Samstag, 16.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheKostensteigerung beschädigt Glaubwürdigkeit 29.11.2017

Stuttgart 21Kostensteigerung beschädigt Glaubwürdigkeit

Es wäre zu einfach, die immer wieder steigenden Kosten von Stuttgart 21 auf die Ingenieure abzuwälzen, kommentiert Harald Kirchner. Der finanzielle Schaden mag groß sein, der Schaden für die politische Kultur, für die Glaubwürdigkeit aber sei gewaltig.

Von Harald Kirchner

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Bauarbeiter gehen in Stuttgart durch den Tunnel Bad Cannstatt, der im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 errichtet wird. (picture alliance / dpa / Marijan Murat/)
Zu oft wurden die optimistischen Prognosen über die Kosten von Stuttgart 21 von der Realität eingeholt (picture alliance / dpa / Marijan Murat/)
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Es ist das bestgeplante und -finanzierte Projekt in der Bundesrepublik, dieses Mantra wurde jahrelang heruntergebetet. Doch alle Jahre wieder steht eine Kostensteigerung ins Haus. Offiziell bestätigen will sie zwar niemand, aber - und das ist das Traurige - kaum jemand zweifelt an den neuen Horrorzahlen.

Zu oft wurden die optimistischen Prognosen von der Realität eingeholt. Damals in den 90ern, als man euphorisch auf die unterirdische Zukunft setzte, sollte das Projekt noch 2,5 Milliarden kosten. Neben all dem Hickhack, wer denn am Ende für die Mehrkosten aufkommen soll, steht eine ganz andere Frage, eine viel wichtiger Frage im Vordergrund: Es ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit von Planern, die mit immer neuen Zahlen kommen und natürlich die Glaubwürdigkeit der Politik.

Denn das Milliardenprojekt Stuttgart 21 wurde mit größtem politischem Druck durchgesetzt. Die Mehrheiten dafür wurden immer mit dem Argument erzielt, die Berechnungen seien seriös. Gegner des Projekts haben immer argumentiert, die Kosten seien unrealistisch dargestellt - sie prognostizierten Kosten von rund zehn Milliarden Euro, eine Zahl, die ein renommiertes Gutachterbüro ermittelt hat. Das Projekt hat die Stadt, ja ganz Baden-Württemberg gespalten, Zigtausende protestierten immer wieder auf der Straße.

"April, April - es wird doch teurer"

2011 gab es in Baden-Württemberg eine Volksabstimmung, in der mit viel niedrigeren Zahlen operiert wurde - eine Mehrheit hat damals für das Projekt gestimmt. Hat man die Bürger etwa mit falschen Zahlen geködert? Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen.

2013 sagte selbst der damalige Bahnchef Rüdiger Grube, wenn er 2010 gewusst hätte, was er jetzt weiß, hätte er mit dem Bau von Stuttgart 21 niemals begonnen.

Es wäre zu einfach, das Problem auf die Ingenieure abzuwälzen, die den neuen Bahnknoten bauen. Verheerend ist dieses Spiel, wenn es wieder heißt "Jetzt wissen wir wirklich, was es kostet", und dann heißt es eben wieder: "April, April - es wird doch teurer."

Angesichts von Fake News, angesichts von Populisten, die stets die große Verschwörung vermuten, ist es fatal, wenn Stuttgart 21 zum Demonstrationsobjekt für die Unzuverlässigkeit von Aussagen aus Wirtschaft und Politik wird.

Der finanzielle Schaden mag groß sein, der Schaden für die politische Kultur, für die Glaubwürdigkeit aber ist gewaltig.

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