• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteThemen der WocheDer Patient entscheidet03.01.2015

SterbehilfeDer Patient entscheidet

Die gelebte Praxis der Sterbehilfe hat sich bewährt, kommentiert Birgit Wentzien. Ärzte, die ihre Patienten kennen und begleiten, müssten verantwortbare Gewissensentscheidungen treffen können, wenn der aussichtslos kranke Patient dies wünsche. Weitere gesetzliche Lösungen seien nicht notwendig.

Von Birgit Wentzien

Ein jüngerer Mensch umfasst das Armgelenk einer älteren Person, die im Krankenbett liegt. (picture alliance / dpa / Jm Niester)
Ein jüngerer Mensch umfasst das Armgelenk einer älteren Person, die im Krankenbett liegt. (picture alliance / dpa / Jm Niester)
Weiterführende Information

Sterbehilfe - "Wir brauchen mehr Zeit - und damit mehr Geld"
(Deutschlandfunk, Interview, 03.01.2015)

Zum Gelingen des Lebens zählt auch das Gelingen des Endes des Lebens. In diesem Jahr wird im Parlament darüber weiter gesprochen werden. Es geht mit den Worten von Bundestagspräsident Norbert Lammert um die unaufgebbare Verpflichtung des Staates zum Schutz des Lebens und zum Schutz der Menschenwürde auch für sterbende Menschen. Es geht um individuelle Selbstbestimmung und ärztliche Fürsorge. Für mich ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende dieses Jahres fast alles so bleibt, wie es ist, weil das Parlament als höchstes Haus in diesem Land eine respektvolle, kenntnisreiche und streitbare Debatte geführt und festgestellt hat: Weitere gesetzliche Lösungen sind nicht notwendig. Sie schaffen mehr Probleme. Entscheidend bleibt der geschützte Raum des Patienten, der sich seinem Arzt anvertrauen kann.

Ausgebaut werden müssen Palliativ- und Hospiz-Versorgung. Es muss sehr viel mehr als bisher an schwerstkranke und sterbende, auch demenzkranke Menschen gedacht werden. Sie müssen in privaten Umgebungen, in Pflegeheimen und in Krankenhäusern eine palliative Versorgung und Therapie erhalten. Ihre Einsamkeit ist oftmals ebenso groß wie der körperliche Schmerz. Und - wer Interesse und Zuneigung und medizinische Hilfe erfährt, eine lebensorientierende Beratung und Begleitung durch seinen behandelnden Arzt, der hat auch keine Angst mehr, anderen zur Last zu fallen.

Selbstverständlichkeiten? Nein, noch längst nicht! Ziele, die erreicht werden müssen - auch, damit im medizinischen Betrieb dieses Landes die Entscheidungen der kranken Menschen geachtet und diejenigen respektiert werden, die diesen Menschen beistehen. Es gibt für die letzten Dinge des Lebens noch zu viele einander widersprechende Entwicklungen: Eine Medizin heute, die technischer Fortschritt und oftmals ein Segen ist. Ein technischer Fortschritt aber auch, der das Leiden manchmal verlängern kann. Eine Hochleistungsmedizin, die Menschen in eine Lebensschwäche hineinbringen kann, in der das normale Sterben schwer wird. Und - es gibt sinnlose Übertherapien am Lebensende. Lebenszeit, die durch Medizin ertrotzt und so zur Leidenszeit wird. Ärztliche Maßnahmen, die Patienten mehr quälen als ihre Leiden zu lindern.

Fundierte Diskussion im Parlament: Bitte mehr davon!

Dagegen stehen Ärzte, die längst und ihrem Gewissen verantwortlich, mehr tun als sie sagen. Ärzte, die dies tun, oft im Widerspruch zum Standesrecht. Nur - machen wir Lebenden uns nichts vor. Viele von uns haben selbst existenzielle Augenblicke mit Verwandten und Freunden durchlebt auf dem Weg zum Tod. Es bleibt ganz am Schluss die Not einer Gewissensentscheidung. Kein Standesrecht, kein Gesetz kann für Patienten, ihre Angehörigen und ihre Ärzte diese Not verringern.

Die gelebte Praxis der Sterbehilfe hat sich aus meiner Sicht bewährt. Es ist Zeit, dass sie ehrlich und offen wahrgenommen wird. Ärzte, die ihre Patienten kennen und begleiten, müssen verantwortbare Gewissensentscheidungen treffen können, wenn der aussichtslos kranke Patient dies wünscht. Viele Mediziner tun dies. Der Patient entscheidet. Über seinen Willen darf sich niemand hinwegsetzen. Und hoffentlich können auch ärztliche Verbandsvertreter diese ärztliche Fürsorge-Wirklichkeit im neuen Jahr endlich respektieren.

Es ist bemerkenswert, dass sich das Parlament ausgerechnet beim Thema Sterbehilfe zurückholt, was ihm gebührt: die fundamentale Diskussion und die Entscheidungsmacht im Namen des Volkes. Bitte mehr davon! Beispielsweise eine ähnlich breite und fundierte Diskussion über das Thema Pflege oder über die Grenzen und Möglichkeiten der Flüchtlingspolitik. Das Parlament muss sich endlich das eigene Recht zurückholen. Für dieses Haus zu Beginn des Jahres eine Aussicht, wie sie wichtiger und richtiger nicht sein könnte.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk