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StartseiteForschung aktuellGoogle könnte Politik machen05.08.2015

Studie zu Suchmaschinen Google könnte Politik machen

Neue Schuhe, neuer Rechner - neue Regierung: Auch für die politische Meinungsbildung nutzen Menschen das Internet. Was aber, wenn die Suchmaschine hierbei manipuliert? Nachzuweisen wäre das wohl kaum.

Michael Gessat im Gespräch mit Ralf Krauter

Australiens Premierminister Tony Abbott und Russlands Präsident Wladimir Putin halten beim G20-Gipfel in Brisbane/ Australien Koalabären auf dem Arm und freuen sich. (AFP/ Andrew Taylor)
Mit Koalabär im Arm - und Wladimir Putin neben sich: Wie würde dieses Bild das Image von Australiens Premierminister Tony Abbott wohl beeinflussen? (AFP/ Andrew Taylor)
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Ob es um den Einzug ins Weiße Haus geht oder um den Bürgermeisterposten in Oberammergau - demokratische Wahlen können sehr, sehr knapp ausgehen. Wenn mehrere Kandidaten Kopf an Kopf liegen, sind es unter Umständen ein paar wenige Stimmen, die das berühmte Zünglein an der Waage ausmachen. Eine besonders interessante Rolle spielen da die bis ganz zum Schluss unentschlossenen Wähler. Auf die zielen die altbekannten, offenen Beeinflussungs-Strategien: Wahlplakate, TV-Spots oder persönliche Ansprache. Aber im Zeitalter des Internets gäbe es noch eine viel subtilere Methode, davor warnen jetzt im Fachblatt "PNAS" zwei amerikanische Psychologen: Manipulierte Suchmaschinen-Ergebnisse könnten Wahlen entscheiden.

Bei mir im Studio ist jetzt mein Kollege Michael Gessat, er hat sich die Studie angeschaut - allgemeine Kritik an der Macht von Suchmaschinen ist ja nichts Neues, aber die beiden Forscher haben ihre Warnung nun auch mit Experimenten untermauert?

Michael Gessat: Genau, und das ist eben das Interessante an der Veröffentlichung. Sie haben sogar drei Experimente gemacht. Das erste war im Labor - da haben sich die Psychologen 102 Versuchspersonen zusammengesucht, US-Amerikaner, nach Alter, Geschlecht und politischer Überzeugung gut gemischt. Und jetzt sollten die sich sozusagen posthum die beiden Kandidaten der Wahl 2010 zum Premier in Australien anschauen - das Rennen zwischen Tony Abbott und Julia Gillard ging ja damals hauchdünn aus. Zunächst wurden sie befragt, wie sie die Kandidaten fänden beziegungsweise wen sie wählen würden. Da waren sie im Durchschnitt sehr ausgeglichen und auch ziemlich unentschlossen.

Ralf Krauter: Kein Wunder, denn das waren ja eben keine US-amerikanischen, sondern australische Politiker.

Gessat: So ist es - aber gerade diese Distanz, diese relative Neutralität oder Unentschlossenheit zu Beginn passte für den Versuch sehr gut. An die erste Einschätzung anschließend sollten die Versuchspersonen nämlich ein bisschen im Netz recherchieren zu den Kandidaten. Dazu hatten Robert Epstein und Ronald Robertson - so heißen die Wissenschaftler - aber nicht das richtige Google auf den Rechnern laufen, sondern eine gefakte Suchmaschine. Und die lieferte der ersten Versuchskandidatengruppe dann auf der ersten und zweiten Seite überproportional viele und positive Suchtreffer zu Abbott, die zweite Versuchsgruppe bekam manipulierte Pro-Gillard-Treffer - und die dritte Gruppe die unmanipulierte Originaltrefferliste …

Krauter: Also das, was wir normalerweise zu sehen bekommen - jedenfalls wenn wir den Beteuerungen der Suchmaschinenbetreiber Glauben schenken?

Gessat: Genau, und nach der Recherche wurden die Versuchspersonen wieder gefragt, wie sie die Kandidaten fänden bzw. wen sie wählen würden - und das Ergebnis war eine ganz klare, statistisch signifikante Veränderung hin zu dem, wohl gemerkt allein durch die Anordnung der Suchtreffer gepushten Kandidaten. Danach haben die Psychologen das Experiment noch einmal mit einem wesentlich größeren Teilnehmerkreis wiederholt - da hatten sie die Versuchspersonen im Netz rekrutiert - das Ergebnis blieb aber praktisch gleich.

Krauter: Ist das nicht trotzdem alles etwas theoretisch - Amerikaner schätzen die Kandidaten einer vergangenen Wahl in Australien ein?

Gessat: Das hatten die Forscher selbst auch so empfunden - und dann trotz der damit einhergehenden ethischen Probleme den "Freilandversuch" gemacht, bei der Wahl 2014 in Indien. Auch da wieder das gleiche Prozedere:  Zuerst die Befragung der Testpersonen, dann wieder die getürkte Suchmaschinen-Recherche. Und auch hier war anschließend ein Stimmungsumschwung in Richtung der jeweiligen Manipulation messbar.

Krauter: Mit anderen Worten - Google hätte die Möglichkeit, das Zünglein an der Wahl-Waagschale in eine Richtung zu drücken?

Gessat: Das ist die jetzt auch empirisch hinterlegte These der Studie. Deren letzter Satz lautet: Unregulierte Suchmaschinenergebnisse könnten eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Dazu muss man vielleicht auch noch wissen, dass Robert Epstein seit 2012 eine gewisse Privatfehde mit Google führt, nachdem die Suchmaschine seine Website damals als "mit Malware verseucht" gelistet bzw. gesperrt hatte.

Krauter: Eine reale Gefahr also oder eine theoretische?

Gessat: Bislang ist ja von tatsächlichen Manipulationen von Google oder anderen Suchmaschinen nichts bekannt, aber Epstein hat völlig recht: Wenn es sie geben würde, wären sie praktisch nicht zu entdecken oder nachzuweisen, weil man die gefakten Treffer auch zielgerichtet nur an solche Leute ausliefern könnte, die man für unentschlossen und beeinflussbar hält. Und auch die nötigen Infos hätte Google ja - aus seiner Riesen-Datensammlung.

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