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StartseiteCampus & Karriere"G8 hat Vor- und Nachteile"29.03.2018

Studie zum Abitur nach acht Jahren"G8 hat Vor- und Nachteile"

Das Abitur nach acht Schuljahren ist besser als sein Ruf: Das hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) ergeben. Statt über die Länge der Gymnasialschulzeit zu diskutieren, sollte aber vielmehr die Frage, wie die Unterrichtszeit überhaupt genutzt werden könnte, debattiert werden, sagte der Autor der Studie, Mathias Huebener, im Dlf.

Mathias Huebener im Gespräch mit Manfred Götzke

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Gymnasiallehrerin Theresa Neudecker sitzt in einem Gymnasium in Straubing / Bayern vor einer Tafel mit der Aufschrift "G8" und "G9". (picture alliance / dpa)
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat herausgefunden: G8 ist besser als sein Ruf (picture alliance / dpa)
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Manfred Götzke: Herr Huebener, ist G8 besser als sein Ruf?

Mathias Huebener: Ja. Die Frage beschäftigt, glaube ich, viele Lehrer und Schüler und vor allem Eltern und Politiker. Und die Frage ist nicht ganz trivial zu beantworten, weil viele Aspekte in dieser Debatte um G8 und G9 halt irgendwie aus Emotionen beantwortet werden, die all diese Akteure betreffen. G8 hat Vor- und Nachteile, und es muss ganz klar abgewogen werden, was das Ziel von Politikern mit der Reform sein soll.

Götzke: Ihre Studie ist ja zu dem Ergebnis gekommen, dass die Neuntklässler, die G8 machen, besser sind als die Neuntklässler, die G9 machen. Wie erklären Sie sich das?

Huebener: Genau. Die G8-Reform besteht ja erst mal im Prinzip aus zwei Bausteinen. Man hat versucht, die Gymnasialschulzeit um ein Jahr zu reduzieren, und damit Schüler am Ende der Schulzeit dann trotzdem mit einem vergleichbaren Leistungsniveau die Schule verlassen können, hat man in den verbleibenden Schuljahren die Unterrichtszeit erhöht. Und wenn man sich nun die Effekte der G8-Reform für Neuntklässler anschaut, dann sind die zunächst einmal von der Erhöhung der Unterrichtszeit betroffen. Die haben sozusagen von der fünften bis zur neunten Klasse, in denen sie dann getestet wurden, etwa zwei Unterrichtsstunden mehr pro Woche. Und diese zusätzliche Unterrichtszeit führt eben dazu, dass sie dann im Durchschnitt bessere Leistungen in dem Fall bei PISA-Tests ablegen.

"Es ist auf jeden Fall ein erhöhtes Lernpensum"

Götzke: Also mehr Stunden, auch mehr Druck, wie die einen sagen würden, in der Unterstufe, um das wegfallende vor der Abi-Phase zu kompensieren. Das führt zu diesen besseren Leistungen?

Huebener: Genau. Es ist auf jeden Fall ein erhöhtes Lernpensum, das die Schüler ableisten müssen, und dadurch hat dann die zusätzliche Unterrichtszeit auch dazu geführt, dass Schüler mehr Lernmaterial im Unterricht schon begegnet, was dann ihre Kompetenzen verbessert. Aber man sieht dann auch genau an der Nutzung dieser Unterrichtszeit mit mehr Lerninhalten, dass insbesondere die leistungsstarken Schüler davon profitieren. Leistungsschwächere Schüler, so stellt sich dar, haben größere Probleme, das zusätzliche Lernmaterial dieser Unterrichtszeit zu verdauen. Und dadurch gibt es im Prinzip auch eine Verstärkung der Leistungsunterschiede zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülern.

Götzke: Also da muss man ganz klar sagen, die leistungsstarken Schüler profitieren von G8, die leistungsschwachen sacken weiter ab als bei G9?

Huebener: Also die sacken nicht ab. Sie profitieren einfach von der Reform nicht. Das ist eine Gruppe, bei der wir halt keine Verbesserung in den Kompetenzen feststellen. Aber wir stellen auch keine Verschlechterung in ihren Kompetenzen fest.

"Die Abiturnoten für Schüler des G8 haben sich leicht verschlechtert"

Götzke: Nun haben Sie aber auch festgestellt, dieser Vorsprung, den die Schüler in der neunten Klasse haben, der reicht nicht aus, um das wegfallende Jahr ganz zu kompensieren. Wie ist das einzuordnen? Wie viel fehlt da? Kann man das quantifizieren?

Huebener: Wenn man jetzt betrachtet, dass die Schüler sich in der neunten Klasse verbessert haben, muss man sich fragen, ob die Verbesserung in diesen Kompetenzen dann auch ausreicht, um das wegfallende 13. Schuljahr zu kompensieren. Und da wir jetzt in Deutschland keinen vergleichenden Test am Ende der Gymnasialschulzeit haben, haben wir dort uns Abiturnoten angeschaut, wie die sich verändert haben. Und dabei ist tatsächlich rausgekommen, dass sich die Abiturnoten für Schüler des G8 leicht verschlechtert haben, was darauf hindeutet, dass die zusätzliche Lernzeit in den früheren Jahren nicht ausreicht, um den Kompetenzgewinn komplett auszugleichen.

 Aber diese Effekte bei den Abiturnoten sind als sehr klein einzuordnen, sodass wir insgesamt sagen würden, dass auch G8-Schüler am Ende der Schulzeit ein vergleichbares Kompetenzniveau erreichen.

Götzke: Jetzt haben Sie ja vorhin schon gesagt, die leistungsschwächeren Schüler profitieren nicht unbedingt von der Reform. Wie könnte man die Schulzeit auch ausgestalten, damit auch diese Schüler von G8 profitieren?

Huebener: Ich finde, ein zentrales Ergebnis unserer Befunde ist, dass Schüler unterschiedliche Bedürfnisse an die Lernzeit haben. Jetzt haben wir bei der G8-Reform gesehen, dass die zusätzliche Lernzeit für mehr Unterrichtsmaterial verwendet würden. Wenn leistungsschwächere Schüler jetzt aber Probleme haben, diesem Material zu folgen, und in der nächsten Unterrichtsstunde geht es im Lehrplan schon weiter, dann verlieren sie natürlich den Anschluss und müssen vielleicht auch außerhalb der Schule mehr Aufwand betreiben, um am Ball zu bleiben.

Jetzt könnte das Ziel sein, wenn man auch die leistungsschwächeren Schüler mit abholen möchte, zusätzliche Lernzeit vorzusehen, um zum Beispiel Unterrichtsmaterial zu vertiefen und zu verstärken. Und jetzt gibt es in Deutschland ja auch an Gymnasien und auch schon in Grundschulen Bemühungen, den Ganztagsschulbetrieb auszubauen. Da sollte ganz konkret drüber nachgedacht werden, wie man Schüler individuell fördern kann, wobei aus der Studie herauskommt, dass Schüler eben unterschiedliche Bedürfnisse an ihre Lernzeit haben.

Götzke: Nun muss man natürlich sagen, bei den PISA-Auswertungen, die Sie ja dann auch zur Grundlage genommen haben, geht es ja vor allem um die Leistung der Schüler. Das Stresslevel wurde dabei ja nicht gemessen.

Huebener: Es gibt einige Befunde aus anderen Studien, die sich dem Stresslevel gewidmet haben. Aber da muss man sagen, dass es keine so eindeutige Evidenz gibt, wie man aus der öffentlichen Debatte meinen möchte. Wenn G8-Schüler berichten, dass sie gestresster sind, dann kann das durchaus auch damit zusammenhängen, dass es einen gesamtgesellschaftlichen Trend gibt, der ein hektischeres Leben und stärkere Erfordernisse an jeden Einzelnen in der Gesellschaft stellt. Und wenn man G8-Schüler dann natürlich fragt, ob sie gestresst sind, dann berichten sie "ja".

Aber in gleichem Maße berichten halt auch Schüler aus dem G9-System, dass sie gestresst sind. Von daher ist es sehr wichtig, in der Debatte um G8 zu beobachten, ob denn diese berichteten Werte mit Stress und so weiter tatsächlich durch die Veränderung hin zum G8-System aufgetreten sind, oder ob die auch in den sagen wir mal Vergleichsbundesländern, die diese Reform nicht eingeführt haben, auftreten. Und was wir bisher wissen, ist, dass die G8-Reform nicht eindeutig das Stressniveau von Schülern erhöht hat.

"Aus unserer Sicht ist das die falsche Debatte"

Götzke: Wie sehen Sie vor dem Hintergrund dieser Studie, den Ergebnissen, die Sie jetzt hier herausgefunden haben, die Entwicklung, dass jetzt die meisten West-Bundesländer wieder zum G9 zurückkehren wollen?

Huebener: Aus unserer Sicht ist das die falsche Debatte, denn am Ende ist die Länge der Gymnasialschulzeit natürlich nur eine Dimension, die die Schulerfahrung von Schülern ausmacht. Aber worum es aus unserer Sicht gehen sollte, ist vielmehr die Frage, wie die Unterrichtszeit überhaupt genutzt werden möchte. Denn wenn man das Gymnasium in acht Jahren anbieten möchte, dann ist es natürlich schwer, den bestehenden Lehrplan da komplett einzubringen.

Man könnte sich halt fragen, ob es Inhalte gibt, auf die verzichtet werden kann im Lehrplan, ob der Lehrplan Schüler noch auf die bevorstehenden Anforderungen des Arbeitsmarktes und des Lebens adäquat vorbereitet. Und dann sollte die Debatte auch vielmehr darum gehen, welche Qualität der Unterricht und die Schulen anbieten, weil insbesondere davon Schüler dann profitieren. Ich denke, die Debatte um die Länge der Gymnasialschulzeit selbst ist eine Dimension, die viel Aufmerksamkeit bekommt, aber aus unserer Sicht nicht die zentrale.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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