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StartseiteCorso"Die Grenzüberschreitungen sind bei Weitem nicht das Zentrale"28.06.2017

Studie zur Bildkommunikation"Die Grenzüberschreitungen sind bei Weitem nicht das Zentrale"

Smartphone, GoPro, Drohne: Jugendliche drehen heute mit verschiedenem Equipment wie selbstverständlich Filme. "Sie nutzen es, um Freundschaften zu festigen, zum Kommunizieren, um sich selbst Erinnerungen zu schaffen", sagte Kulturanthropologe Klaus Schönberger im Dlf. Sein neues Buch fragt nach dem Fluch und Segen der technischen Entwicklung.

Klaus Schönberger im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

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Ein junges Paar auf einem Fahrrad, die Frau steht hinten auf dem Gepäckträger und mach Selfies (imago stock&people/Westend61)
Handy-Filme bieten eine Möglichkeit, sich zu inszenieren (imago stock&people/Westend61)
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Susanne Luerweg: "Wenn ich mich mit der Fotografie befasse, vergesse ich den Tod", sagte der französische Philosoph Roland Barthes. Der Schriftsteller Walter Benjamin sah in der Entwicklung von Foto und Film neben dem Segen auch den Fluch der massenhaften Reproduktion und dem Verlust der Aura von Kunst - und das lange bevor die Smartphones die Welt regierten. Heute kann jeder filmen, immer, ständig und ununterbrochen. Die Entwicklung des Bewegtbildes von Super 8 über Video bis hin zum Handyfilm ist Thema eines Buches, dessen Mitherausgeber Klaus Schönberger, Professor für Kulturanthropologie an der Universität Klagenfurt, ist. Und ihn begrüße ich nun in einem Studio des ORF. Schönen, guten Tag.

Klaus Schönberger: Schönen, guten Tag.

"Die technische Voraussetzung ist nicht gleichzusetzen mit der Demokratisierung"

Luerweg: Herr Schönberger, früher hat Papi die Filme mit der teuren Super-8-Kamera gemacht und der hatte damit die Deutungshoheit über die Inszenierung des Familienlebens. Heute darf jeder ran, kann filmen und machen. Ist das nicht die perfekte Demokratisierung?

Schönberger: Joa. Also die Frage ist natürlich, ob allein die technische Verfügbarkeit schon die Deutungsmacht der Familiengeschichte verändert. Als ein Möglichkeitspotenzial: ja. Aber bestimmte familiäre Beziehungen bleiben ja erhalten, ein bestimmtes Machtgefälle bleibt erhalten, Deutungshoheiten bleiben erhalten. Die könnten unter Umständen darüber neu ausgehandelt werden, aber sie sind nicht automatisch, bloß, weil es die Kamera gibt, obsolet geworden.

Luerweg: Aber ist es nicht trotzdem alles ein bisschen - sage ich mal - demokratischer geworden? Beziehungsweise: Es werden soziale Grenzen vermischt. Denn die Super-8-Kamera früher von Papi, die war teuer. Das Handy hat ja heute im Grunde genommen jeder.

Schönberger: Also wenn die Bereitschaft dazu besteht, Verhältnisse neu auszuhandeln, dann ist es tatsächlich möglich. Aber wenn das nicht der Fall ist, wenn bestimmte Strukturen bestehen bleiben, dann ist die Kamera allein nur ein notwendiges aber kein hinreichendes Mittel für die Demokratisierung.

Luerweg: Welche Strukturen bleiben denn in Ihren Augen bestehen? Was haben Sie herausgefunden im Zuge der Recherche?

Schönberger: Sie haben schon Recht. Im Prinzip: Das Technische, sozusagen, ist tatsächlich so, dass Sie erweiterte Möglichkeiten sehen. Wir reden immer von erweiterten, aber wir würden uns, glaube ich, schwer tun, die technische Voraussetzung gleichzusetzen mit der Demokratisierung. Denn so einfach ist das eben nicht mit den technischen Mitteln.

Luerweg: Natürlich, so einfach ist das nicht. Aber Sie beschreiben das ja auch in Ihrem Buch an einer Stelle: Dass beispielsweise gerade sozial abgehängte Jugendliche mit Hilfe dieser Handy-Filme eine Möglichkeit haben, sich Gehör zu verschaffen, sich selbst zu inszenieren, zu sagen: Wir haben mehr zu erzählen, als man gemein hin denken könnte.

"Die Sache vom Alltag der Jugendlichen her anschauen"

Schönberger: Das ist ein Aspekt. Ein anderer Aspekt, den wir auch interessant finden, ist natürlich, dass mit Bildern kommuniziert werden kann. Oder: Bilder als Basis von Kommunikation. Also gerade durch das Verschicken von Bildern über WhatsApp oder andere Messanger-Systeme, besteht eine Möglichkeit auch für Personen, die zum Beispiel nicht so sprachgewaltig sind, ihre Dinge mitzuteilen auf ihre Weise. Auch das ist eine erweiterte Möglichkeit.

Luerweg: Die Angst, dass die Digital Natives, also die Jugendlichen vor allen Dingen, auch so ein bisschen die Grenzen überschreiten und pornografische Videos ins Netz stellen, die nehmen Sie so ein bisschen in diesem Buch. Sie sagen: Das ist gar nicht so wild, wie alle immer behaupten.

Schönberger: Zunächst einmal gab es diese Grenzüberschreitungen auch schon vorher. Es gibt diese Grenzüberschreitungen, aber sie sind bei Weitem nicht das Zentrale. Und das ist ja sozusagen, was die Medienberichterstattung da suggeriert, dass man eigentlich nur noch in dieser Weise Inhalte konsumiert oder sogar herstellt. Also wir können an ganz bestimmten Stellen schon zeigen, was für eine Rolle diese pornografischen, aber auch gewalttätigen Inhalte spielen. Also natürlich sind diese Inhalte ein Problem, aber sie sind nicht das zentrale. Und es gibt dazu schlichtweg auch keine Forschung, die belegen kann, dass das das zentrale wäre. Sondern es gibt immer Medienberichterstattung über Einzelfälle, die es natürlich gibt.

Und wir empfehlen schon, die Sache noch mal vom Alltag der Jugendlichen her anzuschauen. Sie nutzen es, um Freundschaften zu festigen, sie benutzen es zum Kommunizieren, sie benutzen es, um sich selbst Erinnerungen zu schaffen. Es gibt eine ganze Reihe von Funktionen, die es eben auch hat. Und darauf legen wir jetzt in dem Fall den größeren Wert.

"Das ist ja immer die Frage gewesen, inwiefern sich Technik verselbstständigt"

Luerweg: Ja. Und Sie legen ja auch so ein bisschen den Fokus auf das Kreativpotenzial. Also beispielsweise, wenn Sie beschreiben, welche unglaublichen Internet-Phänomene entstehen, wenn Jugendliche Tänze nachahmen, wie den Gangnam Style, Nossa Nossa. Das ist ja ein weltweit umspannendens Phänomen, das doch vermutlich so, in der Form, mit dem Super-8-Film nicht möglich gewesen wäre. Das hat es ja erst im Handy-Zeitalter gegeben, oder?

Der Kulturanthropologe Klaus Schönberger (aau/photo riccio/Walter Elsner)Der Kulturanthropologe Klaus Schönberger (aau/photo riccio/Walter Elsner)

Schönberger: Die Art von Nachahmung, die ist nicht so neu. Aber dass es eben festgehalten werden kann und dass es in dieser Weise dann auch herumgeschickt wird und gezeigt wird, das ist das, was neu ist, ja.

Luerweg: Die Entwicklung, die bleibt ja nicht beim Handy-Film stehen. Sondern immer häufiger wird ja auch mit Drohnen gefilmt. Heißt das, die Maschine übernimmt dann irgendwann die Deutungshoheit über die Bilder?

Schönberger: Das ist ja immer die Frage gewesen, inwiefern sich Technik verselbstständigt, inwiefern wir die Deutungshoheit darüber wegnehmen. Natürlich ermöglicht die Drohne, Bilder herzustellen, die bisher nicht möglich waren. Auch E-Mail hat neue Formen der Kommunikationsregeln mit sich gebracht. Und so ist das eben auch mit diesen Kameras und den Drohnen, dass festgelegt werden wird, was geht, was nicht geht, was kriminell ist, was erwünscht ist, was kreativ ist, was problematisch ist.

Zusammenspiel von technischer und gesellschaftlicher Entwicklung

Luerweg: Herr Schönberger, was glauben Sie, wo wird die Entwicklung hingehen?

Schönberger: Ich glaube, man ist gut beraten, wenn man sich die sozialen Praktiken der Menschen anschaut. Und wenn wir die Geschichte der Technik-Diffusion anschauen, dann sehen wir, dass ganz viel angenommen wurde von den vielen Möglichkeiten, die angeboten waren, wenn es um soziale Beziehungen geht, wenn es um die Herstellung von Freundschaften, von Bekanntschaften, von Kommunikation geht. Das ist das, was immer mehr eine Weiterentwicklung erfahren wird und wo niemand so genau weiß, wohin sich das entwickeln wird, weil wir und das heute zum Teil gar nicht vorstellen können. Aber meine Prognose wäre immer, also wenn ich etwas erwarte, dann schaue ich immer auf diese sozialen Beziehungen und auf die grundlegenden Bedürfnisse der menschlichen Subjekte und der Handlungen. Und dann kann ich dann anfangen mir auszumalen, was könnte alles noch kommen. Und das ist etwas, was so die Richtschnur wäre, nach der ich versuchen würde zu überlegen.

Und da hängt das ja eben nicht nur von der technischen Entwicklung ab, sondern auch von der gesellschaftlichen Entwicklung. Und man hat sich ja immer gestritten, ob das Internet Ergebnis der Globalisierung war oder die Voraussetzung der Globalisierung. Und wenn ich mal von der Technik weggehe, sondern mir die gesellschaftliche Entwicklung anschaue, dann würde ich sagen, ich würde mir zunächst einmal überlegen, wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die so produziert, die solche Strukturierungen in sozialen Beziehungen hat? Und dann kann ich mir anschauen: Welche technische Entwicklung ist funktional dafür, was ist dysfunktional und was brauche ich, was könnte eine bestimmte Entwicklung fördern, beschleunigen, dynamisieren? Oder eben auch: Was brauche ich dazu nicht?

Luerweg: Klaus Schönberger, Professor für Kulturanthropologie an der Universität Klagenfurt und einer der Herausgeber des Buches "Bewegtbilder und Alltagskultur(en). Von Super 8 über Video zum Handyfilm". Das Buch ist im Herbert von Halem Verlag erschienen. Herr Schönberger, danke für das Gespräch!

Schönberger: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Ute Holfelder und Klaus Schönberger (Hrsg.): Bewegtbilder und Alltagskultur(en). Von Super 8 über Video zum Handyfilm. Praktiken von Amateuren im Prozess der gesellschaftlichen Ästhetisierung. Herbert von Halem Verlag, 318 Seiten.

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