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StartseiteThemen der WocheStunde des großen Bruders16.02.2013

Stunde des großen Bruders

Die Rolle Chinas im Konflikt mit Nordkorea

Im Nordosten Chinas, an der Grenze zu Nordkorea bebte am vergangenen Dienstag mal wieder die Erde. Eine ganze Minute lang, so berichteten Anwohner. Die Chinesen feierten gerade das Neujahrsfest. Das ist im Stellenwert vergleichbar mit Weihnachten im Westen. Ausgerechnet zu dieser Zeit testete Nordkorea gleich hinter der Grenze eine Atombombe.

Von Markus Rimmele, ARD-Korrespondent Shanghai

Die nordkoreanische Flagge: Auch China geht auf Distanz zum Regime. (picture alliance / dpa / Yohnap)
Die nordkoreanische Flagge: Auch China geht auf Distanz zum Regime. (picture alliance / dpa / Yohnap)

Viele Chinesen empfanden das – gelinde gesagt - als einen unfreundlichen Akt. Nordkorea – das ist jetzt klar geworden – nimmt auch auf seinen wichtigsten Verbündeten China keine Rücksicht mehr. Peking hatte mehrfach an Pjöngjang appelliert, keine weiteren Atomtests durchzuführen. Die Chinesen hatten sogar im UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt nach einem Raketentest im Dezember. Das war ungewöhnlich deutlich. Und doch erfolglos.

Nordkorea führt sich weiterhin auf wie ein Rabauke. Doch Peking ist hier kein Opfer, sondern hat sich die verfahrene Situation zu großen Teilen selbst zuzuschreiben. Chinas Regierung ist mit ihrer Nordkorea-Politik gescheitert. Seit dem Koreakrieg ist China so etwas wie der große Bruder Nordkoreas, der Garant für die Existenz des kommunistischen Regimes in Pjöngjang. Ohne die Wirtschafts- und Lebensmittelhilfen aus China könnte das völlig verarmte Land kaum überleben. Jedes Jahr fließen allein 500.000 Tonnen chinesisches Öl über die Grenze. Mehr als die Hälfte seines Handels treibt Nordkorea mit China. Peking hält Nordkorea am Laufen. Und es beschützt Nordkorea auf der internationalen Bühne.

Regelmäßig hat China in der Vergangenheit härtere Sanktionen gegen das Kim-Regime blockiert. Mit dem Rückhalt Chinas kann Pjöngjang immer weiter an seinem Atomprogramm basteln, seine Nachbarn und die USA bedrohen. Und muss doch keine gravierenden Konsequenzen befürchten.

China verfolgt dabei strategische Interessen. Peking sieht in Nordkorea einen wichtigen Pufferstaat zu den US-Alliierten Südkorea und Japan. Die Chinesen fürchten einen Kollaps des Regimes in Pjöngjang und eine etwaige Wiedervereinigung Koreas unter südkoreanischen Vorzeichen. Die USA könnten so ihren Einfluss ausweiten. Amerikanische Truppen könnten dann direkt an der chinesischen Grenze stehen. Ein Horror für die kommunistische Führung. Gleichzeitig befürchtet China Flüchtlingsströme, Aufruhr und unkalkulierbare Konflikte. Das alles vor der eigenen Haustür.

Und so verfolgte Peking über die Jahre stets die Politik des kleineren Übels: Lieber eine etwas unberechenbare, doch dafür befreundete und von China abhängige Atommacht Nordkorea als mögliches Chaos und ein Vordringen der Amerikaner.

Doch diese Politik ist unhaltbar geworden. Auch für China steht mittlerweile bei einem "Weiter so" zu viel auf dem Spiel. Wenn Nordkorea eines Tages tatsächlich einsatztaugliche Atomwaffen besitzen sollte, könnte von Stabilität vor der chinesischen Haustür keine Rede mehr sein. Es ist kaum vorstellbar, dass Südkorea, Japan und die USA in Ruhe dabei zusehen werden, wie Pjöngjang atomwaffenbestückte Langstreckenraketen auf sie ausrichtet. Die jetzige Politik führt in den Konflikt.

Für die chinesische Regierung steht auch ihr internationales Ansehen auf dem Spiel. Sie lässt geschehen, dass ihr das Regime in Pjöngjang munter auf der Nase herumtanzt und sie vor der Weltöffentlichkeit blamiert. Eine souveräne verantwortungsbewusste Großmacht sieht anders aus.

China hält den Schlüssel in der Hand. Nur die Regierung in Peking kann Pjöngjang wirkungsvoll unter Druck setzen. Nur Wirtschaftssanktionen aus Peking wären für die Kim-Dynastie schmerzhaft und existenziell bedrohlich. Nur mit ihnen besteht die Chance auf ein Einlenken Nordkoreas in Sachen Atomprogramm, auf eine Öffnung des Landes und auf dringend notwendige Wirtschaftsreformen.

China braucht eine neue Nordkorea-Politik. Das ist es – last but not least - auch der darbenden nordkoreanischen Bevölkerung schuldig.

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