• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 08:30 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heute"Subventionsheuschrecke" Nokia zieht es nach Asien10.10.2011

"Subventionsheuschrecke" Nokia zieht es nach Asien

Werk in Rumänien wird zum Jahresende geschlossen

Die Wellen schlugen hoch, als in Bochum vor drei Jahren das Nokia-Werk geschlossen wurde und die Angestellten auf der Straße standen. Den finnischen Konzern zog es damals nach Rumänien. Nun droht den Arbeitern dort dasselbe Schicksal.

Von Annett Müller

Ein Schild weist den Weg zum Technologiepark Tetarom III und dem Sitz des Nokia-Werks im rumänischen Jucu bei Klausenburg. (AP)
Ein Schild weist den Weg zum Technologiepark Tetarom III und dem Sitz des Nokia-Werks im rumänischen Jucu bei Klausenburg. (AP)

Bogdan Colceriu ist auf dem Weg zur Nachtschicht, um preisgünstige Handys für Nokia zusammenzubauen. Im Werk, das in der rumänischen Gemeinde Jucu steht, verdient er monatlich rund 200 Euro netto. Dass sich der Weltmarktführer Noika vor drei Jahren in seiner Gegend ansiedelte, hat der 25-Jährige einst als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden:

"Wir dachten Nokia würde uns als Firma aus dem Westen ein besseres Lebensniveau ermöglichen. Deshalb hatten wir uns so gefreut, als der Konzern nach Jucu kam. Aber jetzt durchleben wir das, was die Bochumer erfahren haben. Die Leute hier sind entsetzt darüber."

Für 60 Millionen Euro hatte Nokia sein rumänisches Werk aus dem Boden gestampft. Ende Dezember wird es dichtgemacht, weil der Konzern wieder einmal aus Kostengründen seine Handyproduktion verlagern will - diesmal nach Asien. Vor wenigen Tagen überbrachte die finnische Firmenleitung der Belegschaft in Jucu die Nachricht:

"Die Leute haben wütend die Betriebsversammlung verlassen, manche haben geweint. Das ist doch auch ganz natürlich so. Viele sind bei Banken hoch verschuldet, andere haben eine Familie zu ernähren. Mein Vorteil ist, dass ich Single bin und auch keinen Kredit aufgenommen habe."

Existenzangst - ein Gefühl, dass die früheren Nokia-Beschäftigten aus Bochum nur zu gut kennen. Anfang 2008 hatte ihnen der Handyhersteller die Werkschließung verkündet, monatelange Proteste folgten.

Bogdan Colceriu hingegen will den Firmenbus nicht verpassen, der ihn zur Nokia-Schicht bringen soll. An der Haltestelle gibt es mit den Kollegen nur ein Thema: der Weggang von Nokia. Rund 2200 Mitarbeiter sind betroffen. Ähnlich hoch war die Zahl einst in Bochum:

"Sie haben uns verhöhnt, genauso wie die Leute in Bochum. Nokia hat uns hier wie dort verspottet und erniedrigt."

Colcerius Kollege sagt seine Meinung, nicht aber seinen Namen. Nokia hat ihnen ausdrücklich verboten, Interna zu erzählen. Das verunsichert die meisten. Auch für Proteste fehlt bislang der Wille. Oder vielmehr der Mut. Viele befürchten, dass ihnen der Konzern womöglich keine Abfindung zahlt, wenn sie jetzt aufbegehren:

"In Bochum hat das Kollektiv viel mehr zusammengehalten, weil es wusste, was es wollte. Diese Solidarität gibt es bei uns nicht. Wir sind so formbar wie Teig. Wir passen uns an, so wie es von uns verlangt wird, weil wir ängstlich sind."

Gegenwind erhält Nokia derzeit vom Kreisrat in Cluj. Die Regionalverwaltung will prüfen, ob man die staatlichen Beihilfen zurückverlangen kann. Rund 24 Millionen Euro sind in die Infrastruktur für die Nokia-Fabrik geflossen. Ob dafür der finnische Konzern im Gegenzug Auflagen zu erfüllen hatte, ist jedoch unklar. Der Vertrag mit dem früheren Kreisratschef ist unter Verschluss und darf erst veröffentlicht werden, wenn Nokia das Werk schließt. Ein entscheidender Nachteil findet Cristian Copil, Chef der Gewerkschaft bei Nokia. Er wollte den Vertrag als Druckmittel einsetzen:

"Wir wissen nicht, was Nokia 2008 versprochen hat, als der Konzern nach Rumänien kam. Wenn wir die Daten hätten, würden wir genauso verfahren wie in Bochum. Dort hat man klar gesagt: Wir haben Euch die und die Summe gegeben. Wenn Ihr jetzt geht, dann wollen wir das und das von Euch."

Bislang bietet Nokia den rumänischen Arbeitern nur einen Bruchteil der Abfindungen, wie sie in Deutschland gezahlt wurden. Die Gewerkschaft lehnt das bislang ab. Zudem fordert sie ein Umschulungsprogramm für die Belegschaft. Die hat bei Nokia viel hingenommen: ein Zwölfstundenpensum für einen Minilohn. Dazu kamen oft noch zwei Stunden für den Arbeitsweg. Nach solchen genügsamen Mitarbeitern würden sich die Firmen die Finger lecken, meint Ludger Thol vom Vorstand der deutsch-rumänischen Außenhandelskammer:

"Die Nokia-Mitarbeiter sind neben ihren geringen Nettogehältern, sehr geknechtet' worden. Nokia hat eigentlich richtig über sie bestimmt. Und ich glaube, ein Mitarbeiter, der das zwei, drei Jahre mitgemacht hat, kommt bei anderen Firmen relativ gut unter, weil er als pflegeleicht gilt."

Bogdan Colceriu will im neuen Jahr wieder als Installateur arbeiten, wie schon vor seiner Zeit bei Nokia. Er erzählt einem Freund davon - am Telefon. Es ist ein Nokia-Handy. Will er das jetzt boykottieren? Nein, sagt Colceriu. Es muss noch eine Weile halten. Das Telefon hat ihn schließlich fast die Hälfte eines Monatslohns gekostet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk