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StartseiteEine WeltStreit um "The Block"22.01.2011

Streit um "The Block"

Sydneys Ureinwohner-Ghetto droht der Abriss

Längst sind sie zur touristischen Attraktion geworden - die Aborigines, die Ureinwohner Australien. Doch was für die Tourismusbranche gut ist, findet in Sydneys Innenstadt keinen Platz. "The Block", Wohnviertel für zahlreiche Aborigines-Familien, muss den Baggern weichen.

Von Andreas Stummer

"The Block" muss einem modernen Neubau weichen. (AP)
"The Block" muss einem modernen Neubau weichen. (AP)

Eveleigh Street, Redfern, nur drei Kilometer westlich des Stadtzentrums von Sydney. Das Viertel, das jeder nur "den Block" nennt, ist wie ausgestorben. Aus verbeulten Briefkästen hängen nicht gelesene Zeitungen, auf dem Gehweg liegen achtlos umgestoßene Mülltonnen. Links und rechts der Straße kleben an den Haustüren rote, DIN A-5-große Zettel. Es sind Zwangsräumungsbescheide.

Bis Ende des Monats müssen alle Mieter ausgezogen sein. Dick Blair ist 73, ein früherer Boxchampion. Er lebt seit 40 Jahren im Block. Dick denkt nicht daran, das Handtuch zu werfen. Er macht, was er sein Leben lang getan hat: Kämpfen bis zuletzt.

"Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Ich bleibe solange hier, bis ich woanders einziehen kann. Freiwillig gehe ich nicht, sollen sie doch die Polizei schicken. Warum lassen sie uns nicht in Ruhe? Dieses Viertel gehört uns, es ist unser Land."

Rückblende ins Jahr 1973: Die damalige Laborregierung kauft und übergibt einer eigens gegründeten Aborigine-Wohnungsgesellschaft ein Stück Sydney. Einen Block mit 21 Häusern: Sozialwohnungen für Aborigines. Nur zwei S-Bahnstationen vom Geschäftszentrum in Australiens größter Stadt entfernt. Ureinwohneraktivisten feiern den Block als einen symbolischen Sieg im Kampf um mehr Landrechte für Aborigines. Doch es dauert nicht einmal 15 Jahre bis der Traum von Selbstbestimmung in einem Sumpf aus Armut, Drogen und Verbrechen versinkt. Die Häuser des Blocks verfallen, die Straßen sind nicht mehr sicher.

Sydney, im Januar 2004: Australien erlebt die schlimmsten Rassenunruhen seit den 60er-Jahren. Hunderte, aufgebrachte Aborigines liefern sich erbitterte Straßenschlachten mit der Polizei. Der Grund für die Unruhen ist der tragische Tod eines 17-jährigen Aborigine. Auf der Flucht vor einer Polizeistreife war der junge Mann von seinem Fahrrad gestürzt und tödlich verunglückt – am helllichten Tag, mitten in Redfern. Danach wird beschlossen, den Block abzureißen. Teresa ist 16 und Kettenraucherin. Sie ist im Viertel groß geworden – am Tropf der Wohlfahrt. Ihr Alltag sind Alkohol, häusliche Gewalt und Arbeitslosigkeit.

"Hier aufzuwachsen ist traurig. Es gibt nichts zu tun für uns. Deshalb fangen die Kinder an, Leute auszurauben oder in Häuser einzubrechen. Wir wollen Respekt und wir wollen leben. Die Polizei soll uns in Ruhe lassen. Uns reicht es. Wenn sie uns weiter so behandeln, dann werden wir uns weiter wehren."

Im Park vor der Elouera-Sporthalle, im Zentrum des Blocks. Eine Handvoll Aborigines sitzt, wie um ein Lagerfeuer herum, im Gras. Einer lässt eine Bierflasche kreisen, ein anderer spielt Didgeridoo. Die Männer treffen sich hier jeden Tag – zum Rauchen, reden und weil sie sonst nirgendwo hin müssen. Keiner hat einen Job, sie alle halten sich nur mit Sozialhilfe über Wasser. "Ob in Sydney oder in entlegenen Ourback-Gemeinden: Die Lage der australischen Ureinwohner ist eine nationale Schande", sagt der Anwalt und Politiker Aden Ridgway, selbst ein Aborigine. Er kann nicht verstehen, warum immer noch an den Symptomen herumgedoktert wird, ohne die Ursachen für das soziale Elend der Ureinwohner zu bekämpfen.

"Die Probleme im Block und in den übrigen Ureinwohner-Gemeinden des Lan-des können nur von der Bundesregierung gelöst werden. Sie muss mit entsprechenden Mitteln dafür sorgen, dass Aborigines Arbeit haben und ihre Kinder eine Schulbildung bekommen. Wo es Armut gibt, sind Kriminalität, Alkohol und Drogenmissbrauch nicht weit. Und genau das ist die Situation hier in Redfern."

Rostige Autowracks ohne Reifen, heruntergekommene Fassaden, von denen der Putz abbröckelt, überall liegt Abfall im Rinnstein: Das Viertel ist heute ein Graffiti beschmiertes, nach Urin stinkendes Ureinwohner-Ghetto, eine gescheiterte Idee. Doch wenn in ein paar Wochen die Bagger anrollen, soll alles anders und alles besser werden.

"Wir werden eine völlig neue Gemeinde für unsere Kinder aufbauen – nicht nur für Aborigines, sondern für den ganzen Stadtteil", sagt Mick Mundine, der Chef der Aborigine-Wohnungsgesellschaft:

"Wir werden helfen unseren Leuten aus der Gosse und wieder auf die Beine helfen. Ein harter Weg, aber er lohnt sich."

Der neue Block ist ein 50 Millionen Euro-Projekt, finanziert von einem großen Bauunternehmen: Geplant sind 62 Einfamilienhäuser und Appartements mit Tiefgarage, ein Fitnessstudio, Büroflächen und Unterkünfte für Studenten. Von Sozialwohnungen für Aborigines aber ist nicht die Rede.

Sol Bellaer ist wütend. Eine Gehminute vom Block behandelt der Arzt seit 40 Jahren Sozialfälle und Obdachlose. Meist ohne dafür Geld zu verlangen. Die Aborigines-Wohnungsgesellschaft, sagt Sol, habe ihre Seele an die Bauunternehmer verkauft.

"Warum sollten weiße Studenten da untergebracht werden, wo eigentlich Aborigines in Sozialwohnungen leben sollten? Die Ureinwohner werden auf die Straße gesetzt, es gibt eine Menge Neubauten aber wir schaffen dadurch die nächste Generation obdachloser Aborigines in Sydneys Innenstadt."

Früher lebten mehr als 300 Aborigines im Block, heute sind es nurmehr 20. Automechaniker Les Poletti weiß genau: Zieht er erst einmal aus, wird er es sich nicht leisten können je wieder zurückzukommen.

"Ich kenne keinen Aborigine, der 500.000 Dollar auf der hohen Kante hat. Ich weiß nicht, warum und für wen sie diese Häuser bauen."

Der Block nimmt in Sydneys Innenstadt nur 10.000 Quadratmeter ein, seine politische Bedeutung aber ist enorm. Der Block ist ein Symbol fehlgeschlagener Ureinwohnerpolitik. Sollte der Wiederaufbau die Aborigines aus der City von Sydney vertreiben, dann ist für die Ureinwohner in Australiens größter Stadt wohl auch in Zukunft kein Land in Sicht.

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