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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchlechte Bezahlung ist Teil des Geschäftsmodells21.12.2017

Streik bei RyanairSchlechte Bezahlung ist Teil des Geschäftsmodells

Die schlechten Arbeitsbedingungen für Piloten bei der Billigfluglinie Ryanair seien seit Langem bekannt, kommentiert Mischa Erhhardt. Dass es jetzt zu Streiks komme, habe das Unternehmen billigend in Kauf genommen. Leidtragende seien die Kunden - die aber auch eine Mitverantwortung trügen.

Von Mischa Ehrhardt

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Eine Flugzeug der Fluglinie Ryanair am Airport Niederrhein in Weeze Laabruch. Früher war dies ein englischer Militärflughafen (imago /  Markus van Offern)
Ein Flugzeug der Fluglinie Ryanair am Boden auf dem Flughafen in Frankfurt/Main. Das könnte häufiger vorkommen, die Piloten wollen streiken (imago / Markus van Offern)
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Das Problem schlechter Arbeitsbedingungen und ebenso schlecht bezahlter Piloten bei Ryanair ist seit Langem bekannt. Und aktuell beklagen die Piloten und Mitarbeiter der Ryanair zudem die Willkür, mit der der Konzern über seine Angestellten verfügt. Das alles ist möglich, weil Ryanair Arbeitnehmervertretungen bislang systematisch verhindern konnte. Der Konzern hat dabei ziemlich rüde Methoden angewendet, um Proteste schon im Keim zu ersticken. Rundschreiben ergingen etwa an die Mitarbeiter. In denen warnte Ryanair vor Jobverlust, sollten sich Mitarbeiter an Arbeitnehmervertreter wenden.

Ryanair laufen angesichts der Zustände die Piloten davon

Solche Zustände sind inakzeptabel und müssten im Europa des 21. Jahrhunderts eigentlich obsolet sein. Dass die Piloten - und in der Folge vielleicht auch die übrigen Mitarbeiter bei Ryanair - nun Rückenwind spüren, liegt an der Tatsache, dass Ryanair angesichts der Zustände die Piloten davonlaufen. Und das können sie, weil der Wettbewerb funktioniert und die Flugbranche läuft: Expandierende Fluglinien im Nahen Osten, aber auch in Europa suchen händeringend nach Piloten. Sie übernehmen gerne Pilotinnen und Piloten von Ryanair. Bei 25 Prozent liegt der Pilotenschwund bei Ryanair in diesem Jahr nach Angaben der Vereinigung Cockpit - das ist rekordverdächtig.

Natürlich trifft ein Streik nun auch die, die am wenigsten für diese Verhältnisse können: die Kunden. Aber die Schuld dafür tragen nicht die Piloten. Die hatten seit Tagen unmissverständlich klar gemacht, dass nur ernst gemeinte Verhandlungen, und zwar mit dem Ziel, Tarifverträge auszuhandeln, Streiks verhindern könnten. Mit dem Affront, sich auf Gewerkschaftsseite die Gesprächspartner quasi aussuchen zu wollen, hat Ryanair die Gespräche in letzter Minute platzen lassen. Die Antwort in Form von Arbeitskampfmaßnahmen – mit der hat das Unternehmen rechnen müssen. Wie es scheint, hat die Konzernführung das billigend in Kauf genommen. Vielleicht hat sie auch nicht daran geglaubt, dass die Vereinigung Cockpit so kurzfristig noch Ernst macht.

Arbeitsbedingungen und Bezahlung sind auffallend schlechter als bei der Konkurrenz

Es mag für betroffene Reisende schwierig sein, im Einzelfall Verständnis für streikende Piloten aufzubringen. Vor allem dann, wenn man mit gepackten Koffern am Flughafen steht und lange warten muss, wenn es denn überhaupt weiter geht. Bisweilen mag auch der Eindruck entstehen, die eine oder andere Forderung sei übertrieben. In diesem Fall ist dem aber nicht so. Arbeitsbedingungen und Bezahlung sind auffallend schlechter als bei der Konkurrenz. Und das hat auch etwas mit dem Geschäftsmodell von Ryanair zu tun. Der Billigflieger hat es mit Kampfpreisen geschafft, zur größten Fluglinie Europas aufzusteigen. Deswegen tragen, man muss es sagen, auch die Ryanair-Kunden einen Teil der Verantwortung.

Der Gegenwind für Ryanair durch die Mitarbeiter und vor allem die Piloten wird nun stärker. Es ist zu hoffen, dass sie Erfolg haben. Für die Kunden allerdings würden die Flüge dann wohl etwas teurer werden. Angesichts von Tickets auf innereuropäischen Flügen, die manchmal zwischen zehn und fünfzig Euro liegen, kann man auch dazu sagen: Das wäre doch eigentlich ganz vernünftig.

Mischa Ehrhardt (privat)Mischa Ehrhardt (privat)Mischa Ehrhardt, geboren 1974 in Bayern, studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen und Frankfurt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Es folgten Moderationen und Planung von Wissenschafts- und Mediensendungen beim Hessischen Rundfunk, dort war er lange Jahre dann als Wirtschaftsjournalist tätig. Nach sechs Jahren im ARD-Börsenstudio für das Radio arbeitet er schließlich als Wirtschaftskorrespondent für den Deutschlandfunk in Frankfurt.

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