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Streit um Bobbys

Großbritanniens Polizeiprivatisierung in der Kritik

Von Jochen Spengler

Die Polizei soll helfen, weil die eigentlich zuständige Sicherheitsfirma zu wenig Personal hat.
Die Polizei soll helfen, weil die eigentlich zuständige Sicherheitsfirma zu wenig Personal hat. (AP)

Die Olympischen Spiele in London sollen sicher sein. Nach Problemen mit der beauftragten Sicherheitsfirma G4S soll nun die Polizei für Sicherheit sorgen und dass, obwohl vielen Bobbys aus Einspargründen die Entlassung droht.

Zehn Milliarden Euro Jahresumsatz, mehr als 600.000 Mitarbeiter. G4S ist die größte private Sicherheitsfirma der Welt. Sie feiert sich selbst mit einem eigenen, etwas kitschigen Song:

"G4S beschützt die Welt,
G4S sorgt für gute Träume,
Tag und Nacht steht ein Krieger bereit, also fürchtet euch nicht."


Das Problem: G4S selbst hat geträumt, denn ihre Krieger standen gerade nicht bereit:

"G4S hat das Land im Stich gelassen und wir mussten wortwörtlich die Truppen schicken."

Keith Vaz, der Vorsitzende des britischen Parlament-Innenausschusses war empört. Für 360 Millionen Euro wollte G4S mit mehr als 10.000 Mitarbeitern die Olympischen Spiele beschützen. Zwei Wochen vorm Start aber musste es kleinlaut einräumen – wir können vielleicht gerade 7000 bereitstellen. G4S-Chef Nick Buckles legte vor dem Ausschuss einen blamablen Auftritt hin und wurde von einem Abgeordneten gezwungen zuzugeben, dass dies ein erbärmliches Durcheinander sei.

Nicht nur die Armee musste mit fast 5000 Soldaten aushelfen. Auch viele Polizisten sprangen ein, was für die Regierung Cameron ziemlich peinlich ist. Denn sie musste ausgerechnet jene um Hilfe bitten, die sie zu Tausenden entlassen will. Die fetten Jahre unter Tony Blair sind vorbei, der Polizeietat soll bis 2014 um ein Fünftel sinken. Doch wer eigentlich hätte geholfen, wenn die Kündigungen schon vollzogen wären? Fragt nicht nur Simon Reed, Vizechef der Polizeigewerkschaft:

"Die Demontage der Polizeidienste, die Gehaltskürzungen, der Verlust von bis zu 16.000 Polizeibeamten, die Privatisierung, die vor sich geht und das Schließen von Polizeirevieren – das macht uns Polizisten natürlich ärgerlich."

Vor allem auf die zuständige Innenministerin Theresa May. Als sie vor zwei Monaten auf dem Polizeikongress für ihre Reformen warb, erntete sie höhnisches Gelächter.

Schon in den 90er-Jahren wurden in Großbritannien Gefängnisse und Gefangenentransporte privatisiert. Der G4S-Vorläufer "Group 4" machte sich damals zum Gespött der Nation, weil ihm ein Gefangener nach dem anderen entkam.

Heute betreibt G4S sechs Gefängnisse, zwei Auslieferungsarrest-Zentren und vier Kinderheime. Anfang des Jahres unterschrieb die Grafschaft Lincolnshire einen 250-Millionen-Euro-Vertrag. Für sie baut G4S eine neue Polizeistation und betreibt sie auch. John Shaw, der zuständige G4S-Manager schwärmte:

"Das ist eine riesige Chance für G4S. Wir haben hart gearbeitet und es vor allem gemacht, weil es den Markt verändert. Die Polizei in Lincolnshire ist als erste vorangegangen und wird den Weg ebnen. Das ist ein Pilotmodell dafür, wie es anderswo laufen könnte."

Schließlich lockt ein Geschäft von fünf Milliarden Euro bei der Teil-Privatisierung der Reviere. Mehrere große Polizeibehörden haben bereits Verträge für Firmen ausgeschrieben.
Doch nach dem Olympiadesaster überdenken viele ihre Pläne.

Die Menschen wollten Bobbys und nicht G4S auf Streifendienst, sagt Labour-Oppositionsführer Ed Miliband. Der Staat dürfe sich nicht aus der Überwachung der privaten Firmen verabschieden. Vor jedem neuen Vertrag müsse überprüft werden, ob G4S oder andere Sicherheitsfirmen die Aufgaben überhaupt erfüllen könnten. Und:

"Labour wird sich dafür stark machen, dass Kernaufgaben der Polizei wie Nachbarschaftspatrouillen und Verbrechensaufklärung nicht an den Privatsektor ausgelagert werden."

Linktipp:
Mehr Infos rund um die Olympischen Spiele unter
Portal Olympische Sommerspiele in London



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