Samstag, 18.11.2017
StartseiteCampus & Karriere"Es kommt auf die Qualität der einzelnen Schule an"08.11.2017

Studie zur Inklusion"Es kommt auf die Qualität der einzelnen Schule an"

Forscher haben erstmals untersucht, wie sich inklusiver Unterricht auf den Lernerfolg auswirkt. Die pädagogische Psychologin Elke Wild erklärte im Dlf: Der Lernerfolg hänge weniger an der Inklusion selbst, als an den Bedingungen, unter denen man sie umsetze.

Elke Wild im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Ein Schulkind steht vor einer Tafel, auf der das Wort "Inklusion" geschrieben steht. (picture alliance / dpa)
Weg von der Systemdebatte: "Wir müssen vor allen Dingen sehen, dass in Förderschulen genauso wie in inklusiven Schulen eine hohe Qualität herrscht", plädiert Elke Wild (picture alliance / dpa)
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Benedikt Schulz: Inklusion ist und bleibt Streitthema in der Bildungspolitik, und eines, bei dem immer mit harten Bandagen gekämpft wird. Eigentlich steht der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf ja überhaupt nicht zur Diskussion, das Ganze ist ja vorgeschrieben durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Es wird sich aber trotzdem gezankt, und immer wieder im Mittelpunkt stehen die Förderschulen - die wären ja, theoretisch zumindest, hinfällig. Vor wenigen Monaten erst hat aber zum Beispiel die neue schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen dafür gesorgt, dass die meisten Förderschulen erhalten bleiben, auch weil man der Ansicht ist, dass der Unterricht in einer Förderschule, also der exklusive Unterricht, für viele Kinder besser sei. Interessanterweise gibt es zu dieser Frage sehr viele Haltungen, aber eigentlich ziemlich wenig Belege.

"Das sind alles plausible Hypothesen"

Das wollten Wissenschaftler aus Bielefeld, Marburg und Gießen ändern und haben untersucht, wie sich inklusiver und exklusiver Unterricht auf den Lernerfolg auswirken, und haben ihn getestet bei gut 400 Kindern mit Förderbedarf. An der Studie mitgearbeitet hat Elke Wild, Professorin für pädagogische Psychologie an der Uni Bielefeld - und außerdem am Telefon. Hallo!

Elke Wild: Hallo, ich grüße Sie!

Schulz: Frau Wild, ein Ergebnis Ihrer Studie ist, dass der Lernerfolg, also in diesem Fall der Leistungszuwachs über einen bestimmten Untersuchungszeitraum hinweg … da gibt es kaum Unterschiede zwischen inklusivem Unterricht und Förderschulunterricht. Woran liegt das?

Wild: Nun ja, wir haben ja, wie Sie es schon zu Beginn gesagt haben, eine lange Debatte darüber, und da sind natürlich auch viele theoretische Überlegungen angestellt worden für die inklusive Schule, aber auch gegen die inklusive Schule und umgekehrt. Ein wesentliches Argument für die inklusive Schule war im Grunde genommen immer, dass die Kinder mit Förderbedarf dann mitgezogen werden von den leistungsstärkeren Schülern. Umgekehrt könne man eben argumentieren, na ja, aber immer wieder sehen zu müssen, dass man schlechter ist als die anderen Kinder ohne Förderbedarf, das kann natürlich auch sehr demotivieren, und diese Demotivation kann dann wiederum die Leistungsentwicklung beeinträchtigen.

Das sind alles plausible Hypothesen, und deswegen haben wir eben gesagt, wir schauen mal, ob es denn überhaupt große Unterschiede gibt, und wir haben eben jetzt eine der ganz, ganz wenigen Längsschnittstudien durchgeführt - bisher gab es eigentlich immer Querschnittstudien, aus denen man keine kausalen Aussagen ziehen kann. Wir haben jetzt eben die Kinder im Längsschnitt untersucht, und es zeigt sich, es gibt gar nicht große Gruppenunterschiede - in der Entwicklung wohlgemerkt.

"Nicht so wütend über verschiedene Formen der Förderung nachdenken"

Wenn wir nur zu einem Messwahlpunkt schauen, dann ist es so, dass in der Regel die Kinder in den inklusiven Schulen schon eine höhere Lesekompetenz haben, besser schon Rechtschreiben beherrschen, aber das sind sozusagen wirklich Gruppenunterschiede, die über die Zeit praktisch konstant bleiben. Insofern ist unsere Schlussfolgerung: Wir sollten gar nicht so ewig und so wütend über die verschiedenen Formen der Förderung nachdenken, sondern wir müssen vor allen Dingen sehen, dass in Förderschulen genauso wie in inklusiven Schulen eine hohe Qualität herrscht, denn auf die Qualität der einzelnen Schule kommt es an.

Schulz: Also die bis jetzt ja teilweise sehr erbittert geführte Debatte um den Erhalt oder eben auch Nichterhalt der Förderschulen, die erübrigt sich eigentlich.

Wild: Na, das kann man damit nicht sagen. Also erstens muss man ja einräumen, wir haben Kinder mit Förderbedarf "Lernen" untersucht, das ist zwar die größte Gruppe, aber es gibt natürlich auch noch Kinder mit anderen Förderbedarfen, zum Beispiel eben geistiger Entwicklung oder emotionale, soziale Entwicklung. Dann haben wir natürlich eben Drittklässler und Viertklässler untersucht und nicht Sekundarstufenschüler, und wir haben wie gesagt die Lese- und Rechtschreibeentwicklung untersucht. Man könnte natürlich auch noch andere Leistungsparameter, vor allen Dingen aber natürlich auch andere psychosoziale Faktoren untersuchen. Beispielsweise gehört es ja zum Auftrag der Schule, die Kinder wirklich sozial auch einzubeziehen und möglichst eben nicht auszugrenzen. Das sind sozusagen dann aber ganz andere Kriterien.

"Es geht natürlich auch um Ressourcen"

Dann ist, glaube ich, diese Diskussion Förderschule ja oder nein, die wird deswegen so erbittert geführt, weil es natürlich auch um Ressourcen geht. Gerade Lehrer klagen ja immer wieder darüber, dass Inklusion so schwer umzusetzen sei, weil es zu wenig sonderpädagogisches Personal an den Schulen gibt. Und wenn jetzt eben mehr Förderschulen geschlossen würden, wäre das Personal natürlich dann eben auch verfügbar für das allgemeine Schulwesen.

Schulz: Sie haben jetzt ein paar Faktoren genannt, die man auch mal untersuchen müsste, und ich glaube, das haben Sie auch vor. Welche Faktoren sind denn Ihrer Meinung nach für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf entscheidend, wenn es jetzt nicht das Schulsetting selber ist?

Wild: Also es ist die Qualität der einzelnen Schule, und das korrespondiert übrigens auch mit Erkenntnissen, die zum Beispiel die PISA-Väter ja auch immer wieder betont haben. Auch da haben wir ja lange darüber gestritten, braucht es wirklich so ein differenziertes Schulsystem. Und über die Systemdebatte hat man sozusagen eben gar nicht mehr sich die einzelne Schule angeschaut, und dabei ist die eben wichtig für die Entwicklung. Es gibt gute und schlechte Förderschulen und es gibt gute und schlechte inklusive Schulen, und am besten sollten alle Schulen gut sein.

Was sind die Bedingungen für den Erfolg?

Das hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab: Wir haben neben dieser sehr, sehr großen quantitativen Befragung eben auch noch qualitative Interviews mit Schulen durchgeführt, wo die Schüler entweder besonders gute Werte erzielten, und zwar nicht nur in der Leistung, sondern auch in ihrem Wohlbefinden, und umgekehrt, wo die Schüler eigentlich eher niedrige Werte erzielten, und die haben wir dann eben halt kontrastiert, um genau solche Gelingensbedingungen eben zu identifizieren. Ein wichtiger Faktor, an dem wir jetzt eben auch weiterarbeiten werden, ist die Kooperation, also wird wirklich zwischen Lehrkräften und sonderpädagogischen Lehrkräften auf Augenhöhe kommuniziert, findet ein guter Austausch statt, hat man genügend Zeit, sich auch zu verständigen und sozusagen sich wechselseitig weiterzubilden. Das ist eben ein ganz, ganz wichtiger Faktor neben der Haltung, ob man Vielfalt als Zumutung empfindet oder eben wirklich auch als Bereicherung.

Schulz: Elke Wild, Professorin für pädagogische Psychologie an der Uni Bielefeld. Sie hat zusammen mit anderen Forschern untersucht, inwieweit der Lernerfolg bei Schülern mit Förderbedarf vom Schulsetting abhängt. Frau Wild, herzlichen Dank!

Wild: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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