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StartseiteTag für TagStengele: Keine Kommunion für Wiederverheiratete ist Exkommunikation18.06.2012

Stengele: Keine Kommunion für Wiederverheiratete ist Exkommunikation

Katholische Priester fordern schnelle Kirchenreformen

Fast 200 Kleriker der Erzdiözese Freiburg haben ein Internet-Memorandum geschrieben, das eine Reform der katholischen Kirche verlangt. Mitinitiator Peter Stengele, Seelsorger im Bodenseekloster Hegne, bezeichnet die Situation der wiederverheiratet Geschiedenen als "schmerzlich und leidvoll".

Peter Stengele im Gespräch mit Matthias Gierth

Priester mit Hostie (AP)
Priester mit Hostie (AP)

Matthias Gierth: Herr Stengele, wie erleben Sie als Seelsorger die Situation von wiederverheiratet Geschiedenen in den Gemeinden in der katholischen Kirche?

Peter Stengele: Eigentlich sind wir bei diesem Erleben am Ausgangspunkt unserer Aktion. Wir sind alle engagierte Seelsorger mit Leib und Seele und wir erleben die Situation der wiederverheiratet Geschiedenen als eine sehr schmerzliche und leidvolle Situation. Ich rede jetzt von denen, die noch da sind. Viele haben es ja aufgegeben und die Kirche verlassen. Und wir reden hier ja nicht von denen, die drei-, vier- oder fünfmal eine neue Ehe eingegangen sind. Wir reden von Menschen, deren erste Ehe zerbrochen ist und die in einer zweiten guten Beziehung leben. Und wir reden auch nicht von Menschen, die mit Glauben und Kirche nicht viel anfangen können und die weit weg sind und denen es inzwischen ziemlich egal ist, was die Kirche da sagt und denkt, sondern wir reden von Menschen, für die der Glaube und das Evangelium wesentlich zum Leben gehören. Und denen sagt unsere Kirche offiziell: Ja, ihr dürft schon immer kommen und ihr dürft auch helfen und ihr dürft auch spenden. Aber wenn es dann um das geht, was wir als unser ureigenstes Feiern, die Feier der Gegenwart Jesu Christi im Mahl der Eucharistie, da dürft ihr dann nicht mitmachen. Das ist unerträglich.

Gierth: Nun reiht sich das Freiburger Memorandum ja ein in eine lange Reihe von Initiativen. Die Würzburger Synode hat für eine barmherzige Praxis im Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen schon vor mehreren Jahrzehnten plädiert. Die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz haben 1993 im Vatikan einen Vorstoß gewagt, der vom damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., abgeschmettert wurde. Warum bewegt sich in der katholischen Kirche in dieser Frage offiziell so gut wie nichts?

Stengele: Das fragen wir uns auch. Und da müsste man eigentlich die Kirchenleitungen fragen. Dass viele Menschen zu Recht den Eindruck haben, dass sich nichts bewegt hat, hat natürlich zu tun mit unserer Kirchenleitung. Und da denke ich vor allem an Rom. Sie sprechen an die Initiative der oberrheinischen Bischöfe. Das ist ein gutes Beispiel. Das waren ja nicht gerade unbedeutende Provinztheologen. Lehmann, Kasper, Saier. Diese gute und überzeugende Initiative dieser Bischöfe, hinter der ja auch die Diözesen standen, ist an Rom gescheitert. An dem Theologen, der in den frühen 70er-Jahren noch als Professor damals sinngemäß gesagt hat: Wo eine erste Ehe lange schon irreparabel zerbrochen ist und eine zweite Ehe sich über einen längeren Zeitraum als Realität, als sittliche Realität, bewährt hat und im Glauben gelebt wird, da soll doch diesen Menschen der Empfang der Kommunion gewährt werden. Und damals fügte Ratzinger noch hinzu: Ein solche Regelung ist von der Tradition her gedeckt. Und wir erwarten schon von unseren Bischöfen, dass sie in ihrer Verantwortung und in ihrer Kompetenz in dieser Frage in Rom ein- und auch auftreten.

Gierth: Sie machen in ihrem Memorandum öffentlich, dass Sie wiederverheiratet Geschiedenen nicht länger vom Sakramentenempfang ausschließen. Es gibt als einen inoffiziellen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen. Wie sieht dieser Umgang konkret aus?
Stengele: Ja, diesen Umgang bezeichnen wir eben auch als einen Spagat. Dieser Spagat besteht ja nicht nur darin, dass ich als Seelsorger mit den Menschen zu einer Praxis stehe, die offiziell nicht erlaubt ist. Der Spagat besteht doch zunächst auch darin, es auszuhalten, dass viele Menschen sagen: Das kann ja nicht die Kirche Jesu Christi sein. Eine Kirche, die sich so verhält. Eine Kirche, die die wiederverheiratet Geschiedenen aussperrt und ihnen die Kommunion verweigert, also sie im Grunde genommen de facto exkommuniziert. Und die aber alle erdenklichen Zugeständnisse macht und die Exkommunikation aufhebt, um zum Beispiel Piusbrüder wieder zurückzuholen. Das geht nicht zusammen, bei den Menschen nicht, das geht bei mir nicht zusammen.

Gierth: Bei der Priesterweihe haben Sie ja trotzdem als Priester dem Bischof und seinen Nachfolgern Erfurcht und Gehorsam versprochen. Wie gehen Sie mit diesem Rechtsbruch, den Sie ja auch begehen, um?

Stengele: Also zunächst ist das Recht ja doch wohl da, um Leben zu ermöglichen und zu schützen und zu fördern. Und wenn kirchenrechtliche Regelungen dieses Leben aber behindern oder gar verhindern, dann können sie nicht stimmen. Und dann gilt erst recht: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, als den von Menschen gemachten rechtlichen Regelungen. Natürlich haben wir uns zum Gehorsam verpflichtet, aber nach meiner festen Überzeugung kann das kein blinder Gehorsam sein. Wir stehen in kritischer Loyalität zu unserer Kirche, weil wir sie lieben.

Gierth: Warum kommt der Initiativschritt jetzt? Ist das auch ein Zeichen der Solidarität mit der österreichischen Pfarrerinitiative, die ja auch Gleiches fordert?

Stengele: Der Zusammenhang, in dem unsere Initiative steht, ist das Memorandum der Theologieprofessorinnen und - professoren, das ja von 302 Priestern und Diakonen in unserer Diözese unterstützt wurde. Und das wir auch als Unterstützung für den Dialoginitiative unseres Bischofs verstanden haben und verstehen. Mir persönlich ist beim Katholikentag in Mannheim noch einmal neu klar geworden, dass die Geduld vieler Menschen mit diesem gewaltigen Reformstau, und das war ja das Thema des Memorandums, dass die Geduld vieler Menschen am Ende ist. Sie wollen nicht weiter über den Dialog reden und über Aufbruch, sondern sie wollen den Dialog und sie wollen aufbrechen. Dass überall solche Initiativen entstehen, Sie nennen die österreichische Pfarrerinitiative, der ich persönlich in allen Punkten nur zustimmen kann. Die AGR, eine Gruppe von Priestern und Diakonen in der Diözese Rothenburg oder die beeindruckenden Aktionen bestehender Gruppen. Ich denke da an die kfd, die ja nahezu 100.000 Unterschriften zusammengebracht hat in diesem Anliegen. Dass überall solche Initiativen entstehen, das ist ja auch ein Zeichen dafür, dass die Menschen sich jetzt nicht mehr hinhalten lassen wollen. Und das sind für mich ermutigende Zeichen.

Gierth: Der Freiburger Erzbischof hat über seinen Generalvikar Ihr Vorgehen als weder hilfreich noch konstruktiv eingeordnet. Und er hat die Unterzeichner aufgefordert, ihre Unterschrift zurückzuziehen. Erleben Sie eine solche Reaktion als Hilflosigkeit oder auch als Einschüchterungsversuch?

Stengele: Also es ist für mich eher eigentlich so eine hilflose Reaktion. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass der Freiburger Bischof, dass unsere Bischöfe insgesamt, die Chancen erkennen, die in diesen Aufbrüchen liegen, und dass sie sehen, dass es uns um die Menschen, ums Evangelium und um unsere Kirche geht. Und dass wir, wie sie ja auch darunter leiden, dass so viele Menschen der Kirche den Rücken zukehren.

Gierth: Das heißt also für Sie kam es nicht infrage, Ihre Unterschrift zurückzuziehen?

Stengele: Nein, das kommt für mich nicht infrage, weil das für mich kein Weg des Dialogs ist und weil ich mich entschieden habe, zu den Überzeugungen zu stehen, die ich gewonnen habe.

Gierth: Welche Chance geben Sie dem Wunsch nach einem neuen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen nach den jüngsten Aussagen von Benedikt XVI. beim Weltfamilientreffen in Mailand? Dort hat er sich ja doch sehr deutlich gegen Lockerungen gewandt.

Stengele: Die Aussagen Benedikts beim Weltfamilientreffen lassen mich jetzt nicht sehr optimistisch oder gar euphorisch sein. Aber unsere Kraft ist ja auch nicht der Optimismus, sondern die Hoffnung. Wissen Sie, vor 55 Jahren haben auch nicht so viele geahnt und geglaubt, dass zwei Jahre später Johannes XXIII. ein Konzil ausruft und mit diesem Konzil dann eine derartige Erschütterung durch unsere Kirche geht und so vieles zusammen- und vor allem auch aufbricht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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