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StartseiteKultur heuteDie National Gallery zeigt Kunst der deutschen Renaissance24.02.2014

"Strange Beauty"Die National Gallery zeigt Kunst der deutschen Renaissance

Welchen Aufruhr löste William Gladstone aus, als er 1854 für das Museum die 64 Werke früher deutscher Kunst der Sammlung Krüger aus Minden kaufen ließ! Das mächtige Mitglied des Stiftungsrats und Schatzkanzler der Regierung Ihrer Majestät Königin Viktoria wurde in der Presse beschimpft, eine Zeitung nannte die Gemälde "schrecklich". Einen Restbestand der Werke zeigt nun die National Gallery.

Von Hans Pietsch

Zu sehen ist die Front der National Gallery in London mit ihrem Säulenvorbau und großer Kuppel. (picture alliance / dpa)
Die National Gallery in London (picture alliance / dpa)
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Strange Beauty: Masters of the German Renaissance. National Gallery. 19. Februar - 11. Mai 2014. Internet: www.nationalgallery.org.uk

Der geschundene Körper Christi am Kreuz ist ausgemergelt. Der Schmerz hat den Körper eines mit ihm gekreuzigten Sünders wie einen Flitzbogen verkrümmt. Zu Füßen des Kreuzes liegt ein Totenkopf, im Hintergrund beginnt schon die Kreuzabnahme. So sehen Leiden und Tod aus, wie sie drastischer nicht darzustellen sind.

Die um 1490 entstandene "Kreuzigung" stammt von dem "Meister des Aachener Altarbilds", von dem das Museum den zentralen Flügel besitzt. Er ist heute ein Juwel der Sammlung. Das war nicht immer so. Schönheit, so sagt der Titel der Schau, ist nichts Absolutes, nichts Dauerhaftes, sondern abhängig vom herrschenden Geschmack. Im 19. Jahrhundert galt die deutsche Kunst, keineswegs als "schön". Sie sei zu "realistisch, zu hart", wie Kuratorin Susan Foister es ausdrückt. Die italienische Kunst war angesagt, die 1824 gegründete National Gallery war voll von ihr.

Welchen Aufruhr löste da William Gladstone aus, als er 1854 für das Museum die 64 Werke früher deutscher Kunst der Sammlung Krüger aus Minden kaufen ließ! Das mächtige Mitglied des Stiftungsrats und Schatzkanzler der Regierung Ihrer Majestät Königin Viktoria wurde in der Presse beschimpft, eine Zeitung nannte die Gemälde "schrecklich". Im Unterhaus wurde der Kauf als "schlimmster Erwerb" bezeichnet. Zwei Jahre später bestimmten die Parlamentarier, dass 37 Gemälde wieder veräußert werden durften - ein in der Geschichte des Museums einmaliger Vorgang.

Einige der verbliebenen Werke sind im zweiten Raum zu sehen, etwa das Liesborner Altarbild aus der gleichnamigen Benediktinerabtei, mit dem auf Goldgrund gemalten Gekreuzigten als Zentrum. Doch was da sonst noch hängt, ist nur von mittlerer Qualität, mit Ausnahme des "Porträts einer Frau aus der Familie Hofer" eines unbekannten schwäbischen Meisters, der auf den kunstvoll gefalteten weißen Kopfschmuck eine mit ungeheurer Präzision gemalte Fliege gesetzt hat.

Die Zeichnungen und Stiche im nächsten Raum heben die Schau dann auf eine höhere Ebene. Da ist ein gruseliger "Abgeschlagener männlicher Kopf" von Hans Burgkmair, zwei Studien von Albrecht Dürer für "Melencolia I" hängen neben dem fertigen Stich, ein Blatt mit "Zwei Studien für Männerköpfe" von Hans Baldung Grien kann es mit den besten italienischen Zeichnungen der Zeit aufnehmen.

Altbekanntes - nicht mehr

Der nächste Raum verspricht dann Arbeiten der drei größten Meister: Albrecht Dürer, Lucas Cranach d.Ä. und Hans Holbein d.J., und als Londoner freut man sich auf Leihgaben aus Dresden, München oder Wien, die den vertrauten Beständen gegenüber gestellt werden. Doch nichts dergleichen - lediglich die Bilder, die man seit Jahren kennt: Holbeins exquisite "Dame mit Eichhörnchen und Star" und sein Porträt "Christina von Dänemark", das er 1538 für seinen Dienstherrn Heinrich den Achten malte, der die junge Schöne heiraten wollte. Cranachs "Venus mit Amor als Honigdieb", mit ihrer erstaunlichen Alabasterhaut, hängt neben Dürers seit Langem umstrittenen "Heiligen Hieronymus", und als Krönung Holbeins monumentales Porträt "Die Gesandten", zu deren Füßen sich ein verzerrt als Anamorphose gemalter Totenschädel erstreckt.

Nun ist es für ein Museum völlig legitim, in Sonderausstellungen die eigene Sammlung in neuen Kombinationen vorzustellen. Das wirft nicht nur auf vertraute Werke ein neues Licht, sondern spart auch Geld. Doch dazu braucht es ein starkes Konzept, "Meisterwerke deutscher Renaissance" - was immer das auch sein mag - ist das nicht. Wer lediglich berühmte Werke vom Hauptgeschoss, wo sie kostenlos zu besichtigen sind, in die für Wechselausstellungen vorgesehenen Räume im Souterrain verfrachtet, wo sie dazu noch schlechter ausgeleuchtet sind, darf dafür nicht auch noch Eintritt verlangen.

 

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