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StartseiteDeutschland heuteSprachwissenschaftler beklagt Verharmlosung05.08.2015

Streit über Begriff "Asylkritiker"Sprachwissenschaftler beklagt Verharmlosung

Den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch stört die Berichterstattung über rassistische Vorfälle. Er hat ausgemacht, dass in den letzten Monaten verstärkt Begriffe wie "Asylgegner" und "Asylkritiker" verwendet werden, wenn eigentlich Rassisten und Rechtsextremisten gemeint sind. Stefanowitsch sagte im Deutschlandfunk, er sehe die Medien in besonderer Verantwortung.

Anatol Stefanowitsch im Gespräch mit Änne Seidel

Gegner der Flüchtlingsunterkunft stehen am 26.06.2015 in Freital (Sachsen) in der Nähe des ehemaligen Leonardo-Hotels, das jetzt als Flüchtlingsheim dient. (dpa / picture-alliance / Oliver Killig)
Demonstranten wie diese hier im Juni im sächsischen Freital wurden von vielen Medien oft als Asylkritiker bezeichnet - beschönigend, wie Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch findet. (dpa / picture-alliance / Oliver Killig)
Weiterführende Information

Autorin Katja Schneidt "Ich bin definitiv keine Asylkritikerin"

Änne Seidel: Das Unwort des Jahres 2015, wird erst Anfang des nächsten Jahres gewählt, manch' einer hat sein persönliches Unwort aber bereits gefunden: "Ganz klar, es ist 'Asylgegner'", findet etwa ein Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter. Asylgegner oder auch Asylkritiker, diese Begriffe liest und hört man regelmäßig, z.B. wenn von Menschen die Rede ist, die gegen eine neue Unterkunft für Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft demonstrieren. Die Begriffe und vor allem ihre Verwendung sind aber umstritten.

Einer, der vor diesen Begriffen warnt, ist Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Ich habe kurz vor der Sendung mit ihm gesprochen und ihn als erstes gefragt, wo ihm diese Begriffe, Asylkritiker und Asylgegner, in letzter Zeit besonders aufgefallen sind.

Anatol Stefanowitsch: Also, allgemein kann man sagen, dass sie sich seit ca. 2013, also so seit zwei Jahren zunächst einmal bei rechten Gruppierungen selber finden als so eine Art Eigenbeschreibung. Und im letzten Jahr ist es dann im Zuge der Berichterstattung über die Pegida-Bewegung... sind diese Begriffe auch in die allgemeine Mediensprache quasi übernommen worden. Zunächst immer in der Kombination "Islam" und "asylkritisch", dann jetzt in diesem Jahr auch verstärkt eben nur als das Wort "asylkritisch".

Seidel: Was ist denn für Sie genau das Problem an diesen Worten, an diesen Begriffen? Erklären Sie uns das doch noch mal!

Stefanowitsch: Na ja, das Problem liegt natürlich nicht in dem Wort selber. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass es jemanden gäbe, der tatsächlich an der Institution des Asyl-Gewährens Kritik äußert, oder wenn das jemand wäre, der an der Asylgesetzgebung oder an der Asylpolitik eines Landes irgendwelche Detailkritik oder Diskussionsbedarf hätte, dann wäre dieses Wort vielleicht zutreffend.

Seidel: ...das Wort Asylkritik dann in dem Fall.

"Beschönigende Bezeichnung für Rassisten"

Stefanowitsch: ...das Wort Asylkritik oder asylkritisch oder Asylkritiker. Aber natürlich ist das nicht die Art, wie es verwendet wird. Sondern das hat sich in den letzten Monaten als so eine Art Euphemismus, als so eine Art verschleiernde, beschönigende Bezeichnung für eine Mischung von Rassisten, von Rechtsextremen, von fremdenfeindlichen Menschen, sicher auch von Menschen, die da irgendwie nur mitlaufen oder von dumpfen Ressentiments sich da leiten lassen, also für diese Mischung von Menschen, die mit rechtem Gedankengut, sage ich mal, sympathisieren, durchgesetzt. Und das ist gefährlich, weil das dieser Mischung quasi eine Art Legitimität verleiht.

Seidel: Aber ist es nicht vielleicht auch übertriebene Political Correctness, wenn man jetzt einfach pauschal jeden verurteilt, der diese Begriffe benutzt? Das sind ja vielleicht manchmal auch Leute, die gar nicht so intensiv über diese Begrifflichkeiten nachgedacht haben, und das heißt ja dann nicht automatisch, dass diese Person Fremdenfeindlichkeit auch verharmlosen möchte!

Stefanowitsch: Ich würde schon sagen, dass die Medien eine besondere Verantwortung haben im Umgang mit Sprache. Und natürlich sind die Medien nicht verantwortlich für die allgemeine Verharmlosung, die in diesem ganzen Bereich leider schon seit Monaten jetzt inzwischen zu beobachten ist, diese Verantwortung liegt sicher bei der Politik. Aber wenn Medien solche Begriffe wie Asylkritik, die eben als euphemistische Eigenbezeichnung ihr Dasein sozusagen beginnt, wenn sie die unkritisch übernehmen, tragen sie natürlich besonders zur Verbreitung bei. Und ich denke, dass diese besondere Verantwortung, die hat die Deutsche Presse-Agentur ja zum Beispiel auch erkannt und hat vor einigen Tagen bekanntgegeben, dass sie selber diese Wörter nicht mehr verwenden wird. Oder wahrscheinlich nur noch dort verwenden wird, wo tatsächlich Asylkritiker im eigenen Wortsinne zu bezeichnen sind. Denn es geht ja sozusagen nicht darum, dass diese Menschen Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit oder rechtsradikales Gedankengut verharmlosen wollen, sondern dass dieser das faktisch tut.

Seidel: Welche Begriffe würden Sie denn stattdessen vorschlagen? Also, wenn jetzt zum Beispiel die Rede ist von Menschen, die sich an dem neu gebauten Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft stören, wie sollten wir die nennen?

"Differenzierung wäre nötig"

Stefanowitsch: Ich denke, was allen guttun würde, ist, wenn man dort genauer hingucken könnte und eben genauer unterscheiden könnte. Zum Teil wird dort agitiert ganz klar von rechten Gruppierungen, die das auch nicht erst seit gestern machen, sondern die da schon sehr lange ihre Strukturen aufbauen. Die sollte man dann auch so bezeichnen. Zum Teil sind da Leute, die sind von Wohlstandsverlustängsten angetrieben, es fällt ja auf, dass auch in sehr wohlhabenden Stadtteilen zum Teil diese Proteste zu beobachten sind. Ich glaube, diese Differenzierung wäre nötig, denn dann würde auch klar werden, wo es Sinn hat, Gespräche anzubieten und politische Bildung zu betreiben, und wo ganz klar Gruppierungen am Werke sind, denen man keine Gesprächsoffenheit anbieten darf, sondern denen man ganz klar sagen muss, das ist ein Verhalten und ein Gedankengut, was wir in Deutschland... sicher in keinem Land, aber ganz sicher nicht in Deutschland gebrauchen können.

Seidel: Aber trotzdem ist es ja gerade in den Medien nötig, auch Begriffe zu finden, um Gruppen zu beschreiben, um Gruppierungen zu beschreiben. Denn wenn man jedes Mal so ausführlich jede einzelne Gruppe beschreiben würde, dann wäre die Zeitungsseite sehr schnell voll!

Stefanowitsch: Ja, also, was ganz interessant ist, wenn man sich die Artikel anguckt, in denen dieses Wort Asylkritik oder asylkritisch oder Asylkritiker auftaucht, dann wird gerade in diesen Texten tatsächlich häufig doch noch differenziert. Das heißt, das Wort asylkritisch oder Asylkritiker taucht dann in der Schlagzeile auf, im Text selber wird dann teilweise durchaus gesagt, rechtsextreme Gruppierungen haben aufgerufen oder plakatiert oder Demonstrationen angemeldet. Die Frage ist, ob das tatsächlich sinnvoll ist, einen Oberbegriff zu haben, der quasi für Schlagzeilen oder für die Kategorisierung von Meldungen dann gebraucht wird. Wenn das so ist, dann ist aber sicher der Begriff asylkritisch oder Asylkritiker nicht geeignet. Dann wäre zumindest so etwas wie asylfeindlich, glaube ich, angemessen oder eben zur Not auch der Begriff fremdenfeindlich. Wobei der auch so seine Probleme hat, weil der häufig als verharmlosender Begriff für Rassismus verwendet wird.

Seidel: Sagt Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der FU Berlin, zu den Begriffen Asylkritiker und Asylgegner, und warum diese Begriffe problematisch sein können. Vielen Dank für das Gespräch!

Stefanowitsch: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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