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StartseiteKalenderblattSternstunde der Operngeschichte16.07.2007

Sternstunde der Operngeschichte

"Die Entführung aus dem Serail" wurde zum Triumph für Mozart

Vor 225 Jahren wurde im Wiener Burgtheater eine der noch heute erfolgreichsten Opern Wolfgang Amadeus Mozarts uraufgeführt: "Die Entführung aus dem Serail". Mozart hatte davor mit seinen ersten italienischen Opern in München Erfolge geerntet und schrieb in Wien seine komische Oper auf der Welle der damaligen Türkenmode. Er dirigierte die Uraufführung in Anwesenheit des Kaisers Joseph II. selbst und überwand sowohl gegnerische Intrigen als auch Probenprobleme.

Von Dietmar Polaczek

Porträt des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart um 1803. (AP / Mozarthaus Wien)
Porträt des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart um 1803. (AP / Mozarthaus Wien)

"Ein gewisser Mensch Namens Mozart, in Wien hat sich erdreistet, mein Drama 'Belmont und Constanze' zu einem Operntexte zu mißbrauchen. Ich protestiere hiermit feierlichst gegen diesen Eingriff in meine Rechte und behalte mir Weiteres vor."

Diesen denkwürdigen Protest soll Christoph Friedrich Bretzner veröffentlicht haben, als er von einer komischen Oper auf seinen Text hörte. Es war "Die Entführung aus dem Serail", uraufgeführt am 16. Juli 1782 im Wiener Burgtheater unter der Leitung des erst 26 Jahre alten Komponisten. Später allerdings bewies Bretzner Größe und erkannte Mozarts Genie.

Auf den Satz des kaiserlichen Auftraggebers, Josephs II.,

"zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart","


soll dieser ironisch erwidert haben:

""Gerade so viel Noten, Euer Majestät, als nötig sind."

In der Tat: keine Note zuviel, keine zuwenig. Die Uraufführung der "Entführung" ist eine Sternstunde der Operngeschichte. Warum? Erstens: Mozart, aus dem Dienst beim Salzburger Erzbischof durch den legendären Fußtritt des Grafen Arco verabschiedet, kam als freier Künstler voll Tatendrang nach Wien und war in der Abenddämmerung des Absolutismus auch künstlerisch freier als noch sein Lehrer Joseph Haydn. Zweitens war es die glücklichste Zeit seines Lebens: Er war verliebt in Konstanze Weber, und drei Wochen nach der Uraufführung seines Singspiels heiratete er sie, dem Vater zum Trotz.

Drittens tat Mozart, der Hunderte Textbücher las und ablehnte, mit der orientalischen Geschichte einen Glücksgriff: Die Türkengefahr war überwunden, aber noch in Erinnerung, die exotische Mode der imitierten Janitscharenmusik florierte.

Und das Happy End kommt von einem aufgeklärten Monarchen. Das gefiel dem Wiener Adel und Großbürgertum. Noch keine Spur von der frechen Attitüde der "Hochzeit des Figaro", deren Figuren keineswegs mehr nur gehorchen wollen, wie es ihrem untergeordneten Stand geziemt.

Auch ahnten schon die Zeitgenossen, dass Mozart in seiner "Entführung" komplexere Figuren schuf als die Stereotypen des Singspiels: die als Sklavin gehaltene Konstanze und ihre Dienerin Blondchen, der ungestüme Belmonte mit seinem Diener Pedrillo, der kommt, sie zu befreien, der Pascha, in Wahrheit kein Türke, sondern ein weiser Renegat aus dem Abendland, der komisch-grausame Haremswächter Osmin. Was tut es, wenn die psychologisch raffinierte Geschichte, die Mozart zusammen mit Gottlieb Stephanie dem Jüngeren nach Bretzners Vorlage ausgearbeitet hat, in Äußerlichkeiten unglaubwürdig ist? Seit 1974 wird die "Entführung" auch am Originalschauplatz gespielt: im Topkapi Sarayi, dem riesigen Palast des Padischah in Istanbul. Besonders komisch, von Mozart wohl beabsichtigt, wenn Belmonte vor dem türkischen Versailles unbedarft fragt:

"Ist das des Bassa Selim Haus?"

Am 20. Juli konnte Mozart befriedigt an seinen Vater schreiben:

"Ich hoffe Sie werden meinen letzten brief worinn ich ihnen die gute aufnahme meiner oper Berichtet habe, richtig erhalten haben. gestern ist Sie zum 2ten Male gegeben worden; - könnten sie wohl vermuthen dass gestern noch eine Stärkere Cabale war als am ersten abend? - der ganze Erste ackt ist verzischet worden. - aber das laute Bravo rufen unter den arien konnten sie doch nicht verhindern."

Und auch nicht den Siegeszug einer Oper, für die der Komponist nach einjähriger Arbeit 100 Dukaten bekam, weniger, als heute ein Popsänger in einer Woche verdient.

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