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StartseiteCampus & KarriereStrategien gegen Cybermobbing15.02.2012

Strategien gegen Cybermobbing

Hauptschullehrer: Soziales Lernen ist Basis für verantwortungsvollen Umgang mit Medien

Immer mehr Schüler werden Opfer von Pöbeleien bei Facebook und Co. Medienkompetenz und -erziehung sowie ein vernünftiger sozialer Umgang an Schulen sind wichtige Voraussetzungen, um das Mobben per Mausklick zu verhindern, meint Marcus Lübke. Der Hauptschullehrer ist Autor des Buches "Gewaltprävention 2.0".

Marcus Lübke im Gespräch mit Manfred Götzke

Jeder dritte Schüler war schon Opfer von Pöbeleien bei Facebook und Co. (AP)
Jeder dritte Schüler war schon Opfer von Pöbeleien bei Facebook und Co. (AP)
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Manfred Götzke: Was dieser Schüler hier beschreibt, das ist alles andere als ein Randphänomen, eher ein klassischer Fall von Cybermobbing. Jeder dritte Schüler war schon Opfer von Pöbeleien bei Facebook und Co., und die Lehrer, die sind meist ratlos, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie überhaupt davon erfahren, dass ihr Schüler Mobbing-Opfer wurde. Cybermobbing, das ist dieses Jahr auch Schwerpunktthema hier auf der Didacta in Hannover. Psychologen, Kriminologen und Lehrer diskutieren darüber. Einer davon ist Marcus Lübke, Lehrer und Autor des Buches "Gewaltprävention 2.0", und er ist jetzt bei mir. Hallo, Herr Lübke!

Marcus Lübke: Hallo, Herr Götzke!

Götzke: Herr Lübke, kennen Sie solche Fälle wie den, den wir gerade gehört haben, auch aus Ihrem persönlichen Schulalltag?

Lübke: Ja, aus meinem persönlichen Lehreralltag kenne ich solche Fälle sowohl auf Schülerseite als auch auf Lehrerseite. Es wird also in beiden Fällen Mobbing-Fälle geben. Ich würde auch fast sagen, an fast jeder Schule bis auf die Grundschulen vielleicht.

Götzke: Beschreiben Sie doch mal einen Fall, den Sie so erlebt haben an ihrer Schule.

Lübke: Ein klassischer Fall, der die Schüler betrifft: Ein Schüler wurde von seiner Freundin verlassen und hat sich darüber so geärgert, dass die Schülerin als auch die Mutter der Schülerin über Facebook frei beleidigt wurden.

Götzke: Das Problem bei Cybermobbing ist ja, wenn diese wüsten Diffamierungen, diese Beleidigungen im Netz stehen, bei Facebook stehen, die kriegt man da nicht mehr raus, die Schüler werden zum Gespött der Schule, die gesamten Freunde erfahren davon – was kann man da überhaupt noch tun als Lehrer?

Lübke: Also ganz wichtig ist erst mal, um auch dem Schüler zu helfen, ihm die Möglichkeit zu geben, beratend ihm zur Seite zu stehen, also den Schülern auch immer sagen, wende dich an eine Person deines Vertrauens. Nutze nicht unbedingt deine Facebook-Freunde, denn die Frage steht auch im Raum, sind das wirklich Freunde. Und ansonsten wäre dann ein klärendes Gespräch, um die Schwere dieses Vorfalls erst mal zu analysieren, angesagt.

Götzke: Voraussetzung ist, dass sich die Schüler an die Lehrer wenden.

Lübke: Richtig. Das heißt, das positive Schulklima, ein vernünftiger sozialer Umgang an Schulen, ist natürlich eine ganz wichtige Voraussetzung, um überhaupt Gewaltphänomene aller Art so ein bisschen präventiv entgegenzuwirken. Aber beim Thema Cybermobbing kommt dann eben noch dazu, dass man auch eine gewisse Medienkompetenz vorweisen sollte, um die Sachen auch einschätzen zu können.

Götzke: Dann ist natürlich die Frage, wo bekommen die Lehrer diese Medienkompetenz her? Also das Problem ist ja einerseits, die Lehrer können nicht unbedingt erfahren, dass Schüler Cybermobbing-Opfer sind – sie können ja nicht täglich die Facebook-Profile ihrer Schüler checken. Was sollen sie also tun?

Lübke: Also aus meiner Erfahrung heraus, wenn es eine Lehrkraft gibt, oder vielleicht alle Lehrkräfte an einer Schule Vertrauen zu ihren Schülern aufbauen, dass sie authentisch sind, dass man sich gegenseitig wertschätzt, dann ist sehr viel gewonnen, denn dann erfährt man als Lehrer unheimlich viel über Schüler. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen auch, dass diejenigen Jugendlichen, die sogenannten Bystander, die also von Cybermobbing-Fällen etwas mitbekommen und dann aber auch aktiv werden, um ihnen zu helfen, die dann die Mobber kontaktieren und in die Schranken weisen, dass das genau die Schüler sind, die etwas mit Empathie anfangen können, die sich also in andere hineinversetzen können, und da muss Schule einfach aktiv sein.

Götzke: Ihr Buch heißt "Gewaltprävention 2.0". Es geht um Prävention, wie kann die bei diesem Thema aussehen?

Lübke: Gewaltprävention heißt natürlich in dem Falle, dass neue Medien – und das interaktive Internet gehört ja ganz klar dazu – in Kombination mit Medienerziehung zur Gewaltprävention führen. Und ganz, ganz kurz gesagt – wir haben ja nicht viel Zeit –, will ich sagen, Schüler einbinden in Medienprojekte, Schüler beteiligen, Schüler aus dem Eck herausholen, dass sie nur rezeptive Lerner sind.

Götzke: Wie läuft das bei Ihnen persönlich im Unterricht ab?

Lübke: Wir haben seinerzeit Schüler, die mit solchen Fällen konfrontiert waren, Cybermobbing et cetera, mit in eine Medien-AG geholt, und dort konnten die Schüler ihre Medien, die sie auch so im Alltag benutzten – Handy, Computerspiele, Computer-Internet – aktiv nutzen, um Schülerzeitungen zu gestalten, Beiträge zu gestalten, Software zu testen, und sie haben dann erfahren, dass man mit Medien auch sinngerichtet arbeiten kann, denn Schüler sind heute zwar technisch versiert, oder viel versierter auch als wir Erwachsene, aber sie sind nicht unbedingt kompetent im Umgang damit.

Götzke: Sie wissen auch nicht unbedingt, was sie anrichten, wenn sie Mitschüler mobben bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken.

Lübke: Genau, das wäre dann das Thema Empathie, das man schon im Übrigen ab Klasse eins Schülern vermitteln kann, ohne dass man Medientechnisch überaus kompetent ist als Lehrkraft, denn wie gesagt, das soziale Lernen ist eigentlich die Grundbasis dafür, dass man auch hinterher verantwortlich mit Medien umgeht und andere nicht diffamiert.

Götzke: Was tun gegen Cybermobbing – darüber habe ich mit Marcus Lübke gesprochen. Er ist Autor des Buches "Gewaltprävention 2.0". Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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