Freitag, 24.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheHoffnung auf neue Pfade25.10.2017

Steinmeier in RusslandHoffnung auf neue Pfade

Kaum jemand in der deutschen Politik sei so von Putin enttäuscht wie Frank-Walter Steinmeier worden. Trotzdem sei kaum jemand besser geeignet als der neue Bundespräsident, die Konfliktlinien zwischen Russland und Deutschland zu überbrücken, kommentiert Sabine Adler. Als Amtskollege könnte er einen neuen Zugang zum Kremlherren finden.

Von Sabine Adler

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) und der russische Präsident Wladimir Putin äußern sich am 25.10.2017 bei einer Pressekonferenz nach ihrem Gespräch im Kreml in Moskau (Russland).  (picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa)
Unermüdlich auf der Suche nach diplomatischen Lösungen: Bundespräsident Steinmeier wird von Russlands Präsident Putin empfangen (picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa)
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Der Bundespräsident traf auf alte Bekannte: Wladimir Putin, Michail Gorbatschow, die Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Memorial - alles vertraute Gesichter.

Was also kann er bewirken, was er als Kanzleramtschef, SPD-Fraktionsführer, vor allem als Außenminister nicht schon versucht hat? Er könnte zum Beispiel neue Pfade betreten, die in der harten Tagespolitik versperrt sind. Diese Chance hat Frank Walter Steinmeier ergriffen. Die Rückgabe der Sankt-Peter-und-Paul-Kathedrale an die Evangelische Gemeinde in Moskau ist jetzt im Reformationsjahr zum 500. Jahrestages des Thesenanschlags von Martin Luther (*) ein Erfolg und quasi unvermintes Gelände, das nicht sofort wieder in eine Sackgasse führt.

Reden kostet oft Überwindung

Denn natürlich stimmt, was Gorbatschow sagt: dass nur Reden weiterhilft, Reden auch über das, was schwierig ist. Eine Binsenweisheit, klar, die manchmal aber eben zu große Überwindung kostet.

Aufeinander zugehen kann man auch von einer Seite. Wenn aber der andere immer wieder einen Schritt zurück macht, dann kommt man nicht zusammen. Wladimir Putin hat sich abgewendet vom Kurs in Richtung Westen, den Gorbatschow eingeschlagen hatte.

Aber Gorbatschow, der Putin stets mit Samthandschuhen anfasst, hat Recht, wenn er auf das 20. Jahrhundert verweist. Nach der blutigsten aller Schlachten konnten sich die Kriegsgegner, die anfangs sogar noch kollaboriert hatten - Stichwort Hitler-Stalin-Pakt - schließlich wieder annähern. Dazwischen freilich lag erst noch der lange Kalte Krieg, von dem vieles, damals Einstudiertes, heute wieder angewendet wird. Außerdem war die Welt für Jahrzehnte überschaubar aufgeteilt in zwei Blöcke.

Heutige Lage ist "besser und schwerer" als früher

Gemessen daran sind die heutigen Ausgangsbedingungen besser und schwerer zugleich. Wir stehen nicht vor Leichenbergen. Aber wir wissen jetzt, wie man einander auch ohne Feuerwaffen quasi virtuell wirksamen Schaden zufügen kann.

Bei den derzeit kreuz und quer verlaufenden Konfliktlinien stehen Russland und Deutschland mitunter auf der gleichen Seite. Diese Felder zu finden, sie gemeinsam zu beackern, kann kaum jemand besser als Steinmeier. Er war der mehr als gutwillige Deutsche, der zu einer engen Zusammenarbeit mit Russland bereit war, die er sogar "Modernisierungspartnerschaft" nannte. Aber kaum jemand in der deutschen Politik wurde auch so von Putin enttäuscht wie er. Mit dem Demokratieabbau, der Krim-Besetzung, dem Ukrainekrieg. Steinmeier hat unermüdlich Lösungen im Minsker Friedensprozess ausgelotet, er hat sich sogar kritisch gegen die NATO gewandt, als er deren stärkere Präsenz in Polen und im Baltikum hinterfragte.

Kann sein, dass er als Bundespräsident eine Russlandpolitik nach dem Motto "mehr vom Gleichen" betreibt. Kann aber auch sein, dass er einen neuen Zugang zu dem Kremlherrn findet, der ja jetzt sein Amtskollege ist.

(*) In einer ursprünglichen Version war irrtümlich vom 500. Geburtstag Martin Luthers die Rede. Die Audiofassung entspricht der Nicht-Korrigierten-Fassung.

Sabine Adler (Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Derzeit Osteuropa-Korrespondentin.

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