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StartseiteKultur heuteSuche nach Vergebung18.10.2012

Suche nach Vergebung

Matthias Glasners Film "Gnade" im Kino

Immer geht es um Schuld und wie sie zu schultern ist: Regisseur Matthias Glasner verlangt in seinen Filmen dem Publikum ab, die Perspektive des Täters oder der Täterin einzunehmen. In "Gnade" gerät ihm das reichlich konstruiert – aber in großartigen Bildern.

Von Josef Schnelle

Filmregisseur Matthias Glasner. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Filmregisseur Matthias Glasner. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Der Titel verrät schon die Pointe des Films. Es geht zwar um Schuld und Sühne - aber am Ende geht es gnädig aus. Wenn der Titel schon die These verrät, wie kann der Film noch sein Geheimnis behalten? Irgendetwas stimmt auch nicht in der Psychologie der Figuren. Matthias Glasners Film ist leider gedanklich schludrig und über weite Strecken unglaubwürdig. Warum nur ist es trotzdem ein großartiger Film? In Hammerfest, nördlich des Polarkreises in Norwegen wollen Niels und Maria einen neuen Anfang wagen. Niels hat einen attraktiven Job bekommen als Ingenieur in der Erdgasverflüssigungsanlage. Maria arbeitet inzwischen in einem örtlichen Hospiz. Sie ist mitgegangen nach Norwegen weil sie ihrem halbwüchsigen Sohn die Familie erhalten wollte. In neun Monaten haben die beiden leidlich Norwegisch gelernt, aber ihre Beziehung ist so erkaltet wie die Landschaft um sie herum. Außerdem schafft es die Sonne zwischen 22. November und dem 21. Januar am Polarkreis nicht mehr über den Horizont. Im ewigen Dämmerlicht in Schnee und Eis wirkt das Leben seltsam verlangsamt und reduziert. Niels hat eine Geliebte am Arbeitsplatz und Marias Mitteilung nach einem Unfall lässt ihn zunächst kalt.

"Ich hab was angefahren. Ein Hund oder was. Weiß auch nicht was, aber da war was." - "Ein Hund?" – "Ich hab auch angehalten, aber dann hab ich Angst gekriegt." – "Angst?" – "Weißt Du nicht, was Angst ist?""

Plötzlich liegt Unausgesprochenes über der Beziehung dieses Paares. Was tun mit der Schuld? Normalerweise würde die eine Beziehung, zumal eine in Schwierigkeiten zerstören. Bald stellt sich auch heraus, dass die Schuld größer ist als angenommen. Maria hat etwas angefahren. Dann ist sie in eine seltsame Starre verfallen und wenig später einfach weiter gefahren. Sie hat sich keine Gedanken mehr gemacht, um das was geschehen sein könnte. Wenigstens Niels erzählt sie davon und wartet ängstlich darauf, dass die ersten Zeitungen erscheinen.

"Was steht drin?" – "Es ist 'n 16-jähriges Mädchen." – "Sie war auf dem Heimweg von 'ner Party. Wahrscheinlich war sie betrunken. Sie konnte noch von der Straße kriechen." – "Wie von der Straße?" – "Dann ist sie in irgend so´n Schneeloch gefallen." – "Dann war sie noch gar nicht tot."

Solche Schuld würde normalerweise eine Beziehung zerfressen. Doch diese Beziehung, die eigentlich schon zu Beginn des Films zerrüttet ist, wird unerwartet doch noch erneut zusammengeschweißt. Niels bricht seine Affäre zu einer Kollegin ab und will ganz für Maria und für seinen Sohn da sein. An dieser Stelle wird der Film zur unglaubwürdigen Konstruktion. Kann jemand aus einem Pflegeberuf wirklich ein hilfloses Wesen einfach so zurücklassen? Kann eine Beziehung am Rande des Zusammenbruchs durch gemeinsame Schuldverwaltung doch noch gerettet werden? Matthias Glasner ist seit seinem Vergewaltigerdrama "Der freie Wille" , 2006 gedreht aus der Sicht des Vergewaltigers mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, ohnehin bekannt als ein Filmregisseur, der ungewöhnliche Perspektiven zu seinem Markenzeichen gemacht hat und keine Angst vor Tabus und Grenzverletzungen hat.

Matthias Glasners Film ist ein seltsames Stück. Derart großartige Filmbilder im Licht der ewigen Dämmerung hat man seit Friedrich Wilhelm Murnau im deutschen Kino nicht mehr gesehen. Dagegen wirkt die Story des Films seltsam konstruiert. Der "Look" dieses Films erschlägt die Botschaft, die ohnehin nicht wirklich ernst gemeint sein kann. Regisseur Matthias Glasner bekennt im Interview, dass ihn eigentlich nur der Drehort zu dieser Geschichte verführt hat

"Warum wollen wir irgendwo hin, wo man uns nicht will oder wir erkämpfen wir uns unser Leben in einer feindseligen Umgebung. Das fand ich ein dankbares Setting für die Geschichte."

Glasner ist trotzdem der visuell beste Filmemacher seiner Generation. Vielleicht sind seine Gedankenkonstrukte doch ein wenig zu intellektuell. Film ist schließlich reine Emotion.

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