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StartseiteBüchermarktStereotypie einer Kellerkind-Biographie08.01.2008

Stereotypie einer Kellerkind-Biographie

Lucy Fricke schreibt über eine traurige Jugend

Drastische Geschichten über soziale Verlierer haben bei jüngeren deutschen Autoren neuerdings Konjunktur. Kirsten Fuchs schrieb kürzlich in <em>Die Titanic und Herr Berg</em> über die Liebe einer Arbeitslosen zu ihrem Sachbearbeiter. Claudia Klischat legte mit <em>Morgen. Später Abend </em> einen Reigen gescheiterter Unterschicht-Existenzen vor. Und vor allem der 1977 geborene Clemens Meyer sorgte zuletzt mit seinem Debüt <em>Als wir träumten</em> für Furore, in dem er von einer Leipziger Jugendbande der Wendezeit erzählte, deren Alltag von Gewalt, Alkohol und Drogen bestimmt war.

Von Gisa Funck

Mit etwas Verspätung zur deutschen Wirtschaftskrise scheint die hiesige Nachwuchsliteratur plötzlich den harten Überlebenskampf entdeckt zu haben. Und an poppiger Partystimmung und Wohlstandskinder-Befindlichkeiten nicht mehr groß interessiert zu sein.

Das gilt auch für Durst ist schlimmer als Heimweh, den ersten Roman von Lucy Fricke. Fricke, geboren 1974 und Schreibschülerin des Literaturinstituts Leipzig, erzählt hier vom Schicksal der Problemjugendlichen Judith Sita, die amerikanische Soziologen heute in die Kategorie "White Trash" - also: "weißer Abfall" - einordnen würden. Denn, auch wenn Judith mit ihren sechzehn Jahren eigentlich erst am Anfang ihres Lebens steht: Sie steckt als Kind aus einer zerrütteten Familie doch schon fatal in der biographischen Sackgasse fest. Das wird gleich zu Anfang ihrer Geschichte deutlich, als Judith sich an ihren Geburtstag zurückerinnert:

Auf dem Tisch in der Küche hatte ein Zupfkuchen gestanden (...) und ein Notizzettel mit den Worten: Herzlichen Glückwunsch, deine Mutter. Judith hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, einen Joint angesteckt und festgestellt, dass die Geburtstage auch schon mal glücklicher waren. (...) Dann war sie zurück ins Bett gegangen und hatte an nichts mehr gedacht, als sie das Telefon im Wohnzimmer klingeln gehört hatte. (...) Zögernd hatte Judith den Hörer in die Hand genommen und das entfernte Weinen ihrer Mutter gehört. (...) Schließlich hatte sie ihre Mutter mit gepresster Stimme sagen hören: "Ich bin weg. Ich brauche mal meine Ruhe." (...) Judith war der Hörer aus der Hand geglitten. Sie hatte nichts mehr gespürt. Mütter verließen ihre Kinder nicht, das war nicht vorgesehen, Mütter hatten ihre Kinder nicht zu verlassen, schon gar nicht an ihrem Geburtstag. Bewegungslos hatte Judith auf der Sofakante gesessen und nicht gemerkt, wie er hereingekommen war. Mit Biedermeierstrauß in der linken und Bierflasche in der rechten Hand hatte er plötzlich vor ihr gestanden, "Happy Birthday, mein Engel" in ihr Ohr gehaucht, und sie hatte ihm das Bier abgenommen und es in einem Zug geleert, bevor sie gesagt hatte: "Mama ist weg." "Das stört uns doch nicht", hatte er geantwortet und sie langsam auf dem Sofa zurückgeschoben.

Zweifellos: Es gibt glücklichere sechzehnte Geburtstage als diesen, den Lucy Fricke gleich zu Beginn ihres Debütromans beschreibt. Denn, nicht genug, dass Judiths Mutter ausgerechnet zum Geburtstag ihrer Tochter die Familie verlässt. Nein, Judiths Stiefvater kommt auch noch an diesem Tag, wie üblich mit einer Bierflasche bewaffnet, unbemerkt ins Zimmer, um seine Stieftochter auf der Wohnzimmer-Couch zu vergewaltigen. Seit Jahren geht das schon so mit dem stiefväterlichen Missbrauch, ohne dass Judiths Mutter oder das Jugendamt dagegen einschreiten würden. Kein Wunder also, dass Frickes junge Heldin noch am Abend ihres Geburtstages endgültig von zuhause ausreißt. Sich danach betrinkt. Von der Polizei aufgegriffen wird. Wieder abhaut. Sich übergibt. Weiter trinkt. Die Schule hinschmeißt. Randaliert. Sich die Unterarme blutig ritzt. Et cetera.

Man kennt diese traurigen Stationen eines jugendlichen Niedergangs aus einschlägigen DTV-Jugendromanen, Fernsehreportagen oder Fachbüchern zum Thema Missbrauch. Und genau das ist das Problem an Frickes erstem Roman. Es ist nicht sein schockierender Inhalt. Es ist das Stereotype dieser Kellerkind-Biographie, die dermaßen erwartbar abläuft, dass sie einen als Leser schon bald weder besonders schockiert noch überhaupt überrascht.

Schon nach zwanzig Seiten weiß man nicht mehr so recht, worauf Judiths Abwärtsspirale eigentlich noch hinauslaufen soll. Außer auf weitere Wutattacken, Drogenexzesse, Verhaftungen, gewaltsame Übergriffe und Straßenfluchten. Kurzum: außer auf jenen typisch-tragischen Teufelskreis einer durch Vergewaltigung traumatisierten Borderline-Patientin, zu deren Krankheitsbild Ruhelosigkeit, Stimmungsschwankungen, Drogenaffinität und der Drang nach Selbstverletzung gehört: Resultat eines gründlich geknickten Selbstbewusstseins.

Entsprechend absehbar kommt es in Durst ist schlimmer als Heimweh immer noch schlimmer, als es sowieso schon ist. Und ahnt man als Leser früh, dass auch der zunächst als "Glücksfall" bezeichnete Umzug Judiths in eine betreute Wohngemeinschaft keine wirkliche Wendung zum Guten bringen wird. Wohnt das Mädchen hier doch mit anderen auffälligen Jugendlichen zusammen, die wie Judith ebenfalls schon so gut wie alle Hoffnung auf Besserung begraben haben. Allen voran ihr WG-Nachbar Hartmut, der schon dreimal vergeblich versucht hat, sich umzubringen:

"Du weißt doch immer alles," sagte Hartmut leise, und dann wollte er wissen, wie man es richtig macht. In der Hand hielt er einen unbenutzten Spiralblock DIN-A-4, kariert, und einen SPD-Kugelschreiber von der letzten Landtagswahl, und Judith diktierte, während sie aufmerksam die Zuckungen auf Hartmuts Stirn verfolgte: "Zuallererst nimmst du ein Antihistaminikum, so was gegen Reisekrankheit, von wegen Übelkeit, Erbrechen, du weißt schon. Dann schluckst du deine Schlaftabletten, reichlich, vierzig, fünfzig Stück (...) die schluckst du mit Wodka runter, die Flasche trinkst du aus, ziehst dir eine Tüte über den Kopf (...) und das war's. Nach einer Viertelstunde bist du weg. (...) "Ist klar", sagte Hartmut, und sah aus, als würde er grinsen, tief drinnen. "Schon mal probiert?", fragte er. "Die Tabletten waren abgelaufen, und von dem Trick mit der Tüte habe ich erst später gehört," antwortete Judith.

Wohlgemerkt: Bei diesem Gespräch zwischen Judith und Hartmut sind nach der Flucht der Sechzehnjährigen von Zuhause nicht weniger als 120 Seiten in Frickes Roman vergangen. 120 Seiten, nach denen die Welt für ihre Heldin immer noch genauso grauschwarz aussieht wie am Anfang. 120 Seiten, nach denen Judith - Frickes gelegentlichen Anwandlungen von Galgenhumor zum Trotz - es immer noch nicht geschafft hat, sich aus ihrer Opferrolle zu befreien. Dafür bürgen schon ständig, in die insgesamt 69 Mini-Szenen des Romans eingestreute Erinnerungsbilder der jungen Frau an die erlittene Gewalt durch den Stiefvater. Was auch passiert, Judith bleibt in Frickes Debüt strikt Leidende. Wenn sie zum Sozialamt geht, wird sie von zwei Pennern im Aufzug angepinkelt. Wenn sie sich in einen Jungen verliebt, tut ihr alles "nur weh."

Und wenn sie beim McDonald's-Aushilfsjob unverhofft zur Mitarbeiterin des Monats gewählt wird, kündigt Judith natürlich sofort: vor lauter Scham. Sicherlich: Es gibt derart traumatisierte Opfer, die innerlich so gebrochen sind, dass sie wie Judith nur noch reagieren und nicht mehr agieren können. Und natürlich gehört es zu den ehrenvollsten Verdiensten von Literatur, auch an solche Opfer zu erinnern. Allein: für einen guten Roman reicht es nicht aus, einfach nur wie Fricke einen traurigen Fall zu protokollieren, der wie austauschbar wirkt. Für einen guten Roman muss man daneben auch die Kunst beherrschen, selbst traurigsten Fällen noch ihre eigene, tragische Würde abzuringen, die aus ihnen erst unverwechselbare Schicksale macht.

In ihrer Kurzgeschichte Winken bis nach Buenos Aires, mit der Fricke 2005 den renommierten Nachwuchswettbewerb Open Mike gewonnen hatte, hatte die Schreibschul-Absolventin diese Kunst noch meisterhaft gezeigt. Ihre Erzählerin in der damaligen Siegergeschichte - erneut eine Stieftochter, die ihren ehemaligen Stiefvater kurz vor dessen Tod wieder trifft - rührte einen vor allem deshalb so an, weil sich in dieser Stimme beides fand: wehmütiger Verlustschmerz und trotziger Aufruhr. Umso mehr ist es schade, dass die Autorin diesen eigenwilligen Erzählsound beim nachfolgenden Romandebüt nun verloren hat.

Lucy Fricke: "Durst ist schlimmer als Heimweh", Roman, Piper Verlag, München 2007,
185 Seiten, 16,90 Euro.

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