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StartseiteUmwelt und VerbraucherSüßer Genuss ganz ohne Kalorien30.09.2011

Süßer Genuss ganz ohne Kalorien

EU lässt Süßstoffe auf Stevia-Basis zu

Lebensmittel mit Stevia statt Zucker oder Süßstoff sind künftig in der Europäischen Union erlaubt: Die Industrie steht bereits in den Startlöchern, um die neuen Produkte auf den Markt zu bringen. Die Pflanze, um die es dabei geht, stammt aus Paraguay.

Von Mirjam Stöckel

Die Guarani-Indianer in Paraguay verwenden die Stevia-Blätter schon seit Jahrhunderten als Süßungsmittel (picture alliance / dpa)
Die Guarani-Indianer in Paraguay verwenden die Stevia-Blätter schon seit Jahrhunderten als Süßungsmittel (picture alliance / dpa)

Dass Stevia-Extrakte jetzt in Europa erlaubt werden, ist vor allem Jan Geuns zu verdanken – Biologieprofessor aus Belgien, mit unerschütterlichem Glauben an das große Potenzial der kleinen Pflanze.

"Die Süßstoffe sind bis zu 300-mal süßer sind als Zucker. Auch die Blätter kann man essen, sie sind 30-mal süßer. Und dabei sind überhaupt keine Kalorien im Spiel."

Anderswo auf der Welt wird Stevia zum Teil seit Jahrhunderten als traditionelles Süßungsmittel verwendet. Seit 1997 versuchte Jan Geuns, die Pflanzensüße über die Hürden des bürokratischen Zulassungsverfahrens in der EU zu bringen – mit immer mehr wissenschaftlichen Nachweisen über ihre Unbedenklichkeit. Jetzt endlich hat er auch die europäischen Behörden überzeugt.

"Ich bin sehr glücklich, dass wir jetzt eine Zulassung für die Stevia-Inhaltsstoffe als Süßstoff haben."

Stevia-Produkte dürften in Konkurrenz treten zu Zucker und vor allem zu künstlichen Süßstoffen wie Saccharin oder Aspartam. Wie diese verspricht es Süße ohne schlechtes Gewissen – allerdings auf pflanzlicher Basis. Schon bald dürften Stevia-Produkte überall in den Supermärkten stehen.

"Stevia kann zum Beispiel ganz leicht in Erfrischungsgetränken oder Milchprodukten verwendet werden. In Joghurt und Sojadrinks ist es auch ganz einfach einzusetzen. Und wir können damit sogar gute belgische Schokolade machen – ohne Zucker."

Tatsächlich steht die Lebensmittelindustrie längst in den Startlöchern. Die US-Unternehmen Cargill und Coca-Cola drängen mit ihrer gemeinsam entwickelten Stevia-Tafelsüße unter dem Namen Truvia auf den europäischen Markt – als Konkurrenz zu Natreen & Co. Mit einer aufwändigen Werbekampagne - zuerst in Großbritannien, andere Länder sollen folgen. Danone hat einen Joghurt mit Stevia im Angebot, ebenso die Bio-Molkerei Andechser – und auch Stevia gesüßte Erfrischungsgetränke gibt es bereits.

Andere Unternehmen entwickeln weitere Produkte auf Stevia-Basis. Den Rohstoff dafür beziehen sich heute überwiegend aus Asien. Doch das könnte sich ändern. Agrarwissenschaftlerin Christa Lankes vom Bereich Gartenbauwissenschaft der Universität Bonn hat das süße Kraut erforscht – und herausgefunden: Stevia lässt sich auch hier mit gutem Ertrag anbauen.

"Sie stellt keine besonderen Ansprüche. Weinbauklima wäre bei uns in Ordnung. Das heißt, relativ warme, trockene sonnige Böden. Sie braucht durchlässige Böden, aber relativ viel Wasser, wenn sie im Hauptwachstum ist, das heißt, es sollten nur Anbauer Stevia in Erwägung ziehen, wenn sie über Bewässerungsanlagen verfügen."

Eines aber ärgert Jan Geuns und die übrigen Stevia-Freunde: Bislang hat die EU den Pflanzensüßstoff nur in bestimmten Lebensmitteln zugelassen – wie eben Softdrinks und Joghurts oder Marmeladen und Eis. In Backwaren beispielsweise bleibt Stevia-Extrakt aber tabu. Was der Lebensmittel-Industrie ebenfalls nicht erlaubt ist: getrocknete Stevia-Blätter zu verwenden. Dabei werden die Blätter in Südamerika seit Menschengedenken eingesetzt. Erika Morath, die in Kolumbien aufgewachsen ist, weiß das aus ihrer Kindheit:

"Bei unseren Urlauben in den Indianerdörfern haben wir bei den Indianern gesehen, dass sie von einer Pflanze Blättchen abzupfen und sie zum Süßen nehmen. Mit dieser Pflanze habe ich mich dann befasst und habe sie dann meiner Mutter gezeigt. Und die haben wir dann auch zu Hause verwendet."

Genau das will ein Tee-Hersteller aus Bayern auch und streitet deshalb vor Gericht darum, dass er seinen Tee-Mischungen Stevia-Blätter beifügen darf. Parallel dazu hat – wen wundert's – Professor Geuns einen Zulassungsantrag für die Blätter in Brüssel gestellt. Doch der hängt im Verfahren fest. Für ihn ist klar: Er wird den großen Kampf weiterkämpfen – bis seine kleine Pflanze in Europa endlich völlig ohne Einschränkungen genutzt werden darf.

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