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StartseiteBüchermarktStrahlungen und Strahlen01.02.2009

Strahlungen und Strahlen

Der Briefwechsel zwischen Margret Boveri und Ernst Jünger, 1946 bis 1973.

Am Anfang schreibt Ernst Jünger noch an das Fräulein, erst später an Frau Boveri. Und dann setzt Jünger statt des "i" ein "y", so dass man meinen könnte, er habe bei seiner neuen Briefpartnerin zunächst an Gustave Flaubert und Madame Bovary gedacht.

Besprochen von Matthias Sträßner

Ernst Jünger 1998 (AP Archiv)
Ernst Jünger 1998 (AP Archiv)
<p>Aber die Absenderin hieß Boveri, Margret Boveri. Auf den Briefen vermerkt sie als Absender: Berlin- Dahlem, Thielallee, oder auch: Höfen bei Bamberg.<br />Margret Boveri wurde am 14.August 1900 in Würzburg geboren. Ihr Vater, Theodor Boveri, war Professor der Zoologie. Ihre Mutter Marcella eine Amerikanerin und eine geborene O`Grady. Ihr Onkel war Walter Boveri, Mitbegründer der Firma Brown, Boveri &Cie. Fast zur Familie Boveri zählt auch der 1901 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923), der nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1915 zeitweise ihr Vormund wird. Wenn Margret Boveri später zu den "großen" Geburtstagen Ernst Jüngers, so 1960 oder 1975, Rezensionen zu seinen Werken schreiben und in großen Zeitungen platzieren wird, vergisst sie auch nicht zu erwähnen, dass Ernst Jünger in eben dem Jahr geboren ist, in welchem "Onkel Röntgen" die nach ihm benannten Strahlen erfunden hat: 1895.<br /><br />Zu der Zeit, als der Briefwechsel einsetzt, 1946, ist der ausnehmend gute Ruf der Margret Boveri als Journalistin sicher gegründet. 1939 wird sie Auslandskorrespondentin für die Frankfurter Zeitung. Ihre erste Station ist Stockholm, die zweite, von 1940 bis 1942, ist New York. Zwischen 1942 und 1944 wirkt sie in Lissabon und Madrid, weil Boveris Auftraggeber nicht zu Unrecht davon ausgehen, dass dort, ganz im europäischen Westen, der Blick hinüber nach Amerika noch am besten ist.<br />Margret Boveri gehörte nicht zur nationalsozialistischen Bewegung. Sie wird aber Armin Mohler in einem Brief am 15. Juni 1950 schreiben, dass sie zwar "aus dem liberal-demokratischen Lager stamme", 1938 aber eine entscheidende Wendung gemacht habe. Von der deutschen Außenpolitik vor Kriegsausbruch ist sie zeitweise so begeistert, dass sie dem Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Paul Scheffer (- zu dessen Kreis, der sog. "Scheffer- Garde", sie sich immer zugehörig fühlte-) am 23. August 1939 schreiben kann, nun sei sie "fast reif für den Eintritt in die Partei." Diese Haltung fremden Personen zu vermitteln, zumal im Ausland, und noch dazu, wenn es sich um Emigranten handelte, war für Margret Boveri nicht einfach. Im Falle Carl Zuckmayers versuchte sie es während ihres Amerika-Aufenthaltes am 14. September1941auf folgende Weise:<br /><br /><em>"In Europa hätte ich nicht unternommen, an Sie zu schreiben. Aber die hiesige Gegend scheint mir arm an Menschen (das ist wahrscheinlich meine Schuld, indem ich sie nicht aufspüre oder erkenne), und so scheint mir die Frage, ob es möglich wäre, Sie kennen zu lernen, hier erlaubt zu sein. Ich muss aber gleich hinzufügen, dass ich zu einer Gattung gehöre, mit der sie vielleicht in keine Berührung kommen wollen: in Deutschland würde mich zwar niemand zu den >Nazi< rechnen; aber nach dem hiesigen Sprachgebrauch bin ich es, als Korrespondentin für die >Frankfurter Zeitung< und mit einem deutschen Paß versehen, der mich (wie ich hoffe) wieder heimbegleiten wird, wenn der Krieg hier ausbricht. Ich gehöre halt zu denen, die meinen, man könne seiner Idee vom Deutschsein drinnen wie draußen dienen, und die die hier nahezu unüberbrückbare Kluft zwischen >Refugees

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