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StartseiteBüchermarktSüchtig nach Lügen08.11.2002

Süchtig nach Lügen

Kiepenheuer & Witsch, 208 S., 16,90 €

<em>Boy meets girl and girl meets boy. Was gibt es in einer Welt, deren Träume in Hollywood oder einer seiner vielen Zweigstellen produziert werden, mehr zu erzählen? Was bleibt übrig von den großen Menschheitsrätseln, nachdem sie den exakten Wissenschaften überantwortet wurden? Welche Gegenstände sollte sich die Literatur erschließen, an einem Punkt ihrer Entwicklung, da allgemeiner Konsenz ist, dass sie sich bereits alles erschlossen hat? Hier paßt einmal mehr die Antwort des modernen Systemtheoretikers: Es kommt nicht auf das Was an, sondern auf das Wie. Nicht der Inhalt ist interessant, sondern die Perspektive auf den Inhalt. Also, einmal mehr boy meets girl and girl meets boy. Nun erzählt von Christoph D. Brumme, der mit "Süchtig nach Lügen" seinen dritten Roman vorlegt.</em>

Matthias Eckoldt

Hannah und der Ich-Erzähler treffen sich, wo sich heute Singles treffen. Auf einer Party. Sie streift die Ringe von ihren Fingern und erzählt zu jedem eine Geschichte. Tragische Geschichten, die von Flucht, Tod und Einsamkeit handeln. Eine Beziehung zwischen zwei Menschen beginnt, die von Anfang an nicht fürs Glück taugt, so sehr es die beiden Liebenden auch ersehnen. Brumme versteht es unnachahmlich, schon im ersten Glück die Vorzeichen der Katastrophe auftauchen zu lassen, die sich von nun an entfalten wird.

Ich streckte meine Hand aus, um nach ihrer zu greifen. Sie umklammerte ihr Glas. - Ich bin nicht der Typ fürs Händchenhalten, sagte sie. - Ich zog meine Hand zurück. - Bist du beleidigt? fragte sie. - Nein, sagte ich. - Nun gib deine Hand schon her, sagte sie. - Sie kratzte mit ihren Fingernägeln meine Lebenslinie entlang.

Am Detail wird das Ganze deutlich: Die Zärtlichkeit ist roh. Gerade dadurch aber stößt sie nicht ab, sondern bindet, weil sie das Ersehnte offen lässt. Jede kratzende Berührung stachelt die Sehnsucht an und wird zu einer Art Versprechen auf eine vollkommene Zukunft. Ein paradoxes Prinzip, das Hannah und den Ich-Erzähler in einen Höllenkreis einschließt. Sie gehen miteinander ins Bett, doch Hannah weigert sich in den ersten beiden Wochen, ihre Kleidung abzulegen. Als er sich auszieht, da es ihm angeblich unter der Decke zu warm wird, kritisiert sie Farbe und Schnitt seiner Slips.

Brumme erzählt den Wahnsinn, ohne dass seine Figuren verrückt wären. Dabei spielt er wie nebenher furios auf der Klaviatur des Thrillers. Die Katastrophe wird durch kleine Hoffnungsschimmer zurückgehalten. Ein Effekt, den man von Hitchcock kennt, wenn am Morgen nach einer grausiger Nacht die Sonne in einer freundlichen Landschaft aufgeht und keine angriffslustigen Vögel mehr zu sehen sind. In "Süchtig nach Lügen" gibt es in fast jeder Szene solche Ritardandi, eingefangen in nur einem Satz, wie: "Rasch ergab sich ein Rhythmus: an einem Tag sahen wir uns, am nächsten nicht." Wo ein Rhythmus ist, muß es auch einen Gleichklang geben, so denkt man als Leser. Vielleicht sind es doch nur kleine Missverständnisse, normale Abgleichbewegungen, die bislang nur so unheilschwanger wirkten. Doch nur Sätze später wird die Hoffnung zunichte gemacht. Wie bei Hitchcock ein einziger Vogel die friedliche Morgenstimmung zerstört, so ist es bei Brumme Hannahs erste Replik am Telefon. Anstelle einer Begrüßung fragt sie: Weshalb rufst du an? Und schon greift die paradoxale Logik einer Beziehung, die unter der Last der in sie hineinprojizierten Hoffnungen und Erwartungen zusammenbrechen muss.

Sie erreichen sich nicht. Es gibt keinerlei Möglichkeit, einen verlässlichen Kontakt zueinander aufzunehmen. Dazu Brumme:

Und das Furchtbare ist, und das ist für mich auch sehr modern, sie bieten Verhaltensweise wie Versatzstücke an und merken nicht, dass sie nur mit dem Verhalten des anderen experimentieren. Sie bietet das ganze Programm. ... Alles ist möglich sagt sie, und tatsächlich ist gar nichts möglich außer Qual, Selbstqual, Selbsthass. Der Verlag hat es meines Erachtens sehr genau beschrieben. Es treffen Bindungsangst und Lebensgier aufeinander. Zwei sich ausschließende Prinzipien. Sie wollen alles und bekommen nichts. Sie glauben frei zu sein und sitzen in der Zelle. Und im anderen suchen sie immer nur den Wächter. Der andere muss alles bieten. Ein Kulturprogramm, geilen Sex, Unterhaltung, sinnliche Bedürfnisse erfüllen, für Nahrung und Kleide und Miete sorgen, Reisen bezahlen. Der andere soll alles bieten. Schön sein, attraktiv sein. Und genau diese Maßlosigkeit - wie im Märchen: Man sucht einen großen Schatz und hat am Ende nur Sand in der Hand. Wer zu viel will, bekommt gar nichts.

Aufschlussreich für den Roman ist die Rahmenhandlung. Der Ich-Erzähler geht mit drei Bekannten ins Kino. Sie sehen die Truman-Show. Mit der Wahl dieses Filmes gibt Brumme den Interpretationshorizont seines Werkes vor. Truman ist der Mensch, der sein Leben nicht in eigener Regie führt. Er ist das Produkt einer gewaltigen Inszenierung. Der Kampf der beiden sich quälend Liebenden in Brummes Roman steht mit dem Film in enger Beziehung. Auch sie agieren wie ferngesteuerte Wesen, nur dass, anders als im Film, der Regisseur seinen Platz verlassen hat und nicht mehr für die dramatische Ordnung sorgen kann. Die Figuren sind allein mit ihren fremdgesetzten Zwängen. Fremdgesetzt von einer unglücklichen Kindheit, von der besonders der Ich-Erzähler nicht müde wird zu berichten, und fremdgesetzt von einer Gesellschaft, die Glücksversprechen wie Gott einst das tägliche Brot gibt. Hannah und ihr Geliebter wollen nichts so sehr wie glücklich sein, endlich glücklich sein und merken, in jedem Moment, dass sie das Ziel verfehlen werden. Ihr Scheitern ist miteingeschrieben, wenn er auf Hannahs Frage, ob er überhaupt glücklich sein kann, antwortet:

Ich hoffe, dass ich es kann. Vielleicht hilfst du mir, glücklich zu sein.

Der andere, der sich selbst nicht ertragen kann, solls richten. Brumme

Ich denke, dass zu keiner Zeit Menschen in einer derart trostlosen Einsamkeit gelebt haben wie heute. Die Sprache ist entleert. Viele werden von den Ansprüchen, die die Gesellschaft einflüstert, unendlich verhöhnt, niemand hat den perfekten Körper, niemand entgeht dem Altern, keiner erlangt die Unsterblichkeit. Wir kleben alle wie an Sekundenklebern. Nie waren Schritte, waren Spaziergänge derart mit Lasten beschwert wie heute. ... Es ist zweifellos eine grauenvolle Geschichte, dass Menschen die Religion nicht mehr praktizieren. Das ist die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. ... Das Dasein hat keinerlei Sinn, wenn Ideen, Träume und Hoffnungen nicht über das Unmittelbare hinausgehen. Dann gibt es keine Hoffnung, keine Lust, keine Intensität. Dann gibt es nur die Selbstquälerei zum Tode.

In seinem Roman gibt Brumme keinen Hinweis darauf, dass die Lasten, die der moderne Mensch stets mit sich herumschleppt, mit dem Tod Gottes zu tun haben könnten. Eben so wenig versteigt er sich dazu, als Religionsstifter à la Botho Strauss aufzutreten. Brumme diagnostiziert mit einer Kälte, die an den Krieger Ernst Jünger erinnert, die Blindstellen einer aufs Diesseits verpflichteten Glücksmaschinerie. Hannah und der Ich-Erzähler werden von ihr erfasst und scheitern. Am Schluss des Romans kommunizieren sie nur noch über Demütigungen, die teilweise so extrem sind, dass sie hier mit Verweis auf das Jugendschutzgesetz nicht ausgeführt werden.

Brumme hat nach seinen Romanen "Nichts als das" und "Tausend Tage" mit "Süchtig nach Lügen" wiederum ein Sprachkunstwerk geschaffen. Die Kunst jedoch besteht nicht in einem manirierten Sprachgebrauch, sondern im genauen Gegenteil. Brummes Schreiben ist bestimmt von einer selten gewordenen Sprachökonomie. Kein überflüssiges Wort findet sich auf den hundertachtundsechzig Seiten. Der weitest mögliche Verzicht auf Adjektive dünnt die Sätze aus, bis sie wie nackt dastehen. Diese Methode hinterlässt beim Rezipienten starke Wirkungen. Denn er selbst muss beim Lesen die Lücken ausfüllen und wird so Akteur in einer Geschichte, die ihm lange nicht mehr aus dem Kopf gehen wird.

Ich legte mich ins Bett. Hannah stürmte mit einem Messer ins Zimmer. Jetzt schrie ich. Schreien kann ich. Sie blieb stehen, drehte sich um, lief wieder hinaus. Ich löschte das Licht und schlief ein. Ich wachte erst am nächsten Morgen auf. Hannah saß schon am Frühstückstisch. Sie zerschnitt einen Apfel. Ich sagte zu ihr: Der Urlaub ist zu Ende. Ich reise ab. Ich trenne mich von dir. Wir hatten noch keinen Analverkehr, sagte sie.

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