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Startseite@mediasresEinseitig bewerteter Digitalisierungsprozess02.05.2017

Studie zur Mediendarstellung von ArbeitEinseitig bewerteter Digitalisierungsprozess

Welches Bild macht sich die Bundesrepublik von der Zukunft der Arbeit? Negative Entwicklungen werden "in einem Ton der Unabänderlichkeit" dargestellt, lautet das Ergebnis einer Studie über die Darstellung der "Zukunft der Arbeit" in der Presse. Alternative Ansätze fänden hingegen kaum Beachtung, kritisiert der Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Arlt.

Hans-Jürgen Arlt im Gespräch mit Brigitte Baetz

Eine Arbeit der Künstlerin Greta Louw in München auf der Medienkunstmesse Unpainted.  (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Eine Arbeit der Künstlerin Greta Louw in München auf der Medienkunstmesse Unpainted. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
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Viele Gewerkschafter sehen sich und ihre Themen in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert. Für eine Studie der Otto Brenner Stiftung hat der Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Arlt analysiert, wie die Frage nach der "Zukunft der Arbeit" in der Presse behandelt wird.

"In der Medienöffentlichkeit spiegelt sich das Selbstbild einer Gesellschaft."

360 Artikel aus den Jahren 2014 und 2015 aus elf führenden Tages- und Wochenzeitungen hat Arlt untersucht und vor allem Berichte über die negativen Entwicklungen der Arbeit unter den Bedingungen der digitalen Ökonomie gefunden: "Weniger soziale Sicherungen, mehr Konkurrenz, stärkere Kontrolle, Verlust von Arbeitsplätzen." Diese negativen Auswirkungen der Digitalisierung, würden zu Recht thematisiert, jedoch in einer einseitigen Weise, meint Arlt.

Hans-Jürgen Arlt: Solche negativen Entwicklungen werden in einem Ton der Unabänderlichkeit dargestellt, geradezu mit einem schicksalshaften Gestus. Es werden auch positive Aspekte benannt, etwa größere Chancen, Orte und Zeiten, seine Arbeitstätigkeiten selbst zu bestimmen und weniger in Hierarchien eingebunden zu sein.

Aber solche positiven Folgen werden nun mehr als Abfallprodukt denn als Absicht präsentiert. Und eigentlich auch nur wirklich als in Ordnung befunden, wenn sie der Wirtschaft dienen. Soll heißen und will sagen: Die Gewerkschaften finden in der Berichterstattung mit ihrem Ruf nach guter Arbeit keine große Resonanz.

Digitale Technik als Naturereignis?

Brigitte Baetz: Man könnte aber doch auch jetzt dagegenhalten: Ja, gut, vielleicht ist das eben so. Sie sagen ja auch, es wird als unabänderlich dargestellt. Was würden Sie dem entgegnen?

Arlt: Also ich würde erstmal fragen, warum die digitale Technik so sehr als Naturereignis dargestellt wird, dem sich alle anzupassen haben, dem alle den Weg frei zu machen haben. Ich meine, der naheliegende Gedanke, dass die Digitalisierung selbst ein Resultat von Arbeit ist, also entschieden werden kann, was man macht und was man nicht macht, kommt nicht vor. Ich finde das deshalb überraschend, weil in der historischen Rückschau niemand bestreiten würde, dass der Pflug und die Eisenbahn, die Nähmaschine und die Bohrmaschine, Fließband oder Computer Menschenwerk sind.

Aber der Digitalisierungsprozess, der wird behandelt, als ereigne er sich hinter dem Rücken aller Beteiligten.Es gibt keinen ernsthaften Gestaltungsanspruch. Es herrscht in der Berichterstattung wirklich eine dramatische Veränderungsrhetorik: Nichts wird bleiben, wie es ist; das Internet verändert unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft, unser Leben - meldet zum Beispiel die Wirtschaftswoche.

Regie der Wirtschaft über die Arbeit als "unabänderliche Selbstverständlichkeit"

Woran sich allerdings nichts ändert: Was in der Berichterstattung als unabänderliche Selbstverständlichkeit mitläuft - das ist die Regie der Wirtschaft über die Arbeit. Arbeit, die sich nicht rechnet, können wir nicht brauchen. Was keinen Gewinn bringt, das sollen weiterhin die Frauen unbezahlt erledigen oder, wenn es gar nicht anders geht, die öffentlichen Hände richten. Das wird so natürlich nicht gesagt. Aber es ist die unausgesprochene Konsequenz.

Baetz: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ist?

Arlt: Man kann zum Beispiel an den neuen sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts sehr schön beobachten, wie die Umweltbewegung und die Frauenbewegung, weil sie es geschafft haben, tatsächlich gesellschaftliche Kommunikation anzuregen und sich zum Thema zu machen, in den Medien große Resonanz gefunden haben - und die Medienberichterstattung und die sozialen Bewegungen sich eigentlich gegenseitig befördert haben.

"Alternative Ansätze schaffen es bislang nicht, in der Öffentlichkeit nennenswert aufzutauchen"

Es gelingt bis heute den alternativen Ansätzen, den alternativen Bewegungen der digitalen Szene, der Start-up-Szene, die ja nicht nur technisch kreativ ist, sondern auch sozial kreativ ist, es gelingt ihnen bis heute nicht, ihre alternativen Ansätze - die Open-Source-Bewegung, die 'commons', die sich wirklich relativ breit organisieren, hierarchiefrei, auf gleicher Augenhöhe -, solche Ansätze schaffen es bislang nicht, in der Öffentlichkeit nennenswert aufzutauchen. Woraus der Journalismus die Konsequenz zieht: Unser Publikum interessiert das wohl nicht und dann berichten wir auch nicht darüber.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das komplette Interview hören sie heute ab 15:35 Uhr in @mediasres.

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