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StartseiteSprechstundeDer soziale Stand ist entscheidend16.02.2016

Studie zur Kindergesundheit in DeutschlandDer soziale Stand ist entscheidend

Der Konsum von Rauschgift, Alkohol und Zigaretten ist in Deutschland unter Jugendlichen deutlich zurückgegangen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der WHO. Psychische Probleme, Übergewicht und Medienkonsum sind hingegen immer noch hoch. Ein Grund dafür: der soziale Stand der Familie.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto

Ein dickes Mädchen stochert in Hamburg) in seiner Nachspeise herum. (Markus Scholz, dpa picture-alliance)
Die WHO spricht von einer globalen Herausforderung von kindlichem Übergewicht. (Markus Scholz, dpa picture-alliance)
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Christian Floto: Um welche Verhaltensweisen geht es in dieser Studie und wie läuft sie konkret ab?

Lennart Pyritz: Zunächst einmal grundsätzlich: Mit der Studie soll die Gesundheit und das gesundheitsrelevante Verhalten von Schülerinnen und Schülern ermittelt werden. Ziel ist es, diese Daten dann zu nutzen, um Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Konkret senden die Wissenschaftler einheitliche Fragebögen an Schulen, die dort anonym von Fünft-, Siebt- und Neuntklässlern ausgefüllt werden – Kinder zwischen elf und 15 Jahren also.

Dabei geht es zum Beispiel um die Ernährung, um Drogenkonsum, Medien-Nutzung, Sexualverhalten, psychosomatische Beschwerden, Mobbing und um das schulische und familiäre Umfeld.

Insgesamt haben die deutschen Forscher für die vorliegende Studie 6.000 Schülerinnen und Schüler aus knapp 200 Schulen befragt. Beteiligt ist dabei eine Handvoll Universitäten, unter anderem in Halle, Bielefeld und Hamburg.

Gesundheit insgesamt besser

Floto: Was sind die auffälligsten und wichtigsten Ergebnisse der neuen Studie?

Pyritz: Darüber habe ich am Telefon mit Matthias Richter gesprochen. Er ist Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der Universität Halle-Wittenberg und koordiniert den deutschen Teil der Studie. Der grundlegende Trend sei positiv:

"Also wirklich auffällig in den letzten Jahren war, dass sich die gesundheitliche Lage der Heranwachsenden schrittweise verbessert hat. Die große Mehrheit der Elf- bis 15-Jährigen schätzt die Gesundheit als sehr gut ein und berichtet auch über eine hohe Lebenszufriedenheit."

Auch beim Drogenkonsum stellt Richter positive Entwicklungen fest:

"Die Raten des wöchentlichen Rauchens haben sich bei den Kindern und Jugendlichen halbiert. Mitte der 90er waren es etwa 30 Prozent, die regelmäßig geraucht haben. Jetzt sind es eigentlich nur noch 15 Prozent. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich auch beim Alkoholkonsum sowie beim Cannabiskonsum. Also die Raten gehen runter."

Psychische Probleme nehmen zu

Floto: Wo liegen denn noch Probleme im Hinblick auf die Gesundheit der Jugendlichen?

Pyritz: Etwa 15 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben laut Richter vorübergehende oder länger andauernde Gesundheitsprobleme. Dazu zählen psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Nervosität oder Probleme beim Einschlafen. Unter mindestens zwei davon pro Woche leidet ein Drittel der Mädchen und knapp 20 Prozent der Jungen. Einen starken Zusammenhang gibt es laut Richter auch zwischen Gesundheit und Schulstress. Und der Fernsehkonsum ist nach wie vor problematisch.

"Ungefähr 50 bis 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen schauen mehr als zwei Stunden täglich fern. Und wir Gesundheitswissenschaftler sprechen eigentlich davon, dass es ab zwei Stunden am Schultag dann doch ein bisschen gesundheitsgefährdender ist."

Stichworte sind dabei: mangelnde Bewegung, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Probleme, aggressives Verhalten und psychosomatische Probleme.

Jungen ernähren sich schlechter als Mädchen

Floto: Welche Faktoren entscheiden denn im Einzelfall über die Gesundheitslage?

Pyritz: Wie eben schon angeklungen, gibt es Geschlechterunterschiede: Jungen ernähren sich schlechter, trinken mehr Alkohol und verbringen mehr Zeit vorm Fernseher. Mädchen rauchen inzwischen häufiger als Jungen und sind seltener körperlich aktiv. Und ganz entscheidend ist auch der sozio-ökonomische Hintergrund der Jugendlichen. Matthias Richter spricht da von einem sozialen Gradienten:

"Das bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen mit einem niedrigen familiären Wohlstand deutlich häufiger gesundheitlich beeinträchtigt sind und über gesundheitsschädliche Verhaltensweisen berichten. Das zieht sich eigentlich durch die komplette Gesellschaft und durch alle Verhaltensweisen."

Es kommt auf die Verhältnismäßigkeit an

Floto: Was sind die Stellschrauben, um gesundheitsschädliche Faktoren in Zukunft anzugehen?

Pyritz: Da gibt es mehrere Schrauben: Ärzteschaft, Elternhäuser, Schulsystem und natürlich die Politik.
Beim Thema Rauchen haben zum Beispiel offenbar politische Maßnahmen Mitte der 2000er Jahre eine Wende eingeleitet – also Einschränkung von Tabak-Werbung und Rauchverbote in Schulen und Bahnen.

Für Richter ist die Verhältnisprävention entscheidend. Das heißt: Nicht nur auf einzelne Verhaltensweisen fokussieren, sondern die Lebensverhältnisse der Jugendlichen insgesamt in den Blick nehmen. Dabei spiele die Schule eine entscheidende Rolle. Um die sozialen Ungleichheiten in der Gesundheit auszugleichen plädiert Matthias Richter für Gemeinschaftsschulen, in denen alle Kinder und Jugendlichen bis zum 10. Schuljahr gemeinsam unterrichtet werden. Und das Fach "Gesundheit" müsse auf dem Stundenplan stehen.

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