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StartseiteUmwelt und VerbraucherAus für Pumpspeicherkraftwerk in Baden-Württemberg12.10.2017

StromwirtschaftAus für Pumpspeicherkraftwerk in Baden-Württemberg

Über zehn Jahre dauerte die Planung des Pumpspeicherkraftwerk Atorf im Südschwarzwald - und ebenso lang der erbitterte Widerstand gegen das Projekt, das erhebliche Eingriffe in die Landschaft bedeutet hätte. Nun legt der Energieversorger EnBW das Projekt zu den Akten, nachdem RWE schon vor zwei Jahren ausgestiegen ist.

Von Thomas Wagner

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Erörterungsverhandlung zum Pumpspeicherkraftwerk Atdorf (dpa/Silas Stein)
Anfang des Jahres fand ein planungsrechtlich vorgeschriebener Erörterungstermin statt, in dessen Folge Unterlagen zur Erfüllung von Umweltauflagen gefordert wurden (dpa/Silas Stein)

Aus. Aus und vorbei: Der baden-württembergische Energieversorger EnBW AG verkündet das "Aus" für das geplante Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im baden-württembergischen Landkreis Waldshut. Erleichterung bei vielen Bürgern vor Ort:

"Die Nachricht ist sehr erfreulich. Und damit kann es einem nur gut gehen. Es war eine sehr anstrengende Sache. Aber es hat sich gelohnt, wie sich zeigt."

Umweltorganisationen mehr als froh 

Ruth Krimmer-Ricken aus Bad Säckingen hat gemeinsam mit vielen weiteren hundert Bürgerinnen und Bürgern über Jahre hinweg gegen ein geplantes Großprojekt im Südschwarzwald gekämpft, das seit Planungsbeginn vor knapp zehn Jahren auf großen Widerstand in der Region gestoßen ist. Die Energieversorger EnBW und RWE wollten für rund 1,6 Milliarden Euro ein Pumpspeicherkraftwerk bauen. Herzstück der Anlage: Zwei künstliche Seen mit einem Fassungsvermögen von jeweils neun Millionen Kubikmetern Wasser. Bei Energieüberschuss wäre das Wasser vom unteren in den oberen See gepumpt worden. Bei Energiebedarf im Netz hätte man die Wassermassen genau andersherum, nämlich von oben nach unten, strömen lassen; dabei wäre bei einer Laufdauer von maximal neun Stunden eine Stromleistung von 1.400 Megawatt erzeugt worden, so viel wie 400 Windenergieanlagen mittlerer Größe produzieren. Ausdrücklich war Atdorf auch zur Speicherung von regenerativen Energien beispielsweise aus Windrändern und Photovoltaik-Anlagen vorgesehen. Und trotzdem sind gerade Umweltorganisationen mehr als froh über das "Aus" für Atdorf. Sylvia Pilarsky-Grosch ist Landesgeschäftsführerin des BUND-Baden-Württemberg:

"Es ist einfach ein zu hoher Natureingriff. Die Quellen sind betroffen. Es geht ja schon in die Berge hinein, logischerweise. Und durch das Pumpspeicherwerk beziehungsweise das Oberbecken des Pumpspeicherwerkes wären rundherum ganz viele Quellen versiegt gewesen und hätten auch die umliegenden Feuchtbiotope nicht mehr befördern können zum Beispiel."

Argumente, die Anfang des Jahres auch Gegenstand des planungsrechtlich vorgeschriebenen Erörterungstermins waren. Folge: Die Schluchsee-Werke AG und deren Hauptanteilseigener EnBW wurden aufgefordert, zahlreiche Unterlagen zur Erfüllung von Umweltauflagen nachzureichen. Dies wiederum führte bei EnBW zu der Entscheidung, das Projekt des Pumpspeicherkraftwerkes Atdorf zu beerdigen - und das, obwohl im Laufe des Planungsprozesses bereits über 60 Millionen Euro in das Vorhaben investiert worden sind.

Großprojekte zur Speicherung elektrischer Energie schwer umsetzbar

Der nordrhein-westfälische Energieanbieter RWE war bereits 2014 aus dem Projekt ausgestiegen. So groß auch die Erleichterung bei den betroffenen Bürgerinnen und Bürgern sowie bei den Umweltorganisationen auch sein mag, so sehr stellt sich nun die Frage: Wie soll elektrische Energie in Zukunft überhaupt gespeichert werden? Die Frage gewinnt insofern an Brisanz, als der Strombedarf in Zukunft, beispielsweise im Zuge der Elektromobilität, enorm steigen wird - und damit auch die Nachfrage nach Speichermöglichkeiten. Doch auf der anderen Seite, das zeigt das Projekt Atdorf, sind Großprojekte zur Speicherung von elektrischer Energie, immer schwierig umsetzbar. Peter Steinbeck ist Sprecher der Schluchseewerke AG:

"Es ist einfach heutzutage schwierig, nach der Rechtslage europäisch/deutsch solche Großprojekte überhaupt durchsetzen zu können. Es ist möglich, aber schwierig. Und es ist manchmal aber nicht kalkulierbar, wann und wie es dabei rauskommt."

Nicht kalkulierbar, schwierig durchsetzbar. Mit dem "Aus" für das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf hat EnBW auch eine politische Debatte über die Zukunft der Energieversorgung losgetreten, zu der auch neue Speichermöglichkeiten gehören. Andreas Stoch, Vorsitzender der oppositionellen SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, betonte dazu im Südwestrundfunk:

"Wir brauchen, wenn wir die Energiewende umsetzen wollen, Speicherkapazitäten, gerade wenn es um Windkraft geht, gerade wenn es um Solarenergie geht. Und wie soll dann Speicherung von elektrischer Energie stattfinden?"

Eingriffe in die Natur wären zu groß gewesen

Jedenfalls nicht mit so immensen Eingriffen in die Natur, wie dies beim geplanten Pumpspeicherkraftwerk Atdorf aus ihrer Sicht der Fall gewesen wäre, so Sylvia Pilarsky-Grosch vom BUND Baden-Württemberg. Ausgerechnet als Naturschutzorganisation das Vorankommen alternativer Energien verhindern - diesen Schuh will sie sich nicht anziehen, betont aber:

"Wir schauen uns den Einzelfall an. Allgemein sind wir sowohl für den Ausbau von Windenergie wie auch für den Ausbau von Speichern und haben ja auch schon Pumpspeicherkraftwerke durchaus gutgeheißen. Aber in Atdorf - dieses Projekt war an dieser Stelle eben falsch."

EnBW hält weiterhin an Speicherprojekten fest

Immerhin will der Energieversorger EnBW trotz dem "Aus" für das Projekt Atdorf weiterhin an Projekten Speicherprojekten festhalten, auch an Pumpspeicherkraftwerken, betont EnBW-Sprecherin Friederike Eckstein:

"Die Entscheidung von Atdorf bedeutet nicht, dass die zentrale Bedeutung, die die Speichertechnologien für die Systemstabilität und für die Versorgungssicherheit haben, sich geändert hat. Aus diesem Grund befassen wir uns weiterhin mit Speichern."

Beispielsweise an den Standorten Obervermuntwerk im österreichischen Bundesland Vorarlberg oder in der Schwarzwaldgemeinde Forbach - mit, wie der Konzern glaubt, deutlich besseren Realisierungschancen.

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