kluge Köpfe setzen"

Wenn demnächst die Plakate für die Bundestagswahl aufgehängt werden, wird das Wort "Bildung" - da muss man kein großer Prophet sein - sicher wieder häufig und in fetten Lettern auftauchen. Die neuen jetzt vorgelegten Schülerzahlen sollten daher kein Anlass zum Datenstreit werden, liebe Bertelsmann Stiftung und Kultusministerkonferenz! Sondern eher dazu auffordern, kluge Ausbaukonzepte für den gesamten Bildungsbereich und nicht nur für die Schulen zu entwickeln.

Deutschland hat, so heißt es ja immer gerne, keine Rohstoffe, muss also auf Innovation und kluge Köpfe setzen. Sparen am falschen Ende und Aktionismus bringen uns da nicht weiter. Dann kommt eine Nachricht über steigende Schülerzahlen nämlich auch eher als Hiobsbotschaft an denn als das, was sie wirklich ist. Eine Nachricht, über die man sich freuen sollte.

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