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StartseiteThemen der WocheStrategiewechsel am Hindukusch02.01.2010

Strategiewechsel am Hindukusch

Die Afghanistan-Politik

Raus aus Afghanistan? Ja, aber wie? Wenn der Westen sich in wenigen Jahren mit seinen Armeen zurückgezogen hat aus Afghanistan, was bleibt dann für ein Land? Sicherlich keine Demokratie. Und sicherlich auch kein funktionierender Staat, der den Menschen Stabilität und eine zuverlässige Grundversorgung liefert, Schulbildung garantiert oder gar Gerechtigkeit vor dem Gesetz.

Von Susanne Koelbl, "Der Spiegel"

ISAF-Soldaten patrouillieren in Nordafghanistan. (AP)
ISAF-Soldaten patrouillieren in Nordafghanistan. (AP)

Wenn es sehr gut läuft, wird in frühestens fünf Jahren ein Land entstanden sein, das sich mit eigenen Sicherheitskräften und anhaltender US-Hilfe eine gewisse Zeit selbst erwehren kann gegen Angriffe Aufständischer aller Art. Mit seinen schwierigen Nachbarn und den seit Jahrzehnten schwelenden ethnischen Konflikten bleibt Afghanistan aber auch dann ein fragiler Raum, ähnlich wie Kongo, Palästina oder Kaschmir.

Werden die politischen Konflikte in den nächsten Jahren nicht gelöst, dürfte dies letztlich erneut zur Teilung des Landes führen: in einen paschtunischen Süden, der von den Taliban beherrscht und von Pakistan beeinflusst wird. Und einen kleineren, tadschikisch-usbekisch dominierten Norden, unterstützt von Iran. Die Allianz im Norden und die Paschtunen im Süden werden sich dann wieder verfeindet gegenüberstehen.

Dies beschreibt in etwa den Zustand, der schon vor dem 11. September 2001 in Afghanistan herrschte.

Mit einem Unterschied: Damals war der Stellungskrieg zwischen Nord und Süd nicht unser Krieg. Afghanistan war weit weg und die vielen Hunderttausende Opfer, die der Kampf rivalisierender Islamisten- und Milizengruppen seit dem Abzug der Sowjet-Armee im Jahr 1989 forderte, waren zu bedauern. Aber es war nicht unmittelbar unsere politische Verantwortung. Zumindest nicht die der Deutschen.

Heute ist das anders. Die Deutschen kamen vor acht Jahren als Verbündete der Amerikaner nach Afghanistan, um einem der ärmsten Länder der Welt beim Aufbau zu assistieren. Mit besten Absichten. Heute findet sich die Bundeswehr, für viele überraschend, in einer der schwierigsten Kriegszonen der Welt - unter Feuer.

Der Fehler liegt im Anfang. Die Amerikaner hätten das Talibanregime nicht militärisch stürzen dürfen. In ihrem eigenen Interesse. Auch sie haben die Folgen dieser Invasion völlig unterschätzt. Bis heute ist der El-Kaida-Gründer Osama Bin Laden nicht gefunden, das Terror-Problem nicht geringer geworden. Und die größte Verteidigungsarmee der Welt, die NATO, kämpft dort einen Abnutzungskrieg, der weder vom Westen, noch von den Taliban gewonnen werden kann.

Der falsche Anfang lässt sich nicht ungeschehen machen.
Wer jetzt den sofortigen Abzug der westlichen Armeen fordert, muss auch die Folgen ertragen: Die Taliban übernehmen nach schweren Kämpfen die Macht in Kabul und bieten verschiedenen internationalen Terrorgruppen Unterschlupf. Lokale Milizen ringen blutig um die Macht und Zehntausende Kollaborateure, die mit den Amerikanern, der ISAF-Schutztruppe und der Karsai-Regierung zusammengearbeitet haben, werden gejagt, gefoltert und gelyncht.

Deshalb ist der Westen nun gemeinsam mit der schwierigen und ungeliebten Regierung in Kabul zum Erfolg verdammt.


Soldaten können den Frieden weder herbeipatrouillieren, noch herbeibomben. Sie schaffen lediglich Raum und kaufen Zeit, damit die Regierung und die zivilen Kräfte nachrücken können. Dann aber muss der Dorfpolizist auch kommen, der Richter, der Landwirtschaftsexperte und die Verwaltungsbeamten. Hier liegt das Versäumnis der vergangenen Jahre: Es gab nicht zu wenig Militär, sondern zu wenig ziviles Engagement. Die Sünde ist der nicht stattgefundene Aufbau in den Provinzen, in den Distrikten und den Dörfern.

Noch entscheidender wird sein, welche Ergebnisse die Friedensgespräche der afghanischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft bringen. Wesentlich sind gleichzeitig viele und ebenfalls sehr schwierige Verhandlungen mit lokalen Milizen der Taliban.

Wegen der immensen Herausforderungen kommt auch auf die Deutschen erneut die Forderung nach mehr Soldaten und mehr zivilem Engagement zu. Dies stößt bei den Bürgern auf Widerstand. Die meisten wünschten, der Albtraum Afghanistan wäre morgen einfach zu Ende.

Um Afghanistan so schnell wie möglich zu verlassen, könnte eine Debatte helfen, wie die Deutschen dort überhaupt hineingeraten sind, blauäugig, mit völlig falschen Vorstellungen vom Land und ohne Erfahrung, was ein möglicher Krieg und die Anforderungen ihrer amerikanischen Verbündeten bedeuten.

Zu beantworten ist, wie viel Solidarität schulden wir unseren Verbündeten und vor allen Dingen, wie viel Engagement schulden wir den Afghanen, denen wir nach einem Abzug aus ihrem Land zumindest eine minimale Ordnung hinterlassen müssen.

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