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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteThemen der WocheStolz ohne Vorurteil10.07.2010

Stolz ohne Vorurteil

Der Fußball und der Patriotismus

Als 2006 zur Fußball-WM in Deutschland eine schwarz-rot-goldene Begeisterungswelle übers Land schwappte, kommentierten ausländische Stimmen, die stets als selbstzerquält geltenden Exportweltmeister seien endlich in der patriotischen Normalität angekommen.

Von Norbert Seitz, Deutschlandfunk

Fußball-WM 2010: Soviel Public Viewing, Flaggen und Autokorsos waren noch nie. (AP)
Fußball-WM 2010: Soviel Public Viewing, Flaggen und Autokorsos waren noch nie. (AP)
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"Der dritte Platz müsste doch drin sein"

Wir Deutsche seien im "Sommermärchen" tatsächlich andere geworden, jedenfalls weniger verklemmte Zeitgenossen, gerieten sogar ansonsten eher coole Beobachter ins Schwärmen. Die Partystimmung im Lande wurde seinerzeit vom Spiel einer über sich hinauswachsenden deutschen Elf forciert, die vom Motivationstalent Klinsmann gepusht wurde, und den enthusiasmierten Fans von Spiel zu Spiel Lust auf mehr machte.

Weshalb Bedenkenträger auch damals nicht müde wurden, den Spaßfaktor am national gefärbten Freudentaumel besonders hervorzukehren, um das Patriotische ja nicht an sich herantreten zu lassen. Gelassenere Gemüter begrüßten jedoch den plötzlich so spielerischen Umgang mit nationalen Symbolen.

Kaum jemand hatte seither damit gerechnet, dass dem deutschen "Sommermärchen" ein südafrikanisches folgen könnte. Uli Hoeness unkte über eine zu erwartende FIFA-Katastrophe im schwarzen Kontinent und eine offene Zockerpartie um die Vertragsverlängerung von Bundestrainer "Jogi" Löw hatte noch im Frühjahr für schlechte Stimmung im deutschen Lager gesorgt.

Von den sportlichen Erwartungen nicht zu reden. Sie sollten sich in eher bescheidenen Grenzen halten, nicht nur wegen der Verletzung von Kapitän Michael Ballack: Endstation - Viertelfinale - Argentinien. Mehr hatten die meisten – Hand aufs Herz - Jogis Jungs nicht zugetraut.

Doch dann kam alles anders. Mit dem überwältigenden Auftaktsieg gegen Australien wurde erneut eine Begeisterungswelle im Lande freigesetzt, die den Freudentaumel des deutschen Sommermärchens noch übertreffen sollte. Soviel Public Viewing, Flaggen, Verkleidung, Autokorsos und Hupkonzerte waren noch nie.

Meinungsforscher, die der Verbreitung nationaler Symbolik auf der Spur sind, haben die Nachhaltigkeit eines neuen, eher ungefährlichen Patriotismus weithin bestätigt. Danach witterten nur noch verschwindende zwei Prozent hinter einem schwarz-rot-goldenen Flaggenkult bei Großturnieren einen latent schlummernden deutschen Nationalismus. Außerdem scheint unbestritten, dass sich hinter der Wiederentdeckung des Nationalen auch ein Art Protest oder Gegenwehr wider die Tendenzen einer alles verschlingenden Globalisierung verbirgt.

Letztlich ist es aber das deutsche Team aus Lahm, Lukas und Leidenschaft selber, das wie ein leibhaftiges Dementi aller Nationalismusängste erscheint. Zum einen ist es das frappierend undeutsche Spiel der DFB-Equipe. Denn so kunstvoll, spielerisch leicht, lässig und unverkrampft kickten deutsche Recken noch nie. Ebenso verlieh die vielbestaunte multiethnische Besetzung des deutschen Teams aus den Özil und Khedira, von Boateng bis zu den Bayern dem deutschen Spiel einen Hauch von disziplinierter Exotik.

Schließlich trug das seit einiger Zeit gepredigte Umdenken im deutschen Fußball bei der Talentförderung Früchte. Viel zu lange hatte ein heroisierender Mannschaftsmythos im Vordergrund gestanden, waren graue Teamplayer oder selbstlose Rumpelfüßler wichtiger genommen worden als feine Individualisten und durchsetzungskräftige Führungstypen.

Doch den Himmelsstürmern um Schweinsteiger wurden im Semifinale von den schlafwandlerisch kombinierenden Iberern deutlich die Grenzen ihrer nicht unbeträchtlichen Spielkunst aufgezeigt.

Seitdem ist der Zauber wieder der Profanität des Fußball-Alltags gewichen, im Kampf um die Kapitänsbinde und Löws Verlängerung.

Und auch das mag zur neuen nationalen Normalität gehören: Dass sich die enttäuschten Spieler lieber gleich in den wohlverdienten Urlaub mit ihren Familien davon machen wollen, als mit dem Bronzelorbeer auf einem langen Laufsteg am Brandenburger Tor von sentimentalen Fans weiter angehimmelt zu werden.

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