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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie die Quäker verfolgte Juden retteten06.11.2014

Stille HelferWie die Quäker verfolgte Juden retteten

In der NS-Zeit blieb für politische Verfolgte und Menschen jüdischen Glaubens spätestens seit den Pogromen im November 1938 nur noch ein Ausweg: Sie mussten Deutschland verlassen, um ihr Leben zu retten. Bei ihrer Flucht half ihnen auch eine Gruppe von Menschen, die bisher kaum beleuchtet wurde: die Quäker.

Von Hans Rubinich

Ein Gedenkstein erinnert in Leipzig an den Standort der früheren Synagoge. (dpa / Sebastian Willnow)
Ein Gedenkstein erinnert in Leipzig an den Standort der früheren Synagoge. (dpa / Sebastian Willnow)
Weiterführende Information

"Sprengt die Ketten"
(Deutschlandfunk, Politische Literatur (Archiv), 29.10.2007)

"Ich wollte mein Vaterland retten!"
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 11.08.2007)

Die Lage schien sich zu beruhigen. Drei Jahre nach dem Regierungsantritt Hitlers gönnte sich das Regime, so wirkte es, eine Verschnaufpause. Religiös und politisch Verfolgte fühlten so etwas wie ein Tauwetter. Sie dachten, das Schlimmste überstanden zu haben. Die Zahl der Auswanderer sank auf einen Tiefstand. Das hatte seinen Grund. 1936 war Deutschland auserkoren, die Olympischen Spiele auszutragen. Die Welt sollte ein friedliches Deutschland sehen und keine antijüdische Propaganda. Doch schon zwei Jahre später zeigte das Regime sein wahres Gesicht. In der sogenannten Reichkristallnacht brannten in Deutschland die Synagogen, die SA trieb Menschen jüdischen Glaubens durch die Straßen, zertrümmerte deren Geschäfte, schlug und mordete. Spätestens jetzt blieb für die Verfolgten des NS-Regimes nur noch ein Ausweg. Sie mussten Deutschland verlassen, wollten sie ihr Leben retten.

Einige hatten in Deutschland diese Entwicklung befürchtet, vielleicht auch vorausgesehen. Dazu zählte auch eine Glaubensgemeinschaft: "Die Religiöse Gesellschaft der Freunde", auch genannt die Quäker, wie die Soziologin Petra Bonavita herausgefunden hat.

"Sie haben vorausschauend gehandelt. Und zwar kann man das daran ersehen, dass sie bereits im April 1933 in London ein German-Emergency gegründet haben. Ein halbes Jahr später haben sie in Falkenstein im Taunus ein kleines Erholungsheim mit mehreren Zimmern eingerichtet, luden Gäste ein, die sich dort erholen sollten in den Wäldern des Taunus, nachdem sie einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hatten oder sogar einen Lageraufenthalt. Sie sollten wieder Pläne schmieden, ob sie hier leben können oder doch emigrieren. Das heißt, wo andere Leute noch gar nicht dachten, was alles in diesem Land passieren kann, haben die Quäker sofort gehandelt. Und das war wahrscheinlich auch der Grund, warum sie sofort wussten, was mit dem 9. November 1938 den Menschen bevorsteht. Dass es jetzt nicht mehr um Ausgrenzung geht, sondern ihr Leben bedroht ist."

Für alle da, die Hilfe brauchten

Etwa 270 Quäker lebten in dieser Zeit in Deutschland. Sie halfen politisch verfolgten Menschen und vor allem Menschen jüdischen Glaubens. Sie waren für alle da, die sich an sie wandten, so die Soziologin Petra Bonavita. Zwei Jahre lang hat sie recherchiert und ihre Ergebnisse nun veröffentlicht. "Quäker als Retter ... im Frankfurt am Main der NS-Zeit", so der Titel ihres Buches. Das Credo der Quäker, sich für alle Menschen einzusetzen, so die Soziologin, geht auf ihre lange Tradition zurück.

"Bei den Quäkern gibt es eine sehr enge Beziehung zwischen ihrem humanitären Glauben und ihrem Engagement. Das eine kommt wahrscheinlich ohne das andere nicht aus. Sie reden nicht nur von christlicher Nächstenliebe, sondern sie praktizieren sie. Und das haben sie zum ersten Mal hier in Deutschland gezeigt im Jahr 1919. Sie haben für eine Million Kinder einen Teller Suppe und einen Becher Milch organisiert."

Im nationalsozialistischen Deutschland setzten sich die Quäker weiter selbstlos für Menschen ein, die von den Nazis bedroht wurden oder um ihr Leben fürchten mussten. Es gab allerdings nur wenige Länder, die politisch Verfolgte und Menschen jüdischen Glaubens aus Deutschland aufnehmen wollten. Die USA etwa legte eine Quote von 25.000 pro Jahr fest. Großbritannien verfuhr hingegen viel großzügiger. Vor allem als die Regierung hörte, was in der Reichskristallnacht geschah. Es entstand eine einzigartige Konstellation zwischen dem britischen Konsulat in Frankfurt, seinem Generalkonsul Robert T. Smallbones und den deutschen und britischen Quäkern. Petra Bonavita:

"Am 10./11 November 1938 wurden in Frankfurt die jüdischen Männer aus ihren Wohnungen geholt, auf der Straße verhaftet und in die Festhalle gebracht. Dort wurden sie ein, zwei Tage festgehalten und anschließend - hauptsächlich - in die Konzentrationslager nach Buchenwald und nach Dachau deportiert. Einige Männer konnten Schutz finden im britischen Konsulat, auch einige Frauen und Kinder. Und eines Abends rief die Ehefrau des Konsuls, der zur Zeit in London weilte, ihren Ehemann an und sagte: Er müsse unbedingt etwas für die Menschen tun. Und Konsul Robert Smalbones in London ging ins Innenministerium und sprach mit den Beamten und die machten ihm wenig Hoffnung, dass an den Einwanderungsbestimmungen vorbei, noch weitere Flüchtlinge ins Land holen zu können. Der Konsul gab sich damit nicht zufrieden und wandte sich an den Innenminister, Sir Samuel Hoer. Er sprach mit ihm und stellt seinen Plan vor. Offensichtlich konnte sich der Innenminister damit anfreunden, der selbst aus einer Quäker-Familie stammte."

Schnell und unmittelbar

Der Plan sah vor, verfolgte Menschen aus Deutschland vorübergehend aufzunehmen. Smallbones suchte den zuständigen Gestapo-Leiter auf. Es gelang ihm, ihn davon zu überzeugen, die inhaftierten Männer freizulassen und die Ausreise zu veranlassen.

"Dabei halfen nun die Quäker, die mit ihren Kontakten zu ihren britischen Freunden diese Gastfamilien besorgten, die Reisekosten finanzierten, Gepäckkosten bezahlten. Also die Quäker waren insofern wichtig, weil sie sehr schnell, nicht über eine Hilfsorganisation, nicht über einen umständlichen Weg, sondern unmittelbar helfen konnten."

Das war nötig. Denn die Zeit zu helfen, wurde immer knapper. Es zeichnete sich ab, dass Hitler bald einen großen Krieg beginnen würde. Dann wären vermutlich die Grenzen ins Ausland dicht. Was tatsächlich auch so kommen sollte.

"Den Quäkern war das sehr wohl bewusst. Und sie hatten geplant, über eine längere Zeit so ein Auswanderungsprogramm durchzuführen, aber es wurde dann immer deutlicher, dass dieser Plan nicht umgesetzt werden konnte. Auch dem britischen Konsul war das auch sehr bewusst. Er hat höchstens drei, vier Stunden nachts geschlafen, um ja keine Minute vergehen zu lassen, um nicht wieder erneut einem Hilfesuchenden ein Transitvisum ausstellen zu können."

Anders als Deutschland wird heute in Großbritannien mehr über die Quäker in der NS-Zeit geforscht. Für die Historikerin Jennifer Taylor von der Universität London fällt der britischen Quäkerin Bertha Bracey eine besondere Rolle zu. Sie setzte sich dafür ein, dass jüdische Kinder so schnell wie möglich aus Deutschland gerettet wurden. Für diese Idee gewann sie auch das Jüdische Komitee, die Katholischen Hilfsgemeinschaften und die Church of England. Bertha Bracey ließ sich von einigen Quäkern berichten, was in Deutschland mit bedrohten Menschen passiert. Sie wandte sich an die britische Regierung und trug vor, was sie gehört hatte. Chamberlin zögerte zunächst, stimmte dann aber zu. Bedrohte Kinder aus Deutschland sollten in Großbritannien Unterschlupf finden in Heimen oder Gastfamilien. Damit war der Weg frei. 10.000 Kindern gelang es von Januar 1939 bis zum September, also bis zum Kriegsbeginn auch mit Hilfe der Quäker Deutschland zu verlassen.

Kontakte nach Großbritannien

"Und in diesem Fall war wieder der Kontakt zu den britischen Freunden der Quäker sehr wichtig, da sie bei den Familien direkt anfragen konnten, ob sie ein Kind aufnehmen oder ob sie Geld sammeln."

Daneben begleiten die Quäker die Züge, in denen die Kinder von Deutschland nach Großbritannien fuhren. Die Quäker kümmerten sich vorab um die nötigen Ausreisepapiere. In ihrem Buch zeigt Petra Bonavita auch auf, wie die Kinder gerettet wurden. Viele von ihnen sahen ihre Eltern nicht wieder. Die meisten von ihnen wurden am Ende deportiert.

"Einer der Fälle, die ich in meinem Buch vorstelle, ist das kleine Mädchen Lore Gotthelf, die damals 13 Jahre alt war. Ihre Eltern gingen in die Westend-Synagoge, und wendeten sich trotzdem an die Quäker, die es auch schafften, für Lore eine Gastfamilie, ein Ehepaar in der Nähe von Birmingham zu finden. Und organisierten ihre Ausreise dahin.

Lore hat dann als sie 16, 17 Jahre alt war, in einer Fabrik gearbeitet. Sie hat dann an ihrem neuen Ort in Birmingham einen Mann kennengelernt, der ebenfalls ein Emigrant aus Berlin war und sie haben dann 1944 geheiratet. Der gleiche Rabbiner aus der Westendsynagoge, Georg Salzberger, hat sie dann in London getraut.

Die Hochzeit fand ohne die Eltern statt. Lore wird zu dieser Zeit keine Nachricht davon erhalten haben, dass ihre Eltern mittlerweile deportiert wurden. Erst nach dem Krieg, 1945, hat sie von dem Schicksal ihrer Eltern gehört."

Mit Kriegsbeginn endeten die Transporte

Wie es den Kindern erging, zeigen ihre Erinnerungen auf der britischen Homepage der Quäker. Deutlich wird: Manchmal war es für die Gastfamilien nach Kriegsende nicht leicht gewesen, sich wieder von ihren Pflegekindern zu trennen. Das belegt auch ein bisher unveröffentlichter Briefwechsel eines Kindes mit seinen Eltern, den das Fritz Bauer-Institut in Frankfurt gerade auswertet. In einem Brief an seine Eltern - ihnen gelang die Ausreise nach Palästina - schrieb die Betreuerin an die Eltern:

"Es tut uns allein leid, Thomas zu verlieren. Aber wir glauben, dass es für Sie wichtig ist, dass Sie ihn wiederhaben, so lange er noch ein kleiner Junge ist. Es ist sehr schade, dass Sie bereits einen Teil seiner Kleinkindzeit versäumt haben. Er ist ein liebenswerter kleiner Junge."

In Deutschland endeten die Kindertransporte bei Kriegsbeginn. Von Holland aus ging der letzte Zug mit Kindern nach Großbritannien am 14. Dezember, so die britische Historikerin Jennifer Taylor.

In Deutschland war damit die Arbeit für die Quäker nicht getan. Sie boten Verfolgten Verstecke an. Eine von ihnen war die Quäkerin Else Wüst. Als Kriminalkommissarin wurde sie schon 1933 in Frankfurt entlassen. Else Wüst war SPD-Mitglied. Sie gründete daraufhin ein Therapiezentrum. Mit den Einnahmen finanzierte sie auch Rettungsaktionen.

Der heute 70jährige Hans Harro Lendler hat in dem Haus von Else Wüst gelebt. Er und seine Familie wurden Ende des Krieges ausgebombt. Sein Vater kannte Else Wüst. Jetzt – da die Familie kein Dach mehr über den Kopf hatte – suchte seine Mutter den Kontakt zu Else Wüst.

Leider noch kein Denkmal

"Da hat Else Wüst ihr geschrieben. Wenn du auf der Straße stehst, dann komm mit den Kindern. Also sie war spontan bereit, sie aufzunehmen. Oder zu helfen. Das hat meine Mutter nicht gemacht. Sie hat eine Notwohnung zugewiesen bekommen."

Doch dann entschloss sie sich, das Angebot von Else Wüst anzunehmen. Else Wüst nahm die Familie sofort auf. Das sei nicht selbstverständlich gewesen, meint Hans-Harro Lendler heute rückblickend. Sein Vater sei ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Heinz Harro-Lendler würde ihr am liebsten ein Denkmal setzen. Stellvertretend für alle Quäker, die Menschen in der NS-Zeit geholfen hatten. Das würde Buchautorin Petra Bonavita auch begrüßen. Doch es gibt kein Denkmal von Else Wüst und auch nicht von all den anderen Quäkern, die mit halfen, verfolgten Menschen in der NS-Zeit zu retten. Petra Bonavita:

"Ich finde es interessant, dass es Menschen gab, in diesem Fall die Quäker, die schon sehr früh erkannt haben, wo dieses System einmal hinführt. Und die Quäker haben sich dem gestellt. Und sie haben genau das getan, was man tun konnte.

Petra Bonavita: "Quäker als Helfer ... im Frankfurt am Main der NS-Zeit"
Schmetterlings-Verlag, Oktober 2014, 19,80 Euro.

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