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StartseiteKultur heuteMit einer Berliner Lösung aus den Querelen?22.02.2016

Stiftung Flucht, Vertreibung, VersöhnungMit einer Berliner Lösung aus den Querelen?

Die Historikerin und Kulturmanagerin Gundula Bavendamm ist zur neuen Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gewählt worden. Sie steigt aus der Distanz in das Thema ein - aber ihre Chancen in der bisher durch unangemessene politische Ansprüche verschlissenen Stiftung sind beträchtlich, meint Martin Sander.

Von Martin Sander

Gundula Bavendamm (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
Gundula Bavendamm (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Kulturstaatsministerin Monika Grütters möchte der Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung endlich aus den Querelen heraushelfen. Um ihren Ruf als gewiefte Kulturpolitikerin zu wahren, muss bei der Neubesetzung des Direktorenpostens diesmal ein guter Schachzug gelingen. Der Stiftung fehlt eine kompetente Leitung - seit Langem. Gundula Bavendamm hat als Historikerin zu Themen der europäischen Geschichte, insbesondere der Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts gearbeitet. Sie hat sich als Kulturmanagerin und Ausstellungsmacherin profiliert. Seit 2010 leitet sie das Alliiertenmuseum in Berlin und wird dafür gelobt. Dieses Museum im Berliner Südwesten, dem ehemaligen amerikanischen Sektor, dokumentiert die Rolle der Westalliierten in der geteilten Stadt. Die Dauerausstellung zeigt den Alltag des Kalten Kriegs in Berlin. Auch über Großexponate verfügt man: ein Transportflugzeug, ein Stück Spionagetunnel, ein DDR-Grenzkontrollturm. Mit der Geschichte von Flucht und Vertreibung sei es im deutschen, sei es im europäischen und internationalen Kontext, hat das wenig zu tun. Aber gerade das könnte ein Vorteil sein.

Gründungsdirektor Kittel scheiterte mehrfach

Denn bislang hat sich die Stiftung vor allem durch unangemessene politische Ansprüche verschlissen, die an sie von interessierten Kreisen herangetragen wurden, vor allem von den deutschen Landsmannschaften und Vertriebenenverbänden. Der Stiftungsrat wurde noch zu Zeiten von Erika Steinbach und mit persönlicher Rücksicht auf sie mit einer großen Stimmenzahl der Landsmannschaften ausgestattet. Manfred Kittel, nationalkonservativer Gründungsdirektor seit 2009 von Steinbachs Gnaden, scheiterte auf dem Direktorensessel Ende 2014 gleich mehrfach. Er kam nicht mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern zurecht, ließ Managementqualitäten vermissen. Vor allem überging er die Meinung des international und hochkarätig besetzten wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung. Kittel beschränkte sich in seinem Stiftungskonzept immer wieder auf die deutschen Opfer. Das kam besonders bei den wissenschaftlichen Beratern der Stiftung aus Polen und Tschechien nicht gut an.

Vielleicht geht diesmal nichts schief?

Die Berufung von Manfred Halder, dem Leiter des Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Hauses, im Juni 2015 ließ Monika Grütters als Befreiungsschlag aus dem Kittel-Dilemma feiern. Doch nach einigem internen Hin und Her über die Ausstattung der Stiftung und des Direktors sagte Halder ab und blieb lieber in Düsseldorf.

Nun also Gundula Bavendamm, eine Direktorin, die aus der Distanz in das Thema von Flucht und Vertreibung einsteigt. Kaum etwas in der Vita der Historikerin deutet derzeit darauf hin, dass sie mit den Vertriebenenfunktionären im Stiftungsrat aneinandergerät. Eine Linke ist sie nicht. Ihre Chancen sind allerdings beträchtlich. Sie könnte eine spannende Dauerausstellung im umgebauten Deutschlandhaus etablieren, wenn sie die Chance wahrnimmt, nicht nur das Drama der deutschen Vertriebenen zu zeigen, sondern den Bogen glaubwürdig von den Flüchtlingsströmen des frühen 20. Jahrhunderts über den Zweiten Weltkrieg in Ost- und Mitteleuropa zu den erzwungenen Völkerwanderungen der Gegenwart zu schlagen. So ein Ort wird in der Tat gebraucht. Deutschland kann ihn bereitstellen. Mal sehen, ob es mit Gundula Bavendamm an der Spitze der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung klappen wird. Sollte wieder mal was schiefgehen, geht wenigstens für die in Berlin ansässige Museumsleiterin ein kleiner Fallschirm auf. Umzugskosten erübrigen sich - und neue Museumsposten gibt es immer mal wieder. Aber vielleicht geht ja diesmal gar nichts schief?

 

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