Montag, 22.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheErgebnisse für jeden - vom rechten Hetzer bis zum Asylbefürworter 03.01.2018

Studie zur GewalttatenErgebnisse für jeden - vom rechten Hetzer bis zum Asylbefürworter

Die Zahl der Gewalttaten durch Flüchtlingen ist einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wie bei allen Statistiken stecke der Teufel aber im Detail, kommentiert Kemal Hür. Wenn man sich die Zahlen genauer anschaue, verblassten die Erklärungen und Analysen - zumal sie kaum neu seien.

Von Kemal Hür

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Ein Zettel mit der Aufschrift "Engel sind für immer nah" liegt am 28.12.2017 vor dem Drogeriemarkt in Kandel zwischen abgelegten Blumen und Kerzen (Andreas Arnold / dpa)
Auch nach der Gewalttat im rheinland-pfälzischen Kandel wird Gewaltkriminalität von Flüchtlingen heftig diskutiert (Andreas Arnold / dpa)
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Statistische Studien haben oft die Besonderheit, schwer lesbar und vielschichtig interpretierbar zu sein. So auch das heute vorgestellte Gutachten "Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland" mit dem Schwerpunkt Gewalt von Flüchtlingen.

Das auffälligste Ergebnis lautet: Die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten ist zwischen 2014 und 2016 um 10,4 Prozent gestiegen, nachdem diese in den Vorjahren kontinuierlich rückläufig gewesen war. Besonders markant: Der Anstieg geht zu über 90 Prozent auf das Konto von Flüchtlingen, sagen die Forscher, die im Auftrag des Bundesfamilien- und Jugendministeriums niedersächsische Daten analysiert haben. Die Zahlen seien auf die gesamte Bundesrepublik übertragbar.

Der Teufel steckt im Detail

Die Befunde in Zahlen sind auf den ersten Blick eindeutig, aber wie bei allen Statistiken steckt auch hier der Teufel im Detail. So warnen die Autoren die Medien und Politik eindringlich davor, die Ergebnisse zu pauschalisieren. Sie sollen auf einen Verzerrungsfaktor hinweisen, der für das Zustandekommen der Ergebnisse entscheidend sei. Erstens würden Gewaltdelikte von Flüchtlingen im Vergleich zu denen deutscher Täter mindestens doppelt so oft angezeigt. Zweitens würden umgekehrt Migranten deutsche Täter erheblich seltener anzeigen. Dahinter vermuten die Wissenschaftler ein generelles Misstrauen gegenüber der Polizei.

Vor diesem Hintergrund verblassen die Erklärungen und Analysen, zumal sie kaum neu sind. Ein zentraler Befund: Junge Männer aus dem nordwestafrikanischen Raum seien besonders gewalttätig. Das ist die Gruppe von geflüchteten Menschen, die in Deutschland keinerlei Bleibeperspektive haben. Weiter fällt auf, dass sich Gewalttaten dort ereignen, wo diese Menschen auf engstem Raum aufeinander treffen, also in Flüchtlingsheimen. Und ein drittes Merkmal fällt auf: Den jugendlichen Gewalttätern fehlen die weiblichen Bezugspersonen.

Ergebnisse für jeden

Das sind Aussagen, die seit dem Flüchtlingsansturm Ende 2015 diskutiert werden. Welche neuen Erkenntnisse liefert also die aktuelle 130 Seiten umfassende Studie, deren Autoren explizit darauf hinweisen, dass die Ergebnisse durchaus verzerrt sein könnten?

Das Familienministerium hat Geld für eine Studie hinausgeworfen, die Ergebnisse für jeden anbietet. Die rechten Hetzer werden sich nun auf die Studie beziehen und sagen: Flüchtlinge bringen Gewalt nach Deutschland. Die Islamfeinde werden sich ihnen anschließen. Die Asylbefürworter hingegen werden sich der Befunde bezüglich der Kriegsflüchtlinge bedienen und sagen, Syrer, Iraker und Afghanen seien nicht kriminell.

In der Regierungsbildung wird diese Studie keine Rolle spielen, sondern in einer Schublade verschwinden. Ohne Konsequenzen für die Flüchtlingspolitik.

Kemal Hür (Foto: privat)Kemal Hür (Foto: privat)Kemal Hür, Jahrgang 1968, studierte Germanistik, Soziologie sowie Theater- und Filmwissenschaft an der FU Berlin. Nach Dolmetschertätigkeiten begann er im Jahr 2000 seine journalistische Laufbahn bei Radio Multikulti beim SFB/RBB. Ab 2005 arbeitete er auch für verschiedene Fernsehprogramme der ARD (Kontraste, Cosmo-TV, Abendschau, Stilbruch). Seit 2006 ist er Autor für verschiedene ARD-Hörfunkprogramme. Seit 2014 bearbeitet er für das Berliner Landesstudio von Deutschlandradio die Themenschwerpunkte Migration/Integration/Islam/Türkei.

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